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02.05.07

Magdi Aboul-Kheir

Französisch Fuß und Nasenporno

Wie alle Kolumnisten sollte ich über Gott und die Welt schreiben. Da mir jedoch über Gott kaum etwas einfällt, bleibt nur die Welt übrig. Hier sind es wiederum die Themen Autofahren, Heimwerken und Sex, mit denen sich jeder Mann auskennt. Leider bin ich weder in Sachen Autofahren noch Heimwerken ein Fachmann. Was Sex betrifft – nun, ein Freund riet mir vor nicht allzu langer Zeit: »Schreib doch mal was über Pornografie.«

Das wies ich von mir. Denn in einer nichtswürdigen Publikation hatte ich einst gelesen, der typische Porno-Konsument sei über 40, habe Glatze und Bauch. Da ich also stets viel zu jung war, kam das Thema für mich nicht in Frage. Neulich wurde ich zufälligerweise und höchst überraschend 40, Glatze besitze ich nun mal, und Bauch ist Ansichtssache. Wenn ich mich zum Beispiel im Spiegel ansehe, erkenne ich einen Bauch.

Ich spiegle jetzt folglich den Porno-Konsumenten schlechthin wider, soweit ist es schon gekommen. Dabei habe ich mit dem Thema nichts am Hut. Hatte es noch nie. Meinem ersten Pornofilm wohnte ich dazu wohl viel zu spät bei. Wenn ich zurückdenke an die Zeit der Adoleszenz, muss ich feststellen, dass ich die schulische Reife wohl vor der sexuellen erlangt habe. Mein Freundeskreis zu Teenagerzeiten spielte Fußball, Karten und trank Weißbier. Ein flüchtiger Bekannter fuhr, so gingen Gerüchte in unserer Kleinstadt, zwar hin und wieder ins Sexkino nach Ulm, doch war er ein miserabler Fußball- und Kartenspieler, vertrug auch nur wenig Bier, und so galt er nicht als Maßstab.

Meinen ersten Hardcore-Streifen sah ich erst bei der Bundeswehr, mit nicht mehr so zarten 19. Zur Feier des Tages saßen nicht nur meine Stubenkameraden komplett beisammen, auch die Nachbarstube war nahezu vollzählig zu Besuch; immerhin gab es Weißbier. Da hockten wir also zu zwölft auf ein paar Quadratmetern zusammen und sahen – ich erinnere mich verblüffend genau – »extrem versauten Krankenschwestern« bei ihrem Klinikalltag zu. Von Krankenhäusern hatte ich, da als Kind und Jugendlicher ziemlich gesund, nicht viel mehr Ahnung als von Pornofilmen, doch kam es mir reichlich unglaubwürdig vor, dass man sofort nach der Abgabe einer Urinprobe einen runtergeholt bekam. Meine späteren Einblicke in das Gesundheitswesen bestätigten diese Einschätzung. Auf jeden Fall dürfte diese Porno-Erfahrung – mit elf olivgrün gekleideten, zuweilen ächzenden Kameraden in einem miefenden Kabuff – ihren Teil dazu beigetragen haben, mich nicht zu einem Pornojünger konvertieren zu lassen.

Später praktizierte ich dann im Umgang mit dem anderen Geschlecht, zumeist im Rahmen dessen, was ich als monogamen Serialismus bezeichnete, bis mich ein Musikwissenschaftler darauf aufmerksam machte, dass es sich dabei um einen Ausdruck aus der Neuen Musik handelte, und ich wohl serielle Monogamie meinte. Von Pornografie aber keine Spur. Der kam ich nur in einer kurzen Phase näher, während der ich auf Premiere nicht-dekodierte Sexfilme ansah, also mit Balken, Streifen und anderen Bildstörungen, aber das war eben nur eine Phase und hatte überwiegend cineastische Gründe, vor allem wegen meiner Vorliebe für Experimental- und Dogma-Filme.

Aber Pornografie? Hier und heute?
Ich muss meine Frau fragen.

»Was hältst Du mal von einem Porno?«, frage ich beim abendlichen Sofafläzen.

»Mach Fuß«, sagt sie.

Das muss ich erklären. Die Sinnlichkeit im Eheleben wird dominiert von Käsebroten, vom Nackenkraulen auf dem Sofa, beziehungsweise von Fußmassagen. An einem typischen Abend massiere ich zunächst ausgiebig die Füße meiner Frau, hernach sie die meinigen, zumindest im Prinzip; leider ist sie dann oft sehr schnell müde und muss sofort ins Bett. Also bestehe ich oft auf gleichzeitig gegenseitiger Fußmassage – das nennen wir Fuß 69. Wenn man sich an den Zehen lutscht, heißt das übrigens französisch Fuß, aber das kommt in unseren Breiten selten vor. »Mach Fuß« drückt folglich kein Porno-Einverständnis aus.

Doch egal. Denn nun, mit 40, muss ich mich wohl Realität und Erwartungshaltungen stellen. Ich surfe ein wenig und lese zum Stichwort »Sex mit 40« zwar Sachen wie »je oller desto doller«, und bei Neckermann online soll ich den »brandneuen Bildband speziell für Paare ab 40« bestellen und darin Andrea (43) und Ralf (46) bei ihren Liebesspielen zusehen, aber dann stoße ich auf eine erotische Aufnahme von Joan Collins.

