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08.05.10

Magdi Aboul-Kheir

Dank Apple jetzt auch Mail und Filme aus dem Jenseits

Es war in einem gehobenen Restaurant, als mir bewusst wurde, dass es mir gelingen würde, mit dem unzeitigen Tod meiner Mutter seelisch irgendwie zurechtzukommen. In just diesem Speiselokal, in dem meine Eltern zu den Stammgästen gehörten, hatten wir eine Trauerveranstaltung abgehalten, und als ich ein paar Wochen später wieder dorthin kam, wurde ich von Frau L., der Inhaberin, begrüßt. Nach etwas Smalltalk fragte sie mich: »Und, was macht Ihre Mutter so?« Ich schaute wohl verdutzt drein und antwortete dann mechanisch, aber immerhin wahrheitsgemäß: »Nun, nicht arg viel.«

In diesem Moment dämmerte Frau L. etwas, und sie sah so aus, als ob sie sich wünschte, am liebsten im Boden zu versinken, doch nicht etwa um meine Mutter zu besuchen. Ich aber musste lachen. Furchtbar lachen – nicht weinen. Und genau das war der Moment, als ich merkte, dass ich loslassen konnte. Meine Mutter hatte Frau L. ohnehin nie sonderlich leiden können.

Etwas Unbegreifliches, Unfassbares bleibt nach dem Tod geliebter Menschen stets zurück, doch nun – mehr als vier Jahre später – zucke ich nicht mehr zusammen, wenn ich eine Mail vom Online-Bezahldienst Paypal erhalte: »Nicht vergessen: Blumen zum Muttertag!« Denn Paypal weiß Bescheid: »Jedes Jahr dasselbe – zu spät dran gedacht und dann keine Geschenkidee.« Warum nicht, finde ich, ein paar schöne neue Blumen aufs Grab?

Überrascht werde ich hingegen von dem Konzern, der uns die Technik von morgen liefert und uns ob seiner Innovationen immer wieder staunen lässt. Die Rede ist natürlich von Apple, der Firma, die nicht nur die Grenze zwischen Funktionalität und Design niedergerissen hat, sondern jetzt auch die Schwelle zwischen Leben und Tod nichtig werden lässt.

»Mach deiner Mama eine Freude«, schreibt mir Apple. »Verschenke zum Muttertag einen iPod mit persönlicher Botschaft.« Himmel, da wird doch jeder Pfarrer neidisch! Ob es katholische und evangelische Versionen gibt? Mit Playlists voller Kirchenlieder oder Hits toter Rockstars und ein paar Spielen, um die Unendlichkeit zu verkürzen? Auf jeden Fall erhalte ich Tipps für adäquate iPod-Gravuren. Nicht etwa: »Wie ist es so da drüben?«, »Ist Elvis auch dort?« oder irgendwas Lateinisches, nein, stattdessen »Willkommen im 21. Jahrhundert« und »Von wegen ruhiger Muttertag«. Das stimmt, an diesem Tag herrscht auf dem Friedhof reger Betrieb.

Apropos Betrieb: »Ticketcorner« schreibt mir ebenso und will »Emotionen schenken«, was dem Web-Shop anders als gedacht gelingt. Er will, dass ich »ein vergnügliches, gemeinsames Erlebnis« mit meiner Mutter habe. Wir sollen in den »Salon Bleu« des Continental Express einsteigen und uns »von einem liebevoll zubereiteten Menu auf einer gemütlichen Zugfahrt nach Luzern verwöhnen« lassen. Nein, das ist mir zu umständlich, auch wegen der Schweizer Zollvorschriften.

Dann tatsächlich lieber den iPod. Doch welches Modell ist nun das richtige? Ein iDead oder ein iGrave ist nicht im Angebot. Vielleicht der iPod shuffle? »Ein Geschenk, das Mama wirklich anspricht.« Nein, Shuffle klingt zu arg nach Schaufel, das finde ich auf dem Friedhof geschmacklos. Wie wär's also mit einem berührenden iPod touch? »Mach Mama zum Spielkind. Lass deine Mutter ihre Lieblingsspiele spielen, Filme ansehen, tausende Apps laden und sogar Mails senden und empfangen.« Natürlich gibt es schon Menschen, die sich mit ihrem Handy begraben lassen. Aber Mails – obwohl es kein DSL auf dem Friedhof gibt! Moment mal: Funktioniert GPS eigentlich auch im Jenseits?

Doch ich neige zum iPod nano. Der hat eine integrierte Kamera, »mit der Mama unterwegs Videos machen kann«. Liebe Apple-Menschen, das lässt sich nicht mehr toppen. Ich werde meiner Mutter dazu auch eine MySpace-Seite einrichten. Wenn das mal kein Geschenk ist.

Meine Mutter hätte diesen Text übrigens ziemlich makaber gefunden. Aber auch ziemlich lustig. Vielleicht schickt sie mir ja demnächst ein Video. Dann zeige ich es Frau L.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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