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26.05.08

Magdi Aboul-Kheir

Cool Soft mit Klaatu Pillage, Yulin Trusolaski und all den anderen

Zuviel Spam. Ich sitze vor dem Computer, und meine eigene Hardware packt es nicht mehr. Viel zuviel Spam. Ich falle in einen Schockzustand, dann in den Schlaf.

Als ich die Augen aufmache, stehen ich vor einem gigantischen Firmengebäude. An der Front leuchtet auf: »International Spam Enterprises«. Ich stehe vor einer Tür mit der Aufschrift »Praktikanteneingang«. Sie schwingt auf. Man erwartet mich.

Ich trete ein, und ein Hüne kommt mit einem kraftstrotzenden Lächeln auf mich zu. »Hi, mein Name ist TrongKhuong Howlader, ich bin hier Vorarbeiter.« Howlader deutet auf die schmächtige Frau, die neben ihm steht. »Und das ist Cochabamba R. Goodlier, meine Assistentin.«
»Ihre Namen klingen ja wie Spam-Absender«, frotzele ich.
»Wir sind ja auch Spam-Absender«, erwidert TrongKhuong Howlader trocken.
»Und wie heißen Sie wirklich?«
»Wie – wirklich?«
»Das sind doch keine echte Namen«, beharre ich.
»Das sind aber wohl echte Namen!« Howlader scheint beleidigt. »Hier gehen achtzehn Milliarden Spams täglich raus, was glauben Sie, wer die schreibt?«
»Computer-Programme?«, frage ich.
»Computer-Programme«, schnaubt er.

Cochabamba R. Goodlier öffnet eine Flügeltür. Dahinter tut sich eine gigantische Halle auf. Arbeitsplatz neben Arbeitsplatz neben Arbeitsplatz. Auf jedem Schreibtisch ein PC und davor sitzen ... »Spam-Autoren«, sagt Howlader stolz. Er schnappt sich meinen Arm und beginnt, mit mir die Reihen voller emsiger Tastaturbearbeiter abzuschreiten. »Newton Zapata, Krish Kiiski, Lakisha Tanisha, Homer Gore«, sagt er. »Szaflarski Cabada, Banachiewicza Celtuce, Leopold Bliefernich, Alien Varshava.«
»Die heißen wirklich so?«
»Selbstverständlich! Amarender Notevarp, Bullyu Nix, McDermott R. Pius, Trygvi Tolson.«

Durch eine Schleuse betreten wir eine weitere Halle, mit größeren Schreibtischen und gepolsterten Sitzen. »Hier sitzen unsere großen Könner. Die Spam-Meister. Bimbo Duff, der sieben Spam-Academy-Awards besitzt, für die anzüglichsten Mailings. Laticia Tequila und Vonda Champagne, mehrfach ausgezeichnet für die flüssigste Schreibe.«
Ein Arbeitsplatz ist leer.
»Wo ist Oedipus Ambriz?«
»Hat mal wieder Ärger mit seinen Eltern«, sagt die Sitznachbarin, eine gewisse Maribel Mikityanskiy.
»So, das muss fürs erste reichen«, sagt Howlader und blickt mich an: »Jetzt sind Sie dran.«
»Ich?«
»Ja. Sie sind hier nicht zum Vergnügen. Wie heißen Sie? Hoffentlich ist Ihr Name Spam-geeignet.«
»Magdi Aboul-Kheir«, sage ich.
»Großartig«, grinst Howlader. »Ein wunderbar dämlicher Spam-Name, den nehmen wir.«

