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12.11.11

Magdi Aboul-Kheir

Sportreporter und Feuilletonisten – fast eine Liebesgeschichte

Sportjournalisten haben es schwer. Alle Zuschauer, Zuhörer und Leser wissen alles besser. Deutschland ist ein Land voller Oberschiedsrichter, Bundestrainer und Chefreporter. Früher genügte es, ein Spiel von Ballberührung zu Ballberührung zu kommentieren und dazwischen patriotisch zu atmen: »Beckenbauer« ... »Schwarzenbeck« ... »Overath« ... »Beckenbauer«. Die schreibenden Vertreter ihres Fachs fertigten danach chronologische Nacherzählungen an und vergaben Schulnoten.

Heute müssen Sportreporter über nach hinten arbeitende Spitzen, sich verschiebende Ketten und Achsen sowie das System mit der Doppel-Sechs philosophieren, dass es nach fraktaler Geometrie oder zumindest nach filigraner Arbeit im Hobbykeller klingt.

Gleichzeitig müssen sie mit dümmlichen Worthülsen jonglieren, weil man das offenbar so von ihnen erwartet. Da gehört die Überschrift »Hannover und Schalke wollen in Europa überwintern« noch zum Intelligenteren. Heribert Fassbender rechnete einst beeindruckend mit: »Es steht im Augenblick 1:1. Aber es hätte auch umgekehrt lauten können« und Gerd Rubenbauer überzeugte mit historischem Wissen: »Die Rudi-Rufe hat es vorher nur für Uwe Seeler gegeben.« Und über ein Lokalderby im Kegeln dichten die Kollegen aus der Sportredaktion gleich bildhaft: »Da werden junge Damen zu kugelfesten Holzfällern.«

Ja, genau, ich spotte. Die Sportreporter haben es auch innerhalb einer Redaktion schwer. Denn natürlich wissen es alle Kollegen ebenso besser wie der Rest des Landes. Vor allem wir Feuilletonisten. Mit dem Unterschied, dass wir es wirklich besser wissen. Vielleicht nicht besser als der legendäre Moderator Rubenbauer (»Und jetzt skandieren die Fans wieder: Türkiye, Türkiye. Was so viel heißt wie Türkei, Türkei.«), aber immerhin.

Ach, das ist natürlich alles ungerecht und in Wahrheit nur aus Neid geboren. Denn zum einen dürfen die Kollegen vom Sport umsonst zu Champions-League-Spielen fliegen und zur WM nach Südafrika oder Brasilien (oder, meinetwegen, Katar). Vor allem aber neiden wir den Kollegen die öffentliche Wahrnehmung, ihre offenkundig höhere Relevanz.

Denn zwischen der Welt des Sports und der Kultur besteht ein Ungleichgewicht. Ein Cristiano Ronaldo wechselt zwar für ungefähr das gleiche Geld den Besitzer wie ein Picasso, und ein hinkender Arjen Robben ist etwa so wertvoll wie ein krächzender Jonas Kaufmann, aber damit enden die Parallelen schon.

Besonders ungerecht geht es in der Zeitung zu, wie es den Lesern nicht entgehen wird. So erhält man in der Montagsausgabe die Ergebnisse der dänischen Jugend-Meisterschaften im Synchronschwimmen, aber nicht unbedingt einen Bericht über den neuen »Hamlet« an einer großen Bühne, obwohl der ja auch irgendwie ein Dänen-Wettkampf ist.

Besonders schmerzhaft führen uns die Nachrichtendienste – wie etwa die renommierte Deutsche Presse-Agentur (dpa) – vor Augen, wie es um die unterschiedliche Bedeutsamkeit von Kultur und Sport bestellt ist. Denn sie sind es, die Journalisten mit Meldungen aus aller Welt versorgen und sie vorbewerten. Sie teilen ihre Nachrichten in Wichtigkeits-Stufen ein: von eins (höchste Priorität wie der Beginn eines Atomkrieges) über zwei (Eilmeldung) bis hin zu sechs (interessiert eigentlich kein Schwein). Die meisten Kulturmeldungen werden mit der Dringlichkeits-Stufe vier (»normal«) versendet, während fast jedes Sportereignis offenbar von Natur aus mindestens für Stufe drei (»dringend«) gut ist.

»Dringend« sind dieser Tage etwa solche Sport-Meldungen: »Wasserball-Pokalspiel Hohenlimburger SV - FS Duisburg 6:7« oder »Torschützenliste 3. Fußball-Liga«. Hingegen werden in der Kultur selbst Berichte über den Kunstfälscherprozess nur als »normal« eingestuft, ebenso wie über die Salzburger und Bayreuther Festspiele.

Doch dann passiert es. Eine Kulturmeldung der Priorität zwei läuft über den Ticker! Wann gab's denn das zuletzt? Beim Literatur-Nobelpreis? Wenn überhaupt. Und so klickt man als Feuilletonredakteur die absolut heiße und pulsbeschleunigende »Eilmeldung« an: »Sie haben heute irrtümlich die Film-Tipps von vergangener Woche erhalten. Bitte nicht verwenden.«

Wenn demnächst eine Stelle in der Sportredaktion frei wird, bewerbe ich mich. Ich muss gar nicht zur Fußball-WM, ein Lokalderby im Kegeln tut es auch.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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