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21.07.02

Magdi Aboul-Kheir

Getrennte Garsysteme

Die Menschen sind in ihrer Einfalt deprimierend. Gemeint sind jene, die sich von diesen notorischen Neppern und rückgratlosen Lügnern in den TV-Werbekanälen das mehr oder minder hart verdiente Geld vom Konto ziehen lassen. Wie naiv muss einer sein, um zu glauben, die angepriesenen Schrottartikel seien mehr wert als ihr Material- oder Brennwert? Und angenommen, nur angenommen, der Kram taugt mal ausnahmsweise was, ist er sittenwidrig überteuert plus Verpackung plus Porto. 20 Euro für die Plastik-Gemüsereibe. 50 Euro für das Auto-Politur-Set. Dreister Wucher ist das, an der Grenze zur Kriminalität.

Du hast das ja noch gar nie ausprobiert, sagen QVC- und Shopping-Europe-hörige Bekannte. Du pflegst ja nur Deine Vorurteile, sagen sie. Vorurteile? Gesunden Menschenverstand, würde ich meinen. Wozu sollte ich einen jämmerlichen Klapper-Wok testen, den mir ein vietnamesischer Behelfsschauspieler schlecht synchronisiert anpreist? Oder den angeblichen Wundertopf mit zwei getrennten Garsystemen: unten Kuchen backen, gleichzeitig oben Fisch dünsten, und das, ohne dass sich die Aromen gegenseitig beeinflussen oder durchmischen, wie diese solariumsgegrillte Dauergrins-Tussi behauptet. Getrennte Garsysteme, Dummenfang, wer glaubt denn sowas? Wer glaubt sowas und löhnt dazu noch 69 Euro? Anscheinend ziemlich viele Irre, wie der Zähler auf dem Bildschirm (»noch 114 Stück«) glauben machen will.

Um mir nicht nachsagen zu lassen, ich pflege meine Vorurteile und bilde mir meine Meinung ohne eigene Anschauung und kritische Prüfung, habe ich mir neulich mal so eine dämliche Werbesendung angesehen. So nebenher ist sie gelaufen, ich habe ja Besseres zu tun. Danach wusste ich definitiv: Das meiste Zeug taugt nunmal nichts, wie schon vorher gesagt. Gut, der Multifunktions-Eierkocher wirkte recht stabil, zugegeben, und die Gerichte aus dem Wok sahen genießbar aus. Aber diese Fernseh-Mafia trickst doch nur billig rum. Und das ist das Einzige, was da billig ist. Wie naiv glauben die denn, dass der Zuseher ist? 84 Stück gab es außerdem noch. 83, 82, 81.

Das Hautpflege-Köfferchen für den Mann, das am nächsten Abend beworben wird, hat zur Abwechslung mal ein akzeptables Preis-Leistungs-Verhältnis. Geht weg wie nichts. Nun, ist auch recht bequem, diese Form des Einkaufs, wenn die Kreditkarte gleich neben Fernbedienung und Telefon liegt. Am Tag drauf gibt es eine Make-Up-Tasche für die moderne Dame, aber meine Frau meint lapidar, das ganze Zeug aus dem Fernseher tauge nichts. Hat sich eine Meinung gebildet, ohne sich mit der Sache auseinanderzusetzen, ist mal wieder typisch. Und damit nicht genug, kritisiert sie auch noch an mir herum, nur weil ich täglich ein paar läppische Stunden meine Verpflichtung als Verbraucher ernst nehme und den Markt sondiere. Dabei läuft auf den anderen Kanälen ohnehin nur Grenzdebiles, und jeder Haushalt kann von der ein oder anderen zweckmäßigen Neuerung profitieren.

Das Hautpflege-Köfferchen, das zwei Tage später mit der Post eintrudelt, macht einen ganz ordentlichen Eindruck. Schließlich muss man ab einem bestimmten Alter auch als Mann etwas für sein Äußeres tun. Ganz neben etwas Lotion einmassieren, zum Beispiel beim Fernsehen. Die Plastik-Gemüsereibe, die ich bei der Gelegenheit mitbestellt habe, scheint ebenso ein Qualitätsprodukt sein. Ist Hartplastik, spülmaschinenfest. War nicht billig, aber Gutes gibt es nunmal nicht für umsonst, egal, wo man einkauft. Die Möhren lassen sich äußerst gleichmäßig stifteln, und dann ein Griff, ruckzuck, und schon hobelt man Gurken. Beeindruckend. Wie gesagt, Qualität hat ihren Preis, aber ich habe selten so rasch so viel Rohkost gerieben.

Dennoch sollte man mit diesen Teleshopping-Waren vorsichtig sein und nur Produkte aus dem gehobenen Segment erwerben. Der selbstreinigende Multifunktions-Eierkocher zum Beispiel ist mir von der Anrichte gerollt und zerbrochen. War aber nicht schlimm, ich hatte ja ohnehin zwei davon bestellt. Und die Woks sind tatsächlich stabil, eine feine Sache. Die drei nehmen auch gar nicht so viel Platz weg, wie ich dachte. Nur das Verpackungsmaterial sollte man regelmäßig entsorgen. Die Päckchen, die immer mal wieder eintrudeln. Mehr oder minder regelmäßig.

Päckchen auszupacken, ist ja eine schöne Sache. Jeder Tag, an dem man nicht lacht, ist ein verlorener Tag, hat Charlie Chaplin gesagt. Und ich lache jeden Tag, wenn der Postbote kommt. Was ist wohl heute drin, frage ich mich immer? Der Hochleistungs-Tischstaubsauger Blasi XL oder der stufenlos verstellbare Whirlpool-Einsatz für die Wanne? So oder so, es ist ein Grund zum Lachen. Chaplin hatte recht, ein kluger Mann. Ich habe auch alle seine Filme, eine Super-Video-Box, zu einem unschlagbaren Preis erworben. Die Filme flimmern zwar etwas und haben rumänische Untertitel, aber lustig sind sie trotzdem.

Heute ist endlich der Tischstaubsauger gekommen. Zusammen mit dem Teppich-Shampoonierer eine großartige Hygiene-Kombination. Zwar haben wir nur Parkett, aber man weiß ja nie. Es war außerdem das vorletzte Exemplar, hieß es, danach wären sie ausverkauft gewesen, und dann hätte ich mich nur geärgert. In der Post ist auch ein Schreiben von meiner Bank, irgendwas, das Verhältnis der Einnahmen- und Ausgabenseite betreffend. Hauptsache, ich habe meine Kreditkarte. Ein Brief vom Anwalt meiner Frau kam ebenfalls. Sie wohnt derzeit ja nicht in unserer Wohnung, aber das wird sich bald wieder ändern, wenn ihr erst den fast hochwertigen Rotgoldschmuck und die Anti-Cellulite-Schuhe schenke, die diese aparte Dame neulich im Fernsehen so gewandt vorgeführt hat. Meine Frau lässt mir ausrichten, sie habe genug davon, dass der Kuchen immer nach Fisch schmeckt oder andersrum, aber das tut er dank der zwei getrennten Garsysteme ja überhaupt nicht, oder zumindest nicht sonderlich störend. Kann er ja auch gar nicht, weil die Garsysteme ja getrennt sind, wie der Name schon nahelegt. Aber wie schon gesagt, die Menschen sind in ihrer Einfalt deprimierend.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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