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22.03.07

Magdi Aboul-Kheir

Mit Kniebundhosen und Eiskratzer. Erinnerungen an den Kalten Krieg

Heute morgen ist er von mir gegangen. Jahr für Jahr, besser: Winter für Winter, hat er mir treue Dienste geleistet. Mein orangefarbener Eiskratzer, mit dem ich den morgendlichen Frost von der Windschutzscheibe abkratzte. Jetzt ist er abgekratzt. Zerbrochen. Mittentzwei. Er war ein stummer Mahner, der mich an den Kalten Krieg erinnerte, an harte Frontszenen, an Stunden der Entbehrung, an die Fratze der Soldaten, vor allem aber an die Höllenmaschine, derer ich zu gebieten hatte. Gut zwei Jahrzehnte blicke ich zurück ...

... mit seiner Hilfe sollte ich also den Iwan besiegen. Wir schrieben 1986, ich war zur Bundeswehr ins beschauliche oberbayerische Murnau eingezogen worden und stand vor einem Mercedes Unimog. Der war, wie ich, knapp 20-jährig. Das hieß: Ich war jung, und er war alt. Zwar besaß ich einen netten Golf, aber genauso wenig wie der erste Kuss einen zum Mann macht, wird man in einem Golf zum Autofahrer. Zu dem wurde ich erst durch den unzuverlässigen, unzumutbaren Unimog. Und, irgendwie, auch zum Mann.

Wir kniebundhosentragenden Gebirgsjägerfrischlinge machten zunächst den Bundeswehr-Führerschein. Der bestand aus Theorie und Praxis, aber auch aus besonderen Disziplinen wie – technische Einführung, Rückwärtsfahren mit Anhänger und – sich anbrüllen lassen. Letzteres war die herausragende Kompetenz des untersetzten, speckglatzigen Fahrschulleiters, eines Oberleutnants, dessen Namen ich längst vergessen habe, nicht aber seine Spitznamen: Wir nannten ihn den »Teufel mit den drei goldenen Haaren« oder, da er so aussah, wie man sich einen Atomkrieg-Überlebenden gemeinhin vorstellt, »The Day After«. Konnte oder wusste man etwas nicht, schmiss »The Day After« seine Mütze zu Boden, trampelte darauf herum und begann eine Schimpftirade über »Abiturienten« – unabhängig vom Schulabschluss seines Opfers.

In der technischen Einführung wurde uns das Gefährt, auch »Gerät« genannt (im Gegensatz zum Gewehr, das hieß »Braut des Soldaten«, warum, weiß ich nicht mehr), nahegebracht. Wie üblich in der Bundeswehr herrschten System und Ordnung, koste es, was es wolle. So wurde uns eingebläut: Alles, was rot lackiert ist, hat etwas mit Öl zu tun, zum Beispiel der Ölmessstab. Kein Widerspruch! Als ich mit fragendem Blick auf den – natürlich roten – Feuerlöscher deutete ... »Abiturienten!«

Ich erfuhr vieles über meinen Unimog 404, etwa, dass sein Name »Universal Motor Gerät« bedeutet und er außerordentlich robust und widerstandsfähig war nur von Idioten kaputtzukriegen. Also von uns, wie »The Day After« betonte. Ich durfte den Wagen schrubben, schmieren und die Ausrüstung kontrollieren. Am nächsten Tag stand auf dem Dienstplan: schrubben, schmieren, Ausrüstung kontrollieren. Am Tag drauf übrigens ebenso. Folglich glänzte der Laster, und die Ausrüstung war stets komplett.

Das bedeutete freilich nicht, dass sie funktionierte. Genauso wenig wie das gesamte Fahrzeug, ja, wie alle Fahrzeuge meiner Einheit. Als wir mit 14 Unimogs zum Manöver aufbrachen, fiel der erste bereits in der Kaserne aus, drei weitere nach wenigen hundert Metern; insgesamt wurden am ersten Tag 18 Pannen gezählt. Mein Unimog hatte pro Manöver drei platte Reifen. Wir fragten uns, war der Russe tatsächlich noch mieser ausgerüstet als wir? Und: Warum sollten wir dann Angst vor ihm haben?

Die bestenfalls ruckelnden und zuckelnden Unimogs rauchten und soffen, was ich bei der Bundeswehr noch nicht unpassend fand – allerdings schluckten sie zwischen 25 und 50 Liter auf 100 Kilometer, je nach Strecke, Fahrweise und Unvermögen des Fahrers. Ich war voller Unvermögen, kippte den Laster im Gelände fast um, krachte im endlosen Konvoifahren mit 30 Stundenkilometern fast auf den Vordermann; zudem war ich stets auf der Suche nach Ersatzreifen und daher eher unbeliebt. Beim lustigen Dekorieren des Fahrzeugs im Grünen mit dem Tarnnetz riss ich mir regelmäßig alle Knöpfe ab (daher war ich auch auf der Suche nach Knöpfen, was der Beliebtheit auch nicht zutrug). Und als einmal ohne äußere Einwirkung die Hupe an-, aber nicht mehr ausging, sprang ich auf der Landstraße wie ein Irrer aus dem Unimog, riss die Motorhaube auf und alle Sicherungen heraus. Die Hupe, immerhin, schwieg. Der Wagen hingegen zahlte es mir mit einer weiteren Reifenpanne heim.

Der Unimog besaß weder Servolenkung noch Bremskraftverstärker. Daran gewöhnte man sich. Man konnte nur nicht mehr umdenken. Fuhr ich am Wochenende in meinem Golf nach Hause, kurbelte ich wie verrückt am Lenkrad und stieg vor jeder Ampel wie ein Berserker in die Eisen. Als ich mich später resozialisierte, wurde ich nur langsam ein Autofahrer wie alle anderen. Zumal ich auch gern Ersatzräder und Knöpfe hortete.

Als Andenken entwendete ich meinem Unimog den Eiskratzer, auf dem sein Name stand: Y-343. Meinen Nachfolgern wird bei der Ausrüstungskontrolle aufgefallen sein, dass er fehlt. Im Gegensatz zum Unimog funktionierte der Eiskratzer tadellos, war stets einsatzbereit, widerstand Perestroika und Glasnost und den Fall der Mauer. Bis heute morgen. Jetzt ist es vorbei. Der Kalte Krieg ist endgültig vorüber.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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