05.02.18

Magdi Aboul-Kheir

Im Spamfilter braucht man kein Licht

Manchmal stelle ich mir schon die Frage, ob ich überhaupt noch da bin. Die Waage sagt ja, sogar immer mehr. Und der Philosoph würde allein aus der Beobachtung, dass ich mir die Frage stelle, meine Existenz ableiten, aber diese Deduktion ist schon seit 2000 Jahren langweilig. Genauso wie die Waage ohnehin kaputt ist.

Es gibt nämlich zwei Phänomene in meinem Leben, die man für sich genommen nicht erklären kann. Doch wenn man sie zusammenfügt, ergeben sie plötzlich einen Sinn: Ich bin nicht mehr da. Zumindest löse ich mich zunehmend auf.

Das eine Phänomen ist zu beobachten, wenn ich mich im Bad aufhalte. Ich stehe auf der kaputten Waage oder sitze auf dem Klo, das vor allem. Dann kommt meine Frau herein, kämmt sich, wirft einen Blick in den Spiegel oder etwas in den Wäschekorb, was auch immer. Und nun passiert es: Wenn sie das Bad verlässt, macht sie das Licht aus. Tagsüber wäre es mir egal, aber da habe ich das Licht gar nicht an. Sie tut es, wenn es draußen dunkel ist. Immer tut sie das. Ich bin im Bad, sie kommt herein, sie geht hinaus, sie knipst das Licht aus, ich sitze im Dunkeln.

Manchmal passiert das sogar in anderen Zimmern. Es sei eine mechanische Angewohnheit, behauptet meine Frau. Oder sie sagt: »Was sitzt du auch da rum?« Manchmal meint sie auch: »Du brauchst kein Licht.«

Das zweite Phänomen trägt sich zu, wenn ich meiner Frau eine Mail schicke. Sie reagiert nie darauf. Auch wenn es etwas Wichtiges ist, wenn ich ihr aus dem Büro eine dringliche Nachricht weiterleite - sie ignoriert es. Am Abend, wenn ich nach Hause komme, frage ich nach: »Warum hast du mir nicht auf die Mail geantwortet?« »Welche Mail?«, sagt sie. Dann stellt sich heraus: Meine Mail ist im Spamfilter meiner Frau gelandet.

Womöglich ist Yahoo-Mail rassistisch und hält meine Nachrichten angesichts meines arabischen Nachnamens automatisch für unlauter. Doch auch wenn man die Mail als Nicht-Spam markiert - die nächste landet wieder im elektronischen Orkus.

Statt Mails zu schreiben, könnte ich natürlich auch anrufen, aber ich habe Angst, dass dann keiner rangeht.

Vielleicht hat die Geschichte auch überhaupt keinen metaphysischen Hintergrund. Vielleicht handelt es sich nur um eine Retourkutsche, weil ich beim Tischdecken manchmal vergesse, meiner Frau Besteck hinzulegen. Vielleicht hätte ich dann auch nicht »Du brauchst kein Besteck« sagen sollen. Vielleicht sollte ich auch mal in meinen Spamfilter schauen. Vielleicht nennt man es Ehe.

Ich habe mich dann vorsichtshalber beleidigt aufs Klo zurückgezogen, um diesen Text zu schreiben. Aber jetzt muss ich Schluss machen. Gleich kommt meine Frau vorbei und macht das Licht aus.


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