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19.11.08

Magdi Aboul-Kheir

Albanisches Intermezzo inklusive zweier Demütigungen

Es zog, es stank, es klapperte. Und doch errang ich dort akademische Weihen. Das Institut für Theaterwissenschaft an der Münchner Universität, das ich von 1988 bis 1994 besuchte, war in mehreren heruntergekommenen Schwabinger Gebäuden untergebracht. Das Haus in der Ludwigsstraße 25 war am übelsten: verlotterte Lehrräume, defekte Fahrstühle, kaputte Heizungen, versiffte Toiletten. Sanierungspläne? Fehlanzeige. Das Haus gammelte vor sich hin. Studentisch abgehärtet, beschäftigte ich mich mit »Formen und Voraussetzungen defizitärer Subjektivität im kritischen Volksstück« und anderen relevanten Themen.

20 Jahre später wollen meine Töchter während eines Besuchs in München sehen, wo die Eltern einst studiert haben. Wir zeigen ihnen das Uni-Hauptgebäude, werfen einen Blick in das Germanistische Institut und wagen es kaum, Ludwigsstraße 25 zu betreten. Wir tun es schließlich doch, und dann das: Die Theaterwissenschaftler sind verschwunden. Ausgezogen. Na endlich, dieses Gebäude war schon vor Jahrzehnten eine Ruine. Verlottert ist es dort immer noch, Fahrstühle und Heizungen funktionieren natürlich nicht, und den Toiletten statten wir lieber erst gar keinen Besuch ab. Weder Studierenden noch Lehrenden sind diese Räume zumutbar.

Wir gehen zum Schwarzen Brett und stellen überrascht fest: Das Haus steht gar nicht leer. Die Theaterwissenschaftler haben – unfassbar, aber wahr – Nachfolger gefunden. Als wir sehen, welches Fach dort nun unterrichtet wird, ist klar: In der Uni-Verwaltung waren Rassisten am Werk. Wen in diesem Moloch einzuquartieren, fand man adäquat? Die Albanologen.

Was treiben Albanologen eigentlich? Die laut Wikipedia namhaften Albanologen wie Eqrem Çabej, Xhevat Lloshi und Shaban Demiraj sagen mir spontan recht wenig. Ich habe noch nicht einmal Karl Mays »Durch das Land der Skipetaren« gelesen. Aus dem Internetauftritt des Instituts erfahre ich immerhin: »Die Albanologie ist eine komplexe Wissenschaft. Ihre Einheitlichkeit ist zwar durch das Objekt gegeben: Albanisch im weitesten Sinne des Wortes.« Gut so. Auf dem Veranstaltungskalender schrecken mich freilich Themen wie »Halbmythologische Gestalten in der albanischen Volksepik« und »Nordgegische Lektüre« ab. Ich tendiere eher zu »Albanologisches Sommerfest« und »Feldforschungsaufenthalt Kalabrien«. Aber das war seinerzeit in der Theaterwissenschaft nicht anders. Netterweise wird einem auf der Homepage »ein erfolgreiches, spannendes und engagiertes Studium an unserer Fakultät« gewünscht, was angesichts der grausigen Umgebung einen besonderen Zungenschlag erhält.

Ich finde das alles beschämend. Zwei Tage später läuft in der Zeitungsredaktion folgende Nachricht über den Ticker: Der US-Schauspieler albanischer Herkunft, James Belushi (»Mein Partner mit der kalten Schnauze«), ist mit einem der höchsten Orden Albaniens ausgezeichnet worden. Das Land sei stolz auf ihn und seine Liebe für das Land seiner Vorfahren, sagte Staatspräsident Bamir Topi bei der Verleihung des Ordens »Ehre der Nation«. Wahrscheinlich haben sie ihn mit seinem Bruder John Belushi von den »Blues Brothers« verwechselt, aber der ist ja schon lange tot. Über die Belushis gibt es bei den Albanologen natürlich kein Seminar, mal wieder typisch für Geisteswissenschaftler. Dabei wird James Belushi von der albanischen Nachrichtenagentur ATA so zitiert: »Meine Gene sind albanisch und durch meine Venen fließt albanisches Blut«.

Gibt das jetzt einen Schub für die Albanologen? Ach, ich sollte jetzt nicht gemein sein. Ich bin nämlich ein wenig beleidigt. Meine Gene sind halbägyptisch, von meinem Blut ganz zu schweigen, und ich habe noch nicht einmal einen halben ägyptischen Orden bekommen. Dabei könnte ich zum Beispiel ägyptischer Meister im Riesenslalom sein, leider gibt es diese Titelkämpfe nicht. Oder den Pokal für einen herausragenden deutschen Kolumnenschreiber ägyptischer Abstammung erhalten. Hinter den Albanern müssen sich die Ägypter keinesfalls verstecken: Wer ist denn James Belushi gegen Omar Sharif? »Doktor Schiwago« macht doch »Mein Partner mit der kalte Schnauze« nass, oder? Außerdem residieren die Ägyptologen in München viel repräsentativer als die Albanologen. Ach, kein Trost.

Im Radio säuseln Albano und Romina Power, aber das ist jetzt nur ein dummer Kalauer um abzulenken. Es hört nämlich nicht auf mit den Demütigungen. Noch eine Preisverleihung steht an: Der Adelbert-von-Chamisso-Preis geht an den Schriftsteller Artur Becker (»Das Herz von Chopin«). Sei ihm herzlich gegönnt. Aber nun kommt's: Becker, Jahrgang 1968, erhält den Preis für sein Lebenswerk. Ich bin Jahrgang 1967. Das tut weh.

Natürlich gebe ich mich keinerlei Illusionen hin. Als Spitzensportler hätte ich längst ausgedient, es gibt sogar Top-Politiker, die jünger sind. Aber den Preis fürs Lebenswerk an einen 41-Jährigen? Ich dachte, nur senile Regisseure und 18-mal geliftete Hollywood-Schabracken erhalten »Lifetime Achievement Awards«. Selbst Belushi hat lediglich die »Ehre der Nation« bekommen, nix da mit Lebenswerk.

Den Chamisso-Preis gibt es übrigens nur für Autoren, die in deutscher Sprache schreiben, deren Muttersprache oder kulturelle Herkunft aber nicht die deutsche ist. Darauf poche ich aber dann mal in ein paar Jahren. Aber wahrscheinlich wird mir der Preis von einem Albaner weggeschnappt.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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