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12.07.08

Magdi Aboul-Kheir

Papa, fertig: Lieber Haarpfeife als Fleischfroster

»Papa, fertig!«
»Ja, ja, gleich.«

Früher, als das noch Zeiten waren, lauteten die Berufswünsche der Töchter Tierärztin oder Prinzessin, die Söhne wollten Astronaut oder Lokführer werden. Das hörten die Eltern gern. Ob alle Kinder ihre Ziele erreicht haben, erscheint beim Blick ins Branchenbuch fraglich: Einige scheinen dann doch lieber ein Nagelstudio eröffnet zu haben oder vereidigte Buchprüfer geworden zu sein. Solche Schicksale können Achtjähige gemeinhin nicht vorhersehen.

Heute fliegen die Astronauten nicht mal mehr auf den Mond, die Lokführer streiken gern, und die Prinzessinnen werden in der Yellow Press wahlweise als Flittchen, Essgestörte oder Hysterikerinnen dargestellt. Der Nachwuchs will lieber Super-Nanny oder Klingeltonkomponist, Paparazzi oder Hiphopper werden. Einige wollen Hiphop und Klingeltöne auch kombinieren, der Synergie wegen. Das alles hören die Eltern weniger gern. Andererseits können auch schon Kinder im Vorschulalter Hits wie »Du hast den geilsten Arsch der Welt« sowohl texten als auch komponieren, und die Tantiemen sind nicht zu vernachlässigen.

»Mach Brot, Mann!«
»Ja, komme gleich.«

Natürlich gibt es heute allerlei neue attraktive Jobs, etwa Wettkönig oder DSF-Quizmoderatorin. Eine Internet-Seite bewarb kürzlich die Berufsbilder Reinigungstaucher und Pornojäger - vielleicht kann man die miteinander verbinden? Andere Menschen werden Fernsehcontainer-Bewohner, gar Literaturpapst oder Lichtgestalt. Doch wie geht das? Kann man das im Beratungsgespräch in der Bundesagentur für Arbeit fragen: »Wo kann ich mich zur Lichtgestalt weiterbilden?« Oder wird man dann ohnehin nur als Medium mit russischem Künsternamen im TV-Astrologiekanal verheizt?

Eine Antwort erhält man nicht. Hingegen bietet das Arbeitsamt folgende Berufe und Jobs an: Mehlherstellerhelfer, Weihnachtsfrau, Reaktorfahrer, Fleischfroster, Speisefettfacharbeiter, Gummistrumpfstricker. Und nicht zuletzt offenbar Anzügliches wie: Rammmeister, Reiber, Decksmann, Kunststopfer und Gummiwerker.

»Papa, Papa, fertig! Papa!«
»Mensch, Mann, mach Brot!«
»Kurzen Moment noch.«

Ich wurde Journalist. Urspüngliche Motivation: Auf dem Anmeldungsblock in Hotelrezeptionen wollte ich unter Beruf »Journalist« schreiben können, um bessere Zimmer zu bekommen. Ein Bekannter sagte mir schließlich, das sei peinlich. Ich glaubte ihm, bis mir auffiel, dass er in Restaurants stets einen Schreibblock auf den Tisch legte, obwohl er nicht mal Gaststättenkritiker war.

»MACH! BROT! MANN!«
»PAPA! FERTIG!«
»Moment noch, bitte.«

Wo war ich? Genau - nun bin ich also Redakteur und sitze auf Dienstreisen trotzdem in schlechten Hotelzimmern. Dienstreisen sind jedoch selten, und in Wirklichkeit habe ich ohnehin ganz andere Jobs: Ich bin in meiner Familie offiziell Brotbeleger, Poabwischer und Haarpfeife.

Das kommt so: Meine Kinder haben uns Eltern klare Kompetenzen zugewiesen. Ich bin der »Brotbeleger« und habe am Frühstücks- und Mittagstisch sorgfältig die Schnittchen aller Anwesenden zu belegen. Auch die meiner Frau. Besonders die meiner Frau. Brot. Butter. Schinken. Käse. Gürkchen. »Mach Brot, Mann«, sagt sie, und ich mach.

Was es mit dem »Poabwischer« auf sich hat, mag sich jeder selbst zusammenreimen. »Papa, fertig!«, lautet das dazugehörige Kommando. Allerdings geht es in dieser Angelegenheit eher um meine Kinder, nicht um meine Frau.

Und »Haarpfeife«? Da ich selber keinen Kopfschmuck aufweise, behaupten meine Kinder, ich könne weder kämmen noch frisieren. »Du tust mir weh, Du Haarpfeife«, brüllen sie, wenn ich nur die Bürste in die Hand nehme und mich ihnen auf zwei Meter nähere. Sofort setzen Rufe nach der Mama ein, die ist nämlich »Haar-Checkerin«, obwohl ich glaube, dass sie sich diesen Titel selbst verliehen hat.

Es gibt nämlich wunderbare Titel und wunderschöne Berufsbezeichnungen, die nicht geschützt und daher straffrei zu tragen sind. So darf sich eben jedermann »Haar-Checkerin« rufen lassen, »Publizist« auf die Visitenkarte drucken oder »Kampftrainer« ans Klingelschild kleben. Und »Sexualtherapeut«, damit kann man ja gar nichts falsch machen. So könnte ich mich also nun »Nagelstylist« und »Netzwerk-Administrator« nennen. Oder als Sachverständiger für Edelsteine, Orientteppiche und das Dachdeckerhandwerk durchs Land ziehen. Oder mir »Fachberater für Bachblütentherapie und Ayurveda« auf die Visitenkarte drucken.

In Wirklichkeit aber bleibe ich bei meinen Leisten und bin ich Brotbeleger honoris causa, Chef-Poabwischer und diplomierte Ober-Haarpfeife.

»MAAAANNNN!«
»PAAAPAAAAA!«
»Ja, ja, ja, bin ja schon da.«

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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