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17.08.04

Magdi Aboul-Kheir

Drei Ouzo gegen Olympia

Hallo Sportsfreunde. Gleich raus damit - es ist ein unglaublicher Skandal, Abermillionen werden zum Narren gehalten, verhöhnt von einem Kommitee alter Funktionärssäcke: Olympia ist ein einziger großer Betrug. So wie Elvis lebt, so wie niemals ein Mensch den Fuß auf den Mond gesetzt hat, so wenig sind die Olympischen Spiele Realität. Ich weiß es, ich war dort. Das heißt, ich war nicht dort. Denn ich habe sie gesucht, die Spiele. Vergeblich.

Lange fahre ich durch die Landen, auf der Suche nach dem olympischen Feuer, dem olympischen Geist, den Fahnen voller Ringe, dem Stadion mit vollen Rängen. Dann endlich stoße ich auf das Hinweisschild: Olympia-Stadion. Ich wähne mich kurz vor dem Ziel.

Gänsehaut. Endlich, das sagenhafte Athen, Hort der olympischen Tradition; obwohl es eher nach schwäbischer Provinz aussieht denn nach hellenistischem Prunk. Doch da ist es, das Stadion. Das Olympia-Stadion. Aber kann es das sein?

Sand. Scherben. Ein staubiger, geschotterter Parkplatt, eine verwilderte Hecke. Mülltonnen, Sammelcontainer, traurig, ehemals weiße Zweckbauten, ein Mobilfunkmast. Ein normaler Fußballplatz mit etwas Bandenwerbung, eine verlassene Zuschauertribüne, die bestenfalls ein paar hundert Menschen Platz bietet.

6,4 Milliarden Euro haben sie angeblich für die Spiele ausgegeben. Nichts davon zu sehen. Einen neuen Anstrich hätte es bestimmt für eine Milliarde gegeben, vielleicht sogar schon für 500 Millionen.

Rauch steigt auf. Die olympische Flamme? Nein, nur ein Landwirt, der auf seinem nahen Hof alte Kisten abfackelt.

Angeblich stehen heute acht Entscheidungen an, unter anderem Judo Finale, Säbelfechten Damen, Schwimmen 4 mal 200 Meter Freistil. Ich sehe nur eine Kleinschwimmhalle. Ein Basketballfeld an einem Gymnasium. Was bedeutet nur dieser Name »Laupheim«, den ich an vielen Wänden, auf vielen Schildern lese? Offenbar eine mir zwar unbekannte, aber gebräuchliche griechische Bezeichnung.

Coubertin, steh mir bei! Wo ist sie, die Jugend der Welt, die sich miteinander misst, den Geist des Dabeiseins verströmt? In der Tat laufen Jugendliche durch die Straßen und Gassen; auch tragen viele Trainingsanzüge und waren unterschiedlicher Herkunft. Doch wo ist es, das olympische Dorf?

Ich blättere in meinem deutsch-griechischen Wörterbuch und betrete eine Bäckerei. Die Brotverkäuferin frage ich auf gut Griechisch: »Machen sich die Spiele bemerkbar? Mehr Umsatz?« Sie schaut mich verwirrt an. Ich wiederhole die Frage auf Französisch, auf Englisch, schließlich in meiner Sprache. »Kaum«, antwortet sie schulterzuckend in fließendem Deutsch, ja fast in fließendem Schwäbisch.

»Akropolis«, ist da zu lesen. Aber es ist nur ein Lokal. Korfu-Platte, Poseidon-Platte, immerhin eine Olympia-Platte. Souvlaki, Gyros, Tsastiki, das übliche. Ich trinke einen Ouzo. Im Eck läuft ein Fernseher. Die Wettkämpfe live, was für ein Hohn. Irgendwo mit Hilfe billiger Bauten, ein paar fähnchenschwingender Statisten und vieler Computereffekte produziert, die uns das größte Sportfest der Welt vorgaukeln sollen. Dabei geht es nur um Werbung, Fernsehen, Nationalismus, den großen Reibach. Ich ertrage das alles nicht mehr und mache kehrt.

Ein letztes Mal blicke ins trostlose Olympia-Stadion. Ein Platzwart, Ende 50 mit Bierwampe, mäht den Rasen. Ich frage ihn, wann hier denn etwas los sei. Am Wochenende, sagt er, dann ist hier wieder ein Spiel. Fußball-Bezirksliga. Olympia Laupheim sei allerdings in keiner guten Form.

Ich gehe ins »Akropolis« und trinke noch zwei Ouzo.

Foto: Olympia-Stadion?

Foto von Magdi Aboul-Kheir

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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