.


Zur Druckversion

06.04.06

Magdi Aboul-Kheir

Mein Leben als Bill Murray zweiter Klasse

Es gibt wenige Orte, an die man so gern zurückkehrt wie nach Punxsutawney. Die Kleinstadt in Pennsylvania, USA, in der Bill Murray, gefangen in einer Zeitschleife, Tag für Tag den »Groundhog Day« erleben muss, solange, bis er sein zynisches Ich verloren, dadurch Andie MacDowells Herz erobert und auch den Zuschauer erwärmt hat.

Die Rede ist natürlich von »Und täglich grüßt das Murmeltier«. Man schrieb das Jahr 1993, und seit dieser entzückenden Fantasykomödie findet man Bill Murray gemeinhin trotz aller zerknitterten Miesepetrigkeit witzig und cool und irgendwie liebenswert; ja, der Film führte sogar dazu, dass nicht wenige junge, gesunde Männer Andie MacDowell als eine Art heimeliges Sexsymbol entdeckten und sich wünschten, mit ihr auf einer abgelegenen Farm Schafe zu züchten, am Kaminfeuer zu kuscheln und dabei zahlreiche Kinder zu zeugen.

So weit, so kult. Ein paar Monate später kam ein Filmchen namens »12.01« auf dem Markt, das wie ein schlichtes Plagiat daherkam, eine US-Fernsehproduktion, die in Deutschland mit der Werbezeile »Gestern noch ermordet. Heute schon verliebt« in die Kinos geschickt wurde. Statt Bill Murray bekam man einen gewissen Jonathan Silverman vorgesetzt, der einem Kleiderschrank der 80er entsprungen schien, und anstelle Andie McDowells gab es Helen Slater, die man seinerzeit noch als Supergirl im Strampelanzug vor Augen hatte und die daher keinerlei Gedanken an Kaminfeuer, Fortpflanzung und noch nicht einmal an Schafzüchtung aufkommen ließ.

Die Handlung von »12.01«: Barry, ein schüchterner Angestellter, verliebt sich in die brillante Wissenschaftlerin Lisa, blitzt jedoch bei ihr ab; am Abend eines lausigen Bürotages wird sie vor seinen Augen erschossen. Am nächsten Morgen stellt Barry fest, dass sich das gerade Erlebte exakt wiederholt. Nun versucht er Tag für Tag, seiner Angebetenen das Leben zu retten und ihr Herz zu erobern.

Als »12.01« im Kino lief, verpasste ich ihn allerdings. Als er zum ersten Mal im Fernsehen zu sehen war, rief nach knapp der Hälfte ein Freund an und lud mich auf ein Bier ein. Bei der zweiten Ausstrahlung litt ich unter einer Lebensmittelvergiftung und schaffte es nach einer guten halben Stunde nicht mehr aus dem Badezimmer vor den Fernseher. Beim dritten Mal verpasste ich den Anfang des Films, kam mittenrein ins Geschehen, was mir aber auch nicht so recht gefiel, obwohl ich den Beginn ja bereits zweimal gesehen hatte, und so schaltete ich wieder aus. Das bereute ich spätestens bei Anlauf Nummer vier, einer Wiederholung spät in der Nacht, für die ich extra aufgeblieben war; ich schlief nach 20 Minuten ein.

Mir dämmerte: Ich war selbst in einer Zeitschleife gefangen. Ich musste diesen Film immer und immer wieder ansehen, ohne jemals das Ende mitzubekommen. Was für ein Fluch! Und dabei gab es zum Trost für mich keine Andie MacDowell, noch nicht einmal ein Murmeltier oder Helen Slater.

Weshalb ich »12.01« nicht einfach auf Video aufnahm? Auf den Gedanken kam ich gar nicht. Beim nächsten Mal musste es ja einfach klappen, oder etwa nicht? Und im Ernst: So wichtig war die Angelegenheit ja schließlich auch nicht. War sie es im Lauf der Zeit aber doch – denn wie dämlich kommt man sich wohl vor, wenn man einen ohnehin nur mittelmäßigen Film über einen Mann, der immer wieder von vorn beginnen muss, immer wieder von vorn ansieht?

Sieben Mal versuchte ich es. Vergebens. Mehr als eine knappe Stunde schaffte ich nie. Und dann kam »12.01« nicht mehr. Er wurde einfach nicht mehr ausgestrahlt, jahrelang. Ich würde also nie erfahren, ob Barry der Zeitfalle entkam und mit seiner Lisa ein Happy End erlebte – was ich übrigens gar nicht bezweifelte und mir ohnehin ausmalen konnte, denn sonderlich originell war der Film nicht. Aber darum ging es nicht, ich wollte es nur endlich einmal SEHEN. Was mir nicht vergönnt schien.

Bis vor wenigen Tagen. Ich lag mehr oder minder bewegungsunfähig im Krankenhaus, blätterte in einer Zeitung und jubelte: RTL 2 würde am Sonntagnachmittag »12.01« zeigen. Nichts und niemand würde mich davon abhalten, den Film in voller Länge – von Vor- bis Abspann, in wachem Zustand und in Besitz all meiner geistigen Kräfte – mitzuverfolgen. So geschah es: Barry entkam endlich der Zeitfalle, erlebte mit seiner Lisa das Happy End, und ich wurde erlöst. Es war wunderbar.

Naja, so wunderbar war es nun wieder auch nicht: Der Film ist wirklich weder richtig gut noch richtig schlecht. Beim nächsten Mal werde ich ihn trotzdem aufzeichnen und auf DVD brennen. Für alle Fälle. Denn auch wenn ich ihn mir wohl nie wieder anschauen werde – wenn ich wollte, könnte ich. Aber viel lieber mag ich mal wieder Punxsutawney einen Besuch abstatten und nachsehen, was Bill und Andie und das Murmeltier so treiben.



Wie finden Sie die Kolumne » Mein Leben als Bill Murray zweiter Klasse «?

Ihre Bewertung: wahnsinnig gut
sehr gut
gut
nicht gut




Dieses Feld bitte nicht ausfüllen:

Ihr Kommentar wird an Magdi Aboul-Kheir und den Herausgeber von kolumnen.de geschickt. Nutzen Sie dies Formular nicht für vertrauliche Informationen an unsere Autoren. Mit Nutzung dieses Formulars stimmen Sie einer etwaigen Veröffentlichung Ihrer Zuschriften (auch auszugweise) auf kolumnen.de, in unserem Newsletter oder auf unserer Facebookseite zu.

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Magdi Aboul-Kheir.

Foto: Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

Ausgewählte Kolumnen von Magdi Aboul-Kheir

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Magdi Aboul-Kheir

Geschenkt

*

Bei amazon.de hat Magdi Aboul-Kheir einen Wunschzettel mit Geschenkideen hinterlegt.

Lassen Sie sich gerne inspirieren. Herzlichen Dank.