Nein, so soll es nicht weitergehen! Ich will Andrea und Ralf und Joan nicht zuschauen, mein eigenes Leben soll pornös werden. Zur Inspiration beschließe ich mutig, eine Hardcore-DVD auszuleihen. Was die Krankenschwestern wohl heute so treiben? Meiner Frau werde ich erzählen, ich hätte einen Bollywood-Musical besorgt, und lächelnd die Scheibe in den Player schieben. Dann machen wir es uns auf dem Sofa gemütlich, beginnen mit Nackenkraulen oder Fuß, ich drücke auf den Startknopf, und schon geht es los mit »Heiße Doktorspiele im Urwaldhospital« oder – vielleicht lieber etwas mit Heimwerken, da gibt es ja auch Nachholbedarf – »Operation Rohrfrei«.

Aber noch traue ich mich nicht. Erst muss ich ein Gefühl für die Sache entwickeln. Ein Glück, dass man dazu heute den multimedialen Haushalt nicht mehr verlassen muss. Der Computer ist das Tor zur Unterleibswelt. Ich lese Spam-Mails mit Betreffzeilen wie »Reiten auf dem Schaltknauf«, »Von null auf total hemmungslos« und »Ein kleines Sabberproblem«. Ich erfreue mich an Zeilen von »Katharina aus Gelsenkirchen, am Tag eine biedere Büromaus und am Abend die devote Schlampe«.

Dann wechsle ich zum Fernseher und zappe durch nächtliche Quizsendungen, in denen ein fragwürdiges Showtalent mit großzügig dimensionierter Brust zusammengesetzte Wörter mit »Auto-« sucht; mir fällt leider nur »-Hupen« ein. Aber ich bin auf dem richtigen Weg, schließlich kann ich so auch gleich noch etwas über Autos lernen.

Ich studiere die SMS-Kontaktanzeigen, die auf Videokanälen unten durchs Bild ziehen. »w22 sucht m zum f...«. So langsam komme ich in Fahrt. Was »w« und »m« ist, verstehe ich nämlich, und was »f...« bedeutet, wird mir auch rasch klar. Plötzlich steht da freilich: »Ich zeige dir meine nase m.....«, und nun bin verwirrt. Was meint die Schreiberin? Oder der Schreiber? Ich zeige dir meine Nase, Mann? Ist das der angesagte Sex-Trend? Mich beschleicht der Eindruck, dass ich sexuell noch viel mehr abgemeldet bin als befürchtet, längst hinter dem Erotik-Mond zuhause, wenn ich solch deftigen Ansagen offenbar nicht mal mehr kapiere.

Ich finde im Internet eine Seite, die allerlei Wörter mit »Nase...« auflistet. Tatsächlich, zwischen anderen ebenfalls nur bedingt gebräuchlichen Vokabeln wie »Nasenzimt« und »Nasendarm« findet sich auch »Nasenporno«. Erklärende Abbildungen oder Schemazeichnungen suche ich jedoch vergebens. »Ich zeige dir meine nase m.....« Auf einer Porno-DVD-Seite wird immerhin der vielsagende Titel »Mit dem Zinken in der Ritze« beworben.

Also entschließe ich mich, der Videothek meines Vertrauens einen Besuch abzustatten. Und gleich die neuen Erkenntnisse zu verarbeiten.

»Habt ihr irgendwas mit Nasen?«, flüstere ich der Arschgeweihträgerin hinter der Theke zu.
»Hasen?«, fragt Arschgeweih.
»Nasen.«

»Nasen?«

»Nasen!«
»Wie bist denn du drauf?«, fragt mich Arschgeweih mit Ekel in der Stimme.

Neben mir schiebt sich ein anderer Kunde – Mitte 40, Glatze, Bauch – an die Theke und leiht sich ohne Scheu »Prager Schinken« und »Die ultimative Rosetten-Schlacht« aus.
»Ja, irgendwas Versautes mit Nasen drin?«, sage ich nun absichtlich laut.
»Nasen mit Versautem drin?«
»Nein, Porno mit Nasen drin!«
Jetzt hat sie den Ekel auch im Gesicht. »Ich ruf mal den Chef.«

Der erscheint und hört sich mit stoischer Miene mein Anliegen an, verschwindet kurz und hält mir eine Videokassette unter die Nase, mit Mike Krüger und Thomas Gottschalk drauf. »Zwei Nasen tanken Super.«

»Das ist schon ziemlich krank«, sagt der Videothekar. »Aber wer's mag.«

Beim Rausgehen fällt mein Blick auf einen Stapel Pornofilme. »Die nasse Muschi der Latinakönigin«. Da klingelt es. »Ich zeige dir meine nase M...« Ach, so ist das.

Das ist nicht mehr meine Welt. Ich gehe nach Hause, am Abend schaue mit meiner Frau den Supernasen zu. Dazu machen wir Fuß 69.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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