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05.07.03

Magdi Aboul-Kheir

Mit dem Fahrstuhl nach Russland

Notizen aus dem Leben eines Medienbenutzers

Im Radio spricht ein Experte über das sicherste Verkehrsmittel. Nein, weder Flugzeug noch Bahn. Es handelt sich um den Fahrstuhl. Der gute Mann hat recht. Etwa schon mal gehört, dass zwei Fahrstühle zusammengestoßen sind? Oder dass einer entführt wurde?

Ich blättere in alten Illustrierten. »Mariah Carey: Sie ist wieder da – nur ohne ihre Kleider.« Die Arme. Ich blättere in der »Süddeutschen« und entdecke ein Super-Angebot: »Wenn Sie nebst einem fünf- bis siebenstelligen Einkommen Prämien wie Auto, Yacht, Flugzeug und Villa geschenkt bekommen wollen, dann rufen Sie heute noch an.« Mensch, das klingt aber mal gut.

Auf MTV verspeist ein weiblicher Jackass-Fan ein Brot, das mit dem Ohrenschmalz ihrer Idole beschmiert und mit deren Haaren belegt ist. Daraufhin wird sie zum Mega-Fan gekürt. Um auf andere Gedanken zu kommen, zappe ich zu RTL 2. Ein Quiz verbreitet Kurzweil: »Was steckt man Babys zur Beruhigung in den Mund? 1. Schnuller. 2. Cepacici.« Einfach anrufen und gewinnen. Ich rufe einfach an und gewinne nicht.

Per Mail trudelt ein seriöses Geschäftsangebot ein. Absender: »Mr. Peter Nduku, one of the former adviser on arms control and acquisition to the current president of Sierra Leone, His excellency Ahmed Kabbah.« Keine üble Referenz. Die Rede ist von Investitionen mit enormer Rendite. Die Sache hat natürlich viel mit Vertrauen zu tun und so, dafür gibt es nur wenig Formalitäten und null Risiko. Muss ich mir echt überlegen.

Blättere im Teletext. Stimme bei Votings mit ab: Neue Chance für Friedman? Soll Daniel Küblböck Deutschland beim Grand Prix vertreten? Darf Daniel Küblböck Deutschland beim Grand Prix vertreten? Muss Daniel Küblböck Deutschland beim Grand Prix vertreten? Haben Sie Angst vor Gen-Food? Zur Auswahl stehen immer »Ja« und »Nein.«. Entscheide mich stets ein Mal für »Ja« und ein Mal für »Nein«. Man weiß ja nie. Lande auf einer Teletext-Seite mit Telefonsex-Angeboten. Es locken Christina (»Von der Uni geflogen: Ich will poppen statt büffeln.«), Lola (»Warte nicht, bis ich alt bin«) und Babs, 21 (»Ossi-Zicke, hat eine Menge aufzuholen«). Ich neige zu »Fette Oma zu Vorkriegspreisen«, möchte aber zuvor einen Arzt fragen. Leider ist Dr. Brockmann tot und Dr. Brinkmann auch schon auf dem Altenteil.

Ein namensloser Personaldirektor trägt mir per E-Mail »ein zusätzliches monatliches Einkommen über 5.000 *« an. Ich weiß zwar nicht, um welche Währung es sich bei * handelt, aber 5000 klingt schon nach einer Menge Zaster. Zumal es heißt: »Keine Versicherung – Kein Haustürgeschäft – aber arbeiten müssen Sie bei uns auch!« Das schafft Vertrauen.

Noch eine Nachricht auf dem Rechner: »Hallo, nachdem ich Dir ja schon eine Mail geschickt habe, weiss ich leider nicht ob sie bei Dir angekommen ist, weil ich einen Fehler gemacht habe. Jetzt aber noch einmal: Bevor mich wieder der Mut verlaesst, will ich es gleich sagen: Ich habe mich wirklich in Dich verliebt! Da ich mich nicht traue es Dir persönlich zu sagen, habe ich mich entschlossen, mich bei einem tollen Angebot anzumelden und Dir diese Mail zu senden. Wenn Du wissen willst wer ich bin, gehe auf die Seite und gebe als usernamen ...« Muss ich unbedingt machen. Aber wozu brauchen die meine Kreditkartennummer?

