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10.11.03

Magdi Aboul-Kheir

Papadepp und Frau Punze erziehen ihre Kinder

»Papa Depp!«, schallt es mir entgegen, als ich von der Arbeit nach Hause komme. Meine gut zweijährige Tochter Dana hüpft mir strahlend in die Arme. »Papa Depp!« Da hat meine Frau ja ganze Arbeit geleistet. Zum Glück sagt die süße Kleine auch »Papa Cool!« – da hatte ich ganze Arbeit geleistet. Aber »Papa Depp« findet sie offenbar besser.

Angefangen hatte es am Vortag, als ich meine Frau in Danas Gegenwart mehrfach »blöd« genannt hatte, erstens halb im Scherz, zweitens trotzdem zu Recht. Dana hatte mit dem Finger auf ihre Mutter gezeigt und auch »blöd« gesagt. Meine Frau meinte, wir sollten aufpassen, welches Vokabular wir dem Kind mit auf seinen Lebensweg geben. Ich stimmte ihr zu. Und nun das.

»Du dämliche Punze«, rufe ich meiner Frau zu, »was bringst Du dem armen Kind für einen Scheiß bei?« Meine Frau ist sauer. Punze sei viel schlimmer als Depp. Ich halte ihr entgegegen, das Wort »Punze« sei ungebräuchlich, kaum einer kenne die Bedeutung. Und außerdem lernt Dana kein Wort, wenn man es nur einmal sagt. Also wiederhole ich es, auf meine Frau deutend: »Dämliche Punze.«

Es ist natürlich völlig unreif, Partnerschaftskonflikte über seinen Nachwuchs auszutragen. Noch dazu mit Schimpfwörtern, Beleidigungen und Fäkalausdrücken, die im Kindermund nichts verloren haben. Ich nehme mir meine Tochter zur Seite und sage ernst zu ihr: »Hör nicht auf alles, was Dir Deine Mutter, die alte Schabracke, sagt.« Meine Frau kocht – kein Essen, sondern vor Wut – und nennt mich Affenarsch und Hundsfott. Der Wortschatz unserer Tochter wächst im Quadrat. Gestatten, Papa Affenarsch, Mama Punze, sehr angenehm. So kann es nicht weitergehen.

Zur atmosphärischen Entspannung schalte ich den Fernseher an. Ein Politiker fordert mal wieder Benimm-Unterricht an den Schulen. Recht hat der Mann. Ich zappe. Rudi Völler schreit in einem Rückblick »Scheißdreck.« Ich schalte den Fernseher aus. Verheerende Vorbilder für unsere Kinder!

Da bringe ich dem Kind doch lieber selbst bei, was sich gehört. Meine Frau belädt gerade die Waschmaschine, sie beugt sich nach vorn, das Shirt rutscht ihr aus der Hose. Ich deute auf den verlängerten Rücken meiner Frau und erkläre meiner Tochter: »Schau mal, Furchen- und Ritzengries.« Meine Frau greift in den Wäschesack, entnimmt ihm eine meiner hochwertigen und geschmackvollen Unterhosen und hält sie unserer unschuldigen Tochter mit angewidertem Gesichtsausdruck unter die Nase: »Riech mal! Klöten- und Eichelschmotter.«

Ein Glück, dass unsere Zweitgeborene, Ida, mit vier Monaten noch zu jung ist, um schon dergestalt negativ beeinflusst zu werden. Andererseits kann ein wenig unbewusste, sprachliche Frühprägung nicht schaden. Ich stelle mich an die Wiege und flüstere dem schlafenden Kind 30 Mal »Furzmutter« ins Ohr. Wer braucht denn ein blödes »Mama«, »Ball« oder »Auto« als erstes Wort.

Ich surfe zur Entspannung im Internet, um mich zu informieren, ob Idas Name in Deutschland eigentlich sehr ungebräuchlich ist. Aber was ist das? Nur versautes Zeug! Schund, Schmutz und Derbes überall. Der dritte Google-Treffer: »Fickluder Ida«. Uns soll keiner sagen, dass wir unsere Kinder nicht richtig aufs Leben vorbereiten.

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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