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16.05.03

Magdi Aboul-Kheir

Der Angriff der Ohrenschänder

Von Kopf bis Fuß eingekotet? Die ganze Nacht durchgebrüllt? Mamas und Papas Kleidung voller Brei, Sabber, Kotze? Alles nicht so schlimm, denn diese Erscheinungen treffen Erziehungsberechtigte nicht unvorbereitet. Doch vor den wirklich furchtbaren Dingen des Lebens hat einen mal wieder keiner gewarnt. Es geschieht in der Fußgängerzone. Musikalische Darbietungen in der Innenstadt. Die gab es zwar schon früher, in der Zeit vor dem Kind. Aber da musste ich noch nicht stehenbleiben.

Auch ohne das Klischeebild des panflötenden, ponchotragenden Unholds zu strapazieren (aber warum eigentlich nicht, der Schrecken vom Amazonas bläst nunmal in Holzrohre), gibt es ausreichend Anlässe zum Schaudern und Schütteln. Dort, wo ich noch vor Monaten einfach meine Schritte beschleunigte und den Kopf abwandte, werde ich nun von einer kleinen Hand abgebremst und dem schönen Wort »Sick!« zum anhalten angehalten. »Sick!« heißt nicht »krank«, obwohl das angemessen wäre, sondern »Musik«. Erklärungsversuche, es handle sich bestenfalls um Geräusch, Getöse oder Gequäke, scheitern naturgemäß bei Menschen mit nicht einmal zweijähriger Hörerfahrung.

Musikalischer Mut, virtuoser Wahnwitz und tönender Größenwahn kennen in Fußgängerzonen keine Grenzen. »Freude schöner Götterfunken« in der von Beethoven offenbar kurz vor dem Ableben geschaffenen, aber nicht mehr autorisierten Fassung für Schifferklavier und Maultrommel. »Morning Has Broken« als Ukulelen-Duett. »An der schönen blauen Donau« mit Reggae-Rhythmen, »Ave Maria« für ungeübte Stimmbänder und leiernden Kassettenrekorder. Und natürlich (es muss sein) das Ensemble »Poncho Five«, das jede Komposition von Anton Bruckner bis Anton aus Tirol in indolenter Konsequenz für Panflöten bearbeitet.

Das Wort Folterinstrument hat ja viel mehr Bedeutungen als gemeinhin angenommen. Wer hat die Mandoline aufgefordert, die Alpen zu überqueren? Wann kommt der Importstopp für Didgeridoos? Und konnte die Titanic nicht leise untergehen? Egal, welche schallende Strafe mich trifft – meine Tochter summt mit.

Die schalumhängte Dame an der irischen Harfe spielt »Greensleeves«. Danach spielt sie »Greensleves«. Zur Abwechslung bringt sie anschließend »Greensleeves« zu Gehör. Repertoire bedeutet in Fußgängerzonen oft: ein Lied. Zumindest klingt alles nach einem einzigen Lied. Das hängt oft auch mit der hohen Kunst des Arrangements zusammen. Denn selbst ein Musikwissenschaftler mit absolutem Gehör ist nicht in der Lage, in der Fassung für Sitar und Pieps-Casiokasten den Nabucco-Gefangenenchor, »Highway to Hell« und »Fuchs, Du hast die Gans« auseinanderzuhalten. Doch meine Tochter schunkelt.

Alle paar Meter steht ein weiterer Klangverbrecher, daher überlagern sich die Ohrenqualen auch noch. Wir lauschen dem pelzbemützten Wolgaschifferchor (auch im Sommer pelzbemützt), der die größten Hits von Boney M. johlt, gehen endlich ein paar Schritte weiter, bis sich »Ma Baker« auf Russisch mit dem Hummelflug, gesetzt für Kastagnetten und Kunstfurzer, überschneidet. Und aus der Ferne weht der Wind, natürlich, ein pangeflötetes »My Heart Will Go On« dazu. Radikales Neutönertum, postmodernde Klanginnovation pur. Und meine Tochter tanzt.

Egal, wer was wie zum Klingen bringt – ich muss zuhören. Und ganz grausam: Mit dem Zuhören ist es nicht getan. Ich muss Gefallen heucheln. Ich muss Geld zahlen. Mir graut vor dem Tag, an dem ich höre: »Papa, CD kaufen«. Damit das Übel zuhause als Tonkonserve weiterlebt.

Unglaublich, welcher Schaden damit der ästhetischen Früherziehung meines Kindes angetan wird. Als ob diese Zuhause nicht ohnehin schon unter allerhand Klingelgeräten, Glockenmechanismen und Terrortröten leidet, die gewissenslose Paten, taube Tanten und so genannte Freunde der Familie den ahnungslosen Kindern und ihren wehrlosen Eltern schenken.

Die geschmacksverirrende Manipulation in der Shoppingmeile macht aber ohnehin kein edler Tonträger, der in der heimische Anlage abgespielt wird, rückgängig. Gegen Poncho-Power-Condor-Pasa hilft weder formstrenger Barock noch spätromantische Klangschwelgerei, weder gediegener Jazz noch kompromissloser Metal. Statt »Massive Attack« erleben wir einen massiven Angriff auf unsere akustische Zukunft, Würg statt Björk. Und meine Tochter summt und schunkelt und tanzt. Und meine Tochter lacht und lächelt.

Ein Lächeln meiner Tochter ist natürlich jede Mühe und jede Plage und jeden Unbill wert. Ein schöner Satz. In diesem Fall allerdings gelogen.

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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