Das Hemd spannt um den Bauch. Sitze wohl zu viel vor dem Fernseher und dem Computer. So kann ich ja keinesfalls die nette Dame aus der Mail kennenlernen. Die Wampe muss weg. Ein Glück, dass sich auch diesbezüglich ein netter Anbieter von selbst meldet. Mit »Figuran+Kapseln« wird nämlich alles besser. Das Mittel »wurde so entwickelt und zusammengesetzt, dass es sechs Faktoren vereint, mit denen Sie vor allem viele Zentimeter und im Durchschnitt 6 bis 12 kg pro Monat gesund abnehmen können ohne zu hungern«. Und das alles dank einer »thermogenetischen Reaktion« meines Körpers, ausgelöst von einem »Pulver aus zahlreichen verschiedenen Kräutern und Pflanzen«. Ja, Einblick schafft Vertrauen.

Der junge Mann im Radio kündigt einen »Oldie« an: das Titanic-Lied. Ist das schon wieder so lange her? Wie die Zeit vergeht! Was bedeutet »My Heart Will Go On« überhaupt? Das Internet-Übersetzungsprogramm hilft: »Mein Inneres geht auf«. Danke vielmals. »Smoke on the water and fire in the sky« heißt übrigens »Rauchen Sie auf dem Wasser und dem Feuer im Himmel«. Und »Yesterday all my trouble seemed so far away« auf gut Deutsch: »Gestern meine schien ganze Mühe bis jetzt weg«. Von wegen, man verblödet vor dem Computer und lernt nichts bei die Medien.

Wo wir schon beim Lernen sind: Im Computer wollen mich wieder tolle Frauen kennenlernen. »Hallo, lieben Sie junges, unverdorbenes Blut ...«, »Tired from demanding western wifes? Russian hosewifes are different and want to satisfy you!«, »I am home alone waiting for you. Just Katrina, her girlfriends and our little camera!«

Bin etwas verspannt. Schaue zur Abwechslung Soaps. Dann Krimis. Magazine. Boulevard Bio. Keine Ahnung, wer da zu Gast ist. Bin müde, alles dreht sich. Tomaten aus der Dose sind okay, aber den Pfeffer immer frisch aus der Mühle. Danke, Bio.

Erfahre, dass Bio den Boulevard bereits verlassen hat. Was hab ich dann gestern geglotzt? Kerner? Schnulleralarm? n-tv-Aktienkurse? Schaue ich zu viel fern? Oder zu wenig? Recherchiere im Internet über das Thema Medienerkrankungen. Symptome: Verbaldiarrhoe, Hirninkontinenz, Differenzierungs-Unverträglichkeit. Das ängstigt mich. Merke dann, dass ich auf einer Satire-Seite gelandet bin. Keine Erleichterung, stattdessen Schwindelgefühl. Träume von Talkshows: Friedman ist bei Bärbel Schäfer zu Gast. Dann Schäfer bei Friedman. Dann beide bei Fliege. Dann kochen alle gemeinsam bei Bio.

Wache schreiend auf. Schaue in den Spiegel. Bin blass. Ein Glück, dass mir per Mail die »Amish Healing Salve« angeboten wird. »From the heart of Amish country comes an all natural healing ointment passed down from several generations. Over 50.000 tins have been sold so far all over the world yet every tin is still made and packaged by the same family.«

Zur Entspannung wieder Teletext. »Heiße XXX-Spiele auf WC heimlich belauscht.« Ich weiß nicht so recht. Habe schon ein Rauschen im Ohr. Vielleicht doch zur »Gummibärchenparty«? Motto: »Wir haben die Bärchen. Hast Du den Gummi? Wir brummen live.« Es brummt. Es dröhnt. Es schwankt. Sollte wirklich zum Arzt. Dr. Breitenbach vielleicht? Praktiziert leider auch nicht mehr. Bekomme kaum noch Luft. Wie soll es weitergehen, was mache ich nur aus meinem Leben? Andere Menschen verbringen ihre Zeit immerhin damit, Bilder zu malen, auf denen Fred Feuerstein einen geblasen bekommt, wie ich im Internet sehe. Mir wird schwarz vor Augen.

Wieder besser drauf. Die Post bringt die Telefon-Rechnung. Von wegen Vorkriegspreise.

Ich sollte ein paar Tage ausspannen. Wegfahren. Vielleicht zu den Amish-Leuten mit der Salbe. Oder in Russland die netten Hausfrauen besuchen. Hoffentlich bekomme ich noch einen Fahrstuhl.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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