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10.08.02

Magdi Aboul-Kheir

Bericht von der Mobilfunkfront

Vodafone hat seinen besten Mann geschickt. Herrn S.. Gediegener dunkelgrauer Anzug, dezente Krawatte, akkurater Haarschnitt, graumelierte Schläfen. Eine Hochglanz-Visitenkarte samt weißrotem Firmenlogo: »Beauftragter für Elektromagnetische Verträglichkeit mit der Umwelt«. Ferner hat Herr S. noch Frau L. im Gepäck, aber vorerst nur zur Zierde.

Verträglichkeit mit der Umwelt also. Die Runde im Sitzungssaal des Rathauses besteht aus Herrn S., Frau L, dem Baurechtsamtsleiter der Stadt und gut 30 Menschen, über deren Köpfen Vodafone eine UMTS-Antenne installiert hat. Zu einem informativen Austausch sind die Anwohner geladen worden: Arbeiter und Angestellte, viele Rentner, junge Familien, Alleinerziehende mit Kindern, die kreischend durch den Saal laufen. Besserverdienende sind nicht auszumachen, außer Herrn S. und Frau L. natürlich.

Eine Initiative haben die beunruhigten Frauen und Männer gegründet, Unterschriften gesammelt, beim Baubürgermeister vorgesprochen. Angst vor Langzeitfolgen des Elektrosmogs, kennt man ja. Das heißt, kennt man noch nicht, aber das ist ja das Problem. Herr S. sondiert die Runde, reserviert, etliche Gesichtsnerven scheinen nicht aktiviert zu sein.

Der Baurechtsamtleiter führt den Anwohnern die juristische Lage vor Augen, in beamtendeutscher Korrektheit. Er legt Folien auf. Paragrafen, Regelungen, viel Kleingedrucktes, die Rentner reiben sich die Augen, kapitulieren hinter dicken Brillengläsern. Die Baunutzungsverordnung. Der Beamte trägt vor: Die UMTS-Anlage sei eine »bauliche Anlage«. Die UMTS-Anlage sei ein im »Mischgebiet« zulässiger »sonstiger Gewerbebetrieb«. Die UMTS-Anlage sei daher ein an sich »verfahrensfreies Vorhaben«. Die Stadt sei in dem Fall der UMTS-Anlage »genehmigungspflichtig«, wenn dann mal der Bauantrag seitens Vodafone nachgereicht werde, was allerdings nur eine Formalität sei.

Das »Mischgebiet« führt zu Raunen in der Runde. Die Menschen wissen wo sie wohnen. »Von wegen Mischgebiet«, ruft eine blondierte Dame mit dicken Augenringen, »bei uns ist doch Wohnung an Wohnung an Wohnung«. Von ihrem Balkon sind es knapp zehn Meter zu »dem Ding«. Der Baurechtsamtsleiter verweist auf den Bebauungsplan: Mischgebiet, viergeschossig, ist da zu lesen. Die Anwohner schütteln die Köpfe. Und dass eine Antenne ein »Gewerbebetrieb« sein soll, erscheint ihnen auch seltsam.

»Wir sind hier, weil wir Ihre Besorgnis ernst nehmen.« Herr S. ergreift das Wort. Seine Mimik ändert sich nicht, Gesichtszüge wie sediert. Eine »gewisse Sorge« sei durchaus verständlich, hebt der Verträglichkeits-Experte an. Aber die Gefährdung durch Elektrosmog sei eben nicht bewiesen, ja rein hypothetisch. Tausende von Studien existierten, objektive Gutachten. Auch Herr S. greift zu Folien, zeigt Schaubilder. »Wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse«, Mustermessungen, lediglich ein bis zwei Prozent der Grenzwerte würden erreicht, ohnehin mache der Mobilfunk nur einen kleinen Teil der Strahlenbelastung aus. »Ihre Zahlen sind uns egal!« Ein erregter Zwischenruf »Wir wollen die Antenne nicht, nur ein paar Meter vom Kindergarten weg.«

Herr S. mustert stumpf die Runde. Unbeirrt projiziert er wissenschaftstheoretisches Gedankengut an die Wand. »Die Nichtexistenz einer Unschädlichkeit ist nicht beweisbar.« Dann erneut Kurven, Werte, Balken, Diagramme. Ein Mann meldet sich zu Wort, stellt sich als »Schrittmacherträger im Risikobereich« vor. »Alles Schwindel«, ruft der Senior, empört: »Wenn Sie ehrlich wären, würden Sie nicht solche Bilder zeigen, wo nicht mal Standorte angegeben sind.« Und wo sei eigentlich der Hausbesitzer, dem Vodafone einen dicken monatlichen Betrag überweist? Wurde nicht eingeladen, sagt der Baurechtsamtsleiter. Sollte vor Beschimpfungen geschützt werden. »Ich kann in meinem Haus machen, was ich will«, hat der Hausbesitzer seinen Mietern mehrfach ins Gesicht gesagt. Und er brauche das Geld. Wem es nicht passe, solle sich eine andere Wohnung suchen.

Herr S. lässt seinen Blick durch die Runde schweifen, aber rein motorisch. Gut 30 Menschen, empirisch betrachtet müssten hier 20 Handys anwesend sein. Dann könnte er das dialektische Totschlagargument anbringen: Ein Handy will und hat ein jeder, aber eine Antenne mag keiner. Herr S. lässt den Blick sinken. Die Empirie versagt in dieser Runde, das Totschlagargument zieht nicht: Mehr als fünf Telefone sind hier kaum versammelt.

Die Frage aller Fragen. Eine ältere Dame formuliert sie: Ob Herr S. denn selbst so nah an einer Antenne leben wolle. Das tue er bereits, sagt der Verträglichkeits-Experte und starrt in den Raum. Er arbeite in der Nähe einer Antenne und wohne in der Nähe einer Antenne. Nochmals sein Eingangs-Credo: »Wir nehmen Ihre Sorgen ernst.« Aber man solle sich doch nicht durch allerlei wilde Vermutungen, vage Informationen, pseudowissenschaftliche Aussagen und bewusste Irritationen verunsichern lassen. »In Amerika würden wir Euch verklagen«, grollt ein Mann Anfang 50. In Herrn S. Blick mischen sich Anflüge von Abscheu, die sich als Indifferenz tarnen.

Frau L. springt Herrn S. zur Seite. »Sie bekommen nirgends eine Garantie«, sagt sie und lächelt verkrampft. Sie habe sich eingehend mit der Materie befasst und daher sei sie beruhigt. Hämisches Lachen im Sitzungssaal. Eine Anwohnerin kontert: »Gehen Sie bei uns in den Hof, schauen Sie sich die Kinder an: Das sind Ihre Versuchskaninchen«.

»Hier prallen zwei unterschiedliche Welten aufeinander«, stellt der Baurechtsamtsleiter ernüchtert fest. Er weiß nicht weiter. Irgendwie hat er sich das Aufeinandertreffen »konstruktiver« vorgestellt. Immerhin hat er bemerkt: »Wir sind jetzt sehr stark im emotionalen Bereich gelandet«.

Die Versammlung löst sich reichlich informell auf. Die Anwohner verlassen die Runde. Einer wagt noch einen Scherz Richtung Herrn S.: »Und wo sind nun die Handys zur Bestechung?« Herr S. lacht nicht. Natürlich hat er keine Handys dabei. Er hat nur seine schicken Visitenkarten. Aber die bietet er niemandem an.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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