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22.10.05

Magdi Aboul-Kheir

Bindenbrusse Nummer fünf lebt: Struppiges Schnitzel mit Achtfubler

Delikat, deftig, duftig, zartschmelzend, luftig, leicht und locker – auf Speisenkarten tummeln sich die appetitanregendsten Adjektive deutscher Zunge. Den Köchen der Bindenbrussen-Fraktion genügt dieser Wortschatz natürlich nicht, und so kreieren sie neue Eigenschaften. Doch läuft uns wirklich das Wasser im Munde zusammen, wenn »Gerlucherte Toaste«, »Zottige Knodel« und »Aufgebläster Hahn« locken? Was ist, wenn der Knodel nicht zottig genug ist und gar der Hahn an Luft verliert?

»Gerächerter Teller« klingt nach Blutfehde, »Pilzesuppe im aufgebähnten Brotleib« nach Beisetzung und »Gebrannter Spagrel« nach Feuersbrunst. Da erfreuen wir uns lieber an den selbstbewusst klingenden »Geratenen Tomatos« und an einem »Wohlriechenden Schnitzel«, hingegen wäre die »Wohlriechende Tomatencreme mit knusprigen Spänen« ohne Einlage besser geraten. Ja, passend gewählte Adjektive lassen Leckeres erahnen – doch was sind »Ranchere Bohnen«, »Getenes Rind«, »Hühnschen gefuut«, portugiesischer »Fisch frigirt« und der florentinische »Felligeschnittener getrohneter Rostbraten«?

Nicht frigirt, sondern frisch wünschen wir uns die Lebensmittel. Noch besser: vital-dynamisch. Etwa wenn in der »Französischen Fischsuppe mit bratener Scheibe Baguette und hobelndem Käse« der Inhalt noch kräftig am Arbeiten ist. Derweil sollte die »Zwiebelcremesuppe mit käsigen gerösteten Brotscheiben« noch ein paar Minuten vor dem Servieren unter die Sonnenbank. Nachhilfe in Sachen appetitlicher Wortwahl braucht ein ungarisches Restaurant, das »Mit Senft und Gewürtzen beschmierte Putenbrust« unter die Leute zu bringen versucht. Ansonsten greift der Ungar bei der Namensgebung zu Naheliegendem: Da gibt es eine Schüssel »Essigen Kartoffelsalat« und zum Dessert »Ananasige Überaschung«. Auf das »Struppige Schnitzel« verzichten wir.

Bleiben wir in Ungarn und erfreuen uns an Menükarten mit Rubriken wie »Kalbwunder«, »Was in unserem Garten wuchert« und »Überraschungen vom Wasser«. Vor allem mit Fischen kennen sich die Magyaren aus. Die sind, wissen sie zu berichten, äußerst gesund: »Das komt nur davon das in fisch nur gute fetten sind, es sind die naturliche die fetten die wir essen Beim fleichs sind nun wieder die schlechteren.« Es ist eben so eine Sache mit den Fetten, aber dennoch raten uns die Ungarn zur »Maonäse« – da fehlt nur die Tse-Tunke.

Reisen wir noch ein wenig umher. Zunächst nach Dänemark, wo wir angesichts »Güner Salat mit gebratener Hänschen« ins Rätseln kommen: Handelt es sich nun um Hänschen klein oder um Hühnerklein? Gewiss nett und kommunikativ ist das Gericht »Hummersuppe mit Krebs schwäzchen«. Na, hoffentlich unterhalten sie sich gut in der Brühe.

Von der Nordsee in die Ägäis, ins »Cafe Sun Set«. Dort läuft einem doch das Wasser im Munde zusammen, fast zumindest: Als Aperitif locken »Vielzalhy ouzo«, dann gibt es als Vorspeise »Achtfubler gegrillt« und »Geebratene kubris« und als Hauptgang »Versalzte makrele«, »Schweinefleisch m. pizle« und »Hackfleisch klobchen«. Ob Kubris und Klobchen auch versalzt erhältlich ist? Und wird der Achtfubler auch mit Pizle serviert?

Schnell nach Italien. Der »Gemuseauflaut« ist so frisch, dass er schreit, wenn man hineingabelt. Am Gardasee wird vorneweg nur Nasses abgeboten: »Gemischter Vorspeisensee von Buffet.« Also lieber weiter, nach Spanien – wo es neuerdings Sättigungsbeilagen für unterwegs gibt, die so genannten »Reisegerichte«. An der Costa Blanca künden die Speisekarten von gehobener, niveauvoller Kost. Gereicht werden edle »Texturen von Honig Tomate und einen Sardienen Salat XXI Jahrhundert« – so isst man heute. Hernach erfreuen sich die Gäste an »Junge Taube auf einen Zuss und Sauer Sauce«, und wenn ihnen das zu fein oder zuss ist, dürfen sie kräftig zubeißen: »Knusperigen Topf von Hazelnuss«. Danach klingt der Abend, gewiss romantisch im Sonnenuntergang, aus mit der »Träne von Bittere und weise Schocolade Nepal« und ganz zum Abschluss mit Kaffeespezialitäten wie »Brasil sur de Mines. Sehr intens und bleibt im mund.« Letzteres ist doch sehr erfreulich.

Dergestalt rundum lukullisch zufriedengestellt, ist nur noch Platz für ein kleines kulinarisches Quiz. Welche Spezialität setzt sich der Brite auf den Kopf? »Anglische Gemütze«. Was kocht der Tscheche, wenn er lieber mal zuhause bleibt? »Häuslichsuppe«. Was sind die Lieblingsgerichte der Schlagzeuger und Percussionisten? »Knackige Hühnerfingers« und »Gegrillte Hühnerklöppel«. Welcher Kuchen rollt und springt vor dem Verzehr davon? Der »Kugelhups«.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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