In einem Seitenflügel bekomme ich einen schmucklosen Arbeitsplatz zugewiesen. Meine Sitznachbarn Socorro Knutson und Biana Lalala sollen mich einarbeiten. Die erste Übung lautet: Betreffs formulieren.
»Es geht um ...«, sagt Biana Lalala, »Sex natürlich. Viagra, Penisverlängerung, Aufputschmittelchen. Lass Dir was einfallen.«
»Betr.: Very good sex«, dichte ich.
Sie schüttelt den Kopf.
»Do you want a larger penis?«, schlage ich vor.
Sie schüttelt den Kopf. »Nein, wir brauchen etwas in der Art von ›she will love a massive meat in her back door‹ oder ›acquiring a boner has never been easier, check out this‹. Unsere erfolgreichste Spam in der aktuellen Kampagne hat den Betreff ›gorgeous petite hot chick at the forest‹«
»Was soll denn das heißen?«, frage ich.
»Ist doch egal. Hauptsache, es kommt an, haut rein und zieht.«
Socorro Knutson ruft an ihrem Rechner eine Liste ab: »Die heutigen Top-Drei«. Ich lese: »kinky pissing seix alive only« – »fondled mlLf boiobs crown« – »Ababuo huebsches Teen hehe«.
»Wieso ist denn das alles so seltsam geschrieben?«, will ich wissen.
»Wegen der Spam-Filter. Vor allem aber, weil wir das lustig finden. Lies mal, das ist doch der Brüller«, sagt sie und legt mir einen Text vor: »Leet yoour instrmuent woork likee a clcok with Ge |\| eerik \/ i a g r /\. mother district guard nuclear nations said.«
»Das ist doch urkomisch«, sagt Socorro Knutson. Sie bekommt einen verklärten Blick. »Manchmal ist es sogar die reine Poesie,« Sie deutet auf einen Tafel an der Wand. »Dieser Mailtext hat den Lyric Spam Award 2007 gewonnen.« Inbrünstig beginnt sie, das Werk vorzutragen:
»ideogeny anaerobiotic lerot
redwood empathizes haplology tatchy limmock
unparalleledness lichenaceous psoae snup...«

»Da schreibe ich lieber deutsche Spams«, entscheide ich.
Biana Lalala schaut erstaunt drein: »Nichts schwieriger als das!«
»Ich kann aber Deutsch«, beharre ich.
»Eben«, sagt Socorro Knutson, »das ist ja das Problem«
Sie legt mir ein Beispiel für eine erstklassige deutsche Spam-Mail vor: »Du suchtest ein Programm. Ich kenne eine Seite, wo es eine Haufe verschiedener Programme gibt. Es ist viel Programm Deutsch. Die kosten um 5-10n Mal billiger, als andere. Du kriegst cool Soft und sparst 200 Euro.«
Sie hat recht: Cool Soft, das krieg ich nicht hin.
»Mach Dir nichts draus«, sagt Socorro Knutson, »alle haben mal klein angefangen. Sogar die Allerbesten, Yusuf Middlebrook, Klaatu Pillage, Yulin Trusolaski und wie sie alle heißen.«

Ein aufgeregter Mann tritt an unseren Tisch und stellt sich als Munteanu Orosz vor. »Ein neuer Spam-Prototyp geht in Serie«, erzählt er aufgeregt und zeigt uns einige Betreff-Muster: »FuckstickColossalAlfonzo«, »MohamedElephantinPenis«.
»Gute Idee«, sagt Socorro Knutson. Sofort beginnen alle, nach der Vorlage neue Spam-Betreffs zu schaffen: »CockRangyElvis«, »DickGiganticAdolph«, »ElephantinPenisJose« ...

Ich werde mutig. »Ich glaube, das kann ich auch«, sage ich. Nach zehn Minuten habe ich meine ersten Entwürfe fertig. »DingdongLuxusMagdi« und »LovestickFabulousAboul« und »PowerpillerKheirExtreme«. Ich bin stolz. Biana Lalala klopft mir anerkennend auf die Schulter, und Socorro Knutson küsst mich. Dann wache ich schreiend auf.

»Was ist los?« Meine Gattin schaut mich erschrocken an.
»Frau«, sage ich, »wir müssen unseren Namen ändern.«



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Magdi Aboul-Kheir

Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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