01.11.15

Magdi Aboul-Kheir

Wie mich zwei Flaschen Bier moralisch zu einem Aussätzigen machten

Diesen Text wollte ich schon sehr lange schreiben, aber ich habe keinen Dreh gefunden, wie ich diese Geschichte erzählen kann, ohne wie ein Idiot dazustehen. Mittlerweile habe ich eingesehen, dass es diesen Dreh nicht gibt. Na denn.

Manchmal tut man nämlich blöde Dinge. Manchmal tut man peinliche Dinge. Und manchmal kombiniert man beides mit bemerkenswerter Inkompetenz.

Es war so: Die Schulklasse meiner Tochter fuhr zum Zelten. Nicht nur die Kinder, sondern auch Eltern und Geschwister. Ein großes Gemeinschaftserlebnis also. Die organisierenden Eltern, Herr und Frau P., machten schon im Vorfeld klar: kein Alkohol, keinen Tropfen, um Tunichtgute und Schlawiner wie zum Beispiel ihren eigenen Sohn nicht auf dumme Gedanken zu bringen. Schließlich sind in der siebten Klasse schon etliche Frühpubertierende, und man muss da kein Fass aufmachen. Sozusagen.

Freilich trug Familie P. dieses Alkoholverbot mantraartig vor sich her, wodurch sich pubertärer Widerstandsgeist regte – und zwar meiner. So sagten meine Frau und ich: Ein Bierchen am Abend im Zelt, das wäre schon nett und geht auch keinen was an. Also schmuggelte ich ein paar Flaschen Pilsner Urquell auf den Zeltplatz.

Es war dann ein schönes Zeltwochenende samt Wanderung, Spiele, Grillen, Lagerfeuer. Und spät abends tranken meine Frau und ich in unserem Zelt lecker Pilsner Urquell. Als ich vor dem Schlafen noch den Drang der Natur spürte, kam ich – und nun folgt der erste peinliche Idiotismus – auf die lustige Idee, die leeren Bierflaschen hübsch in Reih und Glied vor dem Zelt des Sohnes der Familie P. aufzustellen. Was ich mir dabei dachte, kann man sich ja denken.

Am kommenden Morgen wurde aufgeräumt, und ich schielte immer mal wieder zu den Zelten der Familie P.: Gab es dort Unfrieden? War der Sohn gerügt worden? Ich hatte ein schlechtes Gewissen, aber nicht schlimm.

Zu guter Letzt wurde Kassensturz gemacht. Jeder hatte schließlich etwas für die Gemeinschaft besorgt – Klopapier, Feuerholz, Frühstück –, und das sollte nun korrekt abgerechnet und umgelegt werden. Ich hatte Brotlaibe und Hefezöpfe für alle gekauft und übergab Frau P. den Kassenbon. Den Kassenbon, auf dem alle, wirklich alle Einkäufe für das Wochenende standen.

Ich will diese Geschichte nicht unnötig in die Länge ziehen, auch wenn der zweite peinliche Idiotismus wirklich außerordentlich peinlich und idiotisch war. Einige Tage später erhielt ich gerechterweise eine Mail von Frau P.: »Hallo Magdi, vielen Dank für den Kassenzettel, du bekommst noch 8,40 Euro heraus. Ich habe mir aber erlaubt, das Pilsner Urquell nicht in die Gesamtrechnung aufzunehmen.«

Wenn einer eine Idee hat, wie ich diese Geschichte erzählen kann, ohne wie ein Idiot dazustehen, bin ich für sachdienliche Ratschläge dankbar. Ich lass mir das auch ein paar Bier kosten.