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»My Life According to Schuhschachtel. Mit niederländischen Untertiteln.« vorgetragen von Tom Wendt
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

10.07.05

Magdi Aboul-Kheir

My Life According to Schuhschachtel. Mit niederländischen Untertiteln.

Ich habe die schlechteste Videosammlung der Welt geheiratet. Einst gab es zum Erwerb der Ehefrau eine Aussteuerkommode, die allerhand Nützliches enthielt wie Bettwäsche, Handtücher und was man sonst noch so fürs traute Heim benötigte. Heute gibt es als Dreingabe nur wackelige Ikea-Regale, angenagtes Bistrogeschirr, Fotos von Exfreunden und andere ästhetische Altlasten.

Auch wenn eine Beziehung kein Versicherungsabschluss ist – dennoch begreift man erst nach und nach, was wirklich im Kleingedruckten steht. So mancher Partner stellt sich als erotische Mogelpackung, körperhygienische Eintagsfliege oder intellektuelle Alltagsbelastung heraus. In meinem Fall wurde ich Zeuge und Opfer eines heimcineastischen Offenbarungseids.

Erst wenige Wochen ein Paar, beschlossen meine Freundin und ich nach einem anstrengenden akademischen Tag, einen ersten gemütlichen Videoabend einzulegen. Sie legte das sehr gute israelische Drama »Life According to Agfa« ein, ein bewegendes, intensives und auch unterhaltsames Zeitdokument. Prima, dachte ich mir, das bestätigte unsere bereits festgestellte kulturelle Kompatibilität.

Ein paar Wochen später – wir wollten in den Biergarten, doch es regnete in Strömen – entschlossen wir uns zu einer zweiten Videosession. Als meine Freundin meinte, wir könnten doch »Life According to Agfa« ansehen, wurde ich aber leicht misstrauisch. Ich unterzog ihre Filmsammlung, in Schuhschachteln untergebracht, einer genaueren Inspektion. Die Kollektion bestand aus zahlreichen Holocaust-Dokumentationen und noch mehr Videos über das kurze, glücklose Leben der Lady Di. Schließlich fanden sich noch zwei Folgen der Astrid-Lindgren-Kinderserie »Ferien auf Saltkrokan« – auf Schwedisch mit niederländischen Untertiteln. »Hast Du keine guten Filme?«, fragte ich. Sie deutete empört auf »Life according to Agfa«. Dann fiel ihr noch etwas ein, sie kramte in einer Kiste und wurde tatsächlich fündig: »Das Hotel New Hampshire«. Immerhin, dachte ich, ein netter Film nach einem grandiosen John-Irving-Roman. Also schauten wir »Das Hotel New Hampshire«, sogar auf Deutsch ohne Untertitel, und waren es zufrieden. Exakt 28 Minuten lang. Dann verschwand Jodie Foster, und auf dem Band folgten alte Lindenstraßen-Folgen. »Ach, da sind die drauf«, sagte meine Gefährtin.

Die Jahre gingen ins Land, wir zogen zusammen, und alles war gut. Besser gesagt: fast alles. Denn cineastisch gestaltete ich unsere Heimabende mit meiner zwar kleinen, aber gediegenen Video-Sammlung hochwertiger Unterhaltungsfilme und zeitloser Kinoklassiker. Problematisch war lediglich, dass wir so viele Aspekte unserer Beziehung möglichst paritätisch bestreiten wollten. »Immer bestimmst Du das Programm«, schimpfte also zuweilen meine Freundin, »heute schauen wir uns mal wieder einen von meinen Filmen an.« Die Holocaust- und Lady-Di-Dokus waren allerdings beim Umzug aus ungeklärten Gründen verschwunden. Und so kam es, dass ich die Dialoge von »Life according to Agfa« auswendig mitsprechen konnte. Einmal erklärte ich mich sogar bereit, »Ferien auf Saltkrokan« auf Schwedisch mit niederländischen Untertiteln anzusehen, aber nur eine der beiden Folgen. Da war selbst die Stummelfassung von »Hotel New Hampshire« erträglicher; das abrupte Ende samt historischer Lindenstraße kam ja nun nicht mehr überraschend.

Nun, weitere Jahre vergingen, wir heirateten, und vor allem starben die Videos aus. DVDs bestimmen längst unsere Abendgestaltung. Ich leihe sie mit Kennerblick aus, kaufe zuweilen auch einen hochwertigen Unterhaltungsfilm oder einen zeitlosen Kinoklassiker. Gern auch mal Luxus-Editionen mit Director's Cut und reichlich Bonus-Programm. Da könnte man fast von einem Happy End sprechen – doch das wäre nicht fair. Ich weiß, dass meiner Frau etwas fehlt. Sie spricht nicht darüber, aber ich kenne sie.

Ich habe »Life According to Agfa« auf DVD bestellt, und ein schwedischer Online-Händler bietet eine nette Saltkrokan-Box an. Wenn auch ohne niederländische Untertitel. Bald hat meine Frau Geburtstag. Sie wird Augen machen, wenn sie meine Special-Husband's-Cut-DVD von »Das Hotel New Hampshire« einlegt. Sie dauert 28 Minuten.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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