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16.11.05

Magdi Aboul-Kheir

Der Bindenbrusse sechster Streich: Flambierte Dolche mit Oktoberpestbier

Douglas Adams beschreibt in »Per Anhalter durch die Galaxis« den berüchtigten Gefräßigen Plapperkäfer von Traal. Der bereitet – eine kleine Verwechslung mit großen Folgen – nicht für vorbeikommende Touristen ein wohlschmeckendes Mahl, sondern aus ihnen. Daran muss ich in Ungarn denken, wenn ich in einem Wirtshaus das »Gästesteak« ordern soll. Menschenfleisch, ich rieche Menschenfleisch, murmelte einst hungrig der Teufel mit den drei goldenen Haaren. Und dem würde in diesem Sinne auch die »Paprikaschotten« und der »Oberkellner Salat« munden.

Vertrauen ist gut, Misstrauen besser in der Welt der Bindenbrusse. Zum Beispiel auch, wenn Frutti di Mare als »Meerobst« angepriesen werden; umgekehrt klingen »Preiselbären« wiederum zu wenig fruchtig. In Nizza isst man – das Misstrauen köchelt hoch – »Muscheln aus Knoblauch«, »Granelen aus Pastis«, »Eine daube aus rindfleich« und, verdächtig amphibisch klingend, »Froscher Lachs«. Ja, Betrug und Verwirrung allerorten, in Portugal gibt es »Reis aus Schaltier«, in Russland viel zu kalten »Salat aus saftigem Eisberg« sowie die nur wenig nahrhafte »Luftkrem-Suppe«. Und in Polen werben sie mit »Forelle aus waser«. Ja, woher denn sonst?

Überhaupt, die Polen. Die kredenzen uns »Parmaschinken mit Melone umwickelt«, das soll ihnen mal einer nachmachen. Hinterher gibt es »Schone Helena in Rinde«, die hatte sich wohl im Wald geschont. Für Strickwaren-Freunde hat der Tscheche »Teigwaren-Maschen mit Nussen« im Angebot, dem knabbernden Kieferchirurgen setzt er »Panierte Krabbenspangen im Käseteig« vor. Und die Slowaken? Die nehmen es reichlich ungenau mit westlichen Gerichten, aber wenigstens sagen sie dem Kunden, welch freie Rezept-Interpretationen er zu erwarten hat: »Amerikanische Kartoffeln: Kartoffelnnudeln gestreut mit Mohn und Zucker« und »Pommes Frites: Pfannkuchen gefüllt mit Marmelade, Sahne und Schokolade«.

Das muss man alles erstmal runterspülen, aber die Getränkewahl verspricht wenig Freude. Internationales Bayerntum ist schön und gut, doch wer will schon kroatisches »Oktoberpestbier« zu sich nehmen? Anderswo muss man sich das Flüssige durch die Nase ziehen, etwa in Nizza. Dort gilt: »Weinpriese je nach Winser«. Wir suchen Zuflucht im Elsass. Dort bringen die Speisen ihr eigenes Getränk mit: »Warmer Zeigenkässe und sein Glas Pinot Blanc«. Danke für den Service.

Dass Essen ungesund – zu fett, zu süß, zu heiß – sein kann, ist bekannt. Doch manche Gerichte sind körperlich geradezu unmittelbar lebensgefährlich. Scharfe Speisen sind gut, aber das ungarische »Gulasch in der Scherbe« und die tschechischen »Flambierten Dolche« müssen nicht sein, ebenso ist »Fleisch an der Nagel mit Käse« nur mit Vorsicht zu genießen. Angst macht uns auch der »Grobe Salatteller mit Salat«, der uns ebenso brutal wie redundant dünkt, und die zuschnappende ungarische »Lecker bissenrolle«. Auf Mallorca wird immerhin die Gesundheitswarnung vom Augenarzt gleich mitgeliefert: »Paella – Blind«.

Hoch ansteckend dürfte in Apulien »Orecchiette mit rubenblattern« sein und die griechische Variante »Gefullte wenblatter«. Ungarische »Schimmelputtenbrust« hat eine bedenkliche Keimzahl, tschechische »Käsestrahlen mit Nussbutter« sind radioaktiv belastet, und »Durchsonntes Omelett« war zu lange in der Mikrowelle. Zur Gesundung tragen »Heilkräuterbutter« und »gegrillte Wickel« bei, die uns der Slowake anlegt. Schon aufregend, so eine kulinarische Reise, da loben wir uns den ungarischen Gasthof Jegverem, der auf der Karte gleich mal »Bierhappen, Vorspeisen, Beruhigungsmittel« anbietet.

Ach ja, die Ungarn, ein gastliches Volk. So marschieren wir abschließend ins Gasthaus »Katze im Sack«, wo wir auf dem Menü lesen: »Ergriffen von der Atmosphäre des Ortes, Leib und Seele allerlei Genüssen übergeben, verbringen die Gäste die in unserem Leben achso ungerecht kurze Zeit in Freude.« Von Genüssen übergeben – das musste einmal gesagt werden. Doch damit nicht genug. »Und nun lieber Gast nehmen Sie das Telefon in die Hand und, noch unter dem Einfluss des Gelesenen, mit Freudentränen in den Augen und mit hämischem Grinsen, aber ganz sicher beeinflusst von der Vorfreude, rufen Sie an, um sich einen Tisch zu reservieren, damit Sie sich vergewissern können, dass mindestens 50% von den bisher beschriebenen der Wahrheit entspricht.« Das glauben wir aufs Wort.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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