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27.08.05

Magdi Aboul-Kheir

Am 13. Juni 2006 nicht im Stadion: Die Pharaonen gegen Papua-Neuguinea

Die ägyptische Nationalmannschaft, dieser Haufen verwöhnter Pflaumenkicker, qualifiziert sich nicht für die WM in Deutschland. Ich fasse es nicht: Die Welt ist zu Gast bei Freunden und beim Franz, und meine Ägypter kommen nicht.

Ich habe nämlich schon Karten. Zwei mal zwei Stück für Vorrundenmatchs in Stuttgart, am 13. und 19. Juni 2006. Saftige 240 Euro, danke. Wer spielt, weiß ich leider nicht. Ich weiß immerhin schon, wer nicht spielt. Ägypten. Mein Herz blutet.

So gern hätte ich meinen Freunden voller Stolz und sportlichem Patriotismus den ägyptischen Fußball präsentiert. Im Tor der angeblich katzengleiche Nader El Sayed, der sich kürzlich an der Elfenbeinküste zwei Stück hat einschenken lassen; und der Möchtegern-Zehner Mohammed Zidan, dessen Name an einen anderen, berühmten Zehner erinnert, aber Zinedine Zidane hat gewiss nie ein lächerliches 3:3 in Benin abgeliefert.

Johannsson, Antoniusson, Mete, Sigurdsson, Abdulkadir, Runarsson, Saevarsson, Gustavsson, Gylfason, Sveinsson, Steinarsson. Was fällt Ihnen an dieser Aufstellung auf, lieber Fußballfreund? Genau, Sportskamerad Abdulkadir – umgeben von lauter bärtigen Wikingersöhnen. Das ist die Aufstellung des isländischen Kevlafik IB, mit der er gegen den FSV Mainz sang- und klanglos aus der UEFA-Cup-Qualifikation ausgeschieden ist. Gegen Mainz! Kein Wunder, dass der Fußball im Orient nicht weiterkommt, wenn seine