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04.02.05

Magdi Aboul-Kheir

Bindenbrusse Episode 3: Schweineachse nach Chodenart

»Lendensteak Karel Gott«, und »Kotlett Sam Hawkins in Bohnen« – kein Romancier, kein Drehbuchautor, kein Lügenbaron hat mehr Fantasie als ein erstklassiger Küchenchef. Die wissen, wie sie die Hungrigen und Dürstenden in ihre Gaststuben locken. »Hühner Behaglichkeit«, »Bu-Bu Steak« und chinesisches »Gluck, mit Gemuse garniert«, wer mag da schon ernsthaft widerstehen? Da kann ja selbst die legendäre Bindenbrusse kaum mithalten.

Zu Beginn sollte man sich jedoch eine kleine Appetitanreger nicht entgehen lassen. »Warme Vorspesen« etwa, die erfreuen auch den Geschäftsmann. Danach ist es aber an der Zeit, so richtig zuschlagen, und was eignet sich zur Völlerei besser als ein gediegenes Schweinefleischgericht? Aus der guten alten Sau kann man ja heute allerhand Unkonventionelles bereiten, zum Beispiel »Gemahlenes Schnitzel«. Auch wenn wir gern wüssten, was sich hinter oder in dem spanischen »Spanfeskel« verbirgt und ob »Gebackene Schweineachse« wirklich ein tragfähiges Gericht darstellt.

Natürlich kann man in unserer postmodernen Welt alles mögliche essen, ohne es zu hinterfragen. Wie wärs mit »Mule uberbacken«, slowakischer »Schinkentute« und niederländischer »Schwiebelnsuppe«? In einem französischen Fast-Food-Schuppen gibt es »Huhnweiss«; wer es leise und entspannt mag, bestellt »Ruheier«, und wen es vor gar nichts graust, dem sei eine große Portion »Mit Fett beschmierter Bauch« gegönnt.

Huhn, Eier, Bauch, da ist alles klar. Weniger eindeutig ist, was ein Inder in London auf seiner deutschen Karte stehen hat. »Schatf gewurztea Lanrm« das kann man noch erraten, ebenso »Linsen in einer scharf siissliclten und saiiertich gewiirzten Sauce«, und mit Mühe auch noch »Gornelen serviert neit einer siib-sauren, acharf gewiinlen Sauce«. Doch was ist »Einngebackten Strauâ«? Wer den Mut hat, »Rüten Steak fettfrei mit gekogte Gemüse und freies Salatbuffet« zu bestellen, der weicht auch nicht vor litauischem »Salat aus Salisierstämmen« zurück. Bleibt nur die ernsthafte, fast verzweifelte Frage, was »WaldhuterenNadel« ist. Bei »Aszu nach Chodenart« will man das nicht einmal mehr wissen.

Doch solches Unwissen birgt Gefahren. Kann man bedenkenlos »Ruchelachs« bestellen? Dürfen wir den Ethno-Lokalen vertrauen und »Scharfes Krokodil« ordern? Vielleicht passt »Beissend Dressing« gut dazu. Auf jeden Fall raten wir ab von »Heißer Kuchen aus knacksendem Teig«. Der Arzt warnt mit Recht vor »Steak mit Garnelle in Bazilien-Käsesosse«, und wer noch über seinen gesunden Menschenverstand verfügt, lässt auch die »Glühsahne mit Erdbeerenglasur« unverzehrt. Nur wer meint, eine ganz harte Nummer zu sein, sollte in die Tschechei reisen und sich eine Portion »Napalm-Hähnchen« vorsetzen lassen.

Eine Spezialität gerissener Küchenchefs ist es, deutschen Gästen auf den ersten Bick vertraut klingende Speisen anzubieten, die sich aber bei versuchtem Verzehr als ungenießbar erweisen. Wer mag schon auf einem »Teller gebacken« herumbeißen? Liegt die »Kohlesuppe« nicht arg schwer im Magen? Noch dazu, wenn man schon zu »Üppigem Industriellem Öl« aus Spanien gegriffen hat? Auch die Italiener setzen uns arg zu, vor allem mit ihren »Gebratenen Tintenfassringen«. Da hilft auch ein »Umschlag mit rotem Kaviar« nicht weiter.

Ein Glück, dass andere praktisch denken, zum Beispiel die Dänen, wenn sie uns »Käseteller Mit Zubehör« vorsetzen – das ist hilfreich. Unseriös klingt dagegen »Rindnetz aus Pilze«. Auch die Tschechen scheinen uns etwas vorzumachen: »Salat aus steinpilzartigen Pilzen«. Und was soll man von »Unbekannt Curry-fisch nach Saison Spezialitat des chefkoche« halten – eine Spezialität, die dem Chef nicht bekannt ist? Was versteckt sich Substanzielles hinter »Huhner Geschmack«, wem nützt schon die »Putenbrust im Teich«? Was ist die »Scheinsleber« wirklich?

Auf den ersten Blick glaubwürdig wirkt die ungarische »Huhnenbrust mit Joghurt im Brotleib«, doch lässt uns dieser Hinweis bezüglich der Huhnenbrust gleich wieder misstrauisch werden: »aus unserem Gemüsegarten«. Keinerlei Finten macht hingegen das Lokal, das »Risoto mit Reis« anpreist. Auch ehrliche Spanier sind auszumachen, wenn sie informieren: »Einigen Produkte wurden Tiefkuhlen sein«. Indiskutabel hingegen sind Angaben der Art: »Unser Käseangebot ist die Überraschung der Katze im Sack«.

Hunde, Kanarienvögel, Insekten – fremde Länder, fremde Speisen. Doch »Büste urwerlicher Frau« klingt verdächtig kannibalisch. Ebenso könnte es sich bei »Schweinefleisch auf Pferdehändler« um ein Ablenkungsmanöver handeln. Wer definiv nichts Menschliches zu sich nehmen mag, sollte hiervon die Finger lassen: »Kotelett des müden Bauern«, »Gastwirtspiess«, »Kartoffelpuffer mit Brautwurst«, »Kinder Purre mit Kakao«, »Im offen gebratene Jungfern« mit dem dazu passenden »Jungfernol«. Wer hingegen den Höhepunkt kannibalistischer Genüsse erleben will, sollte sich an »Mix Gril auf lava Stein« halten. Denn: »Der Gast bereitet sich selbst bei dem Tisch«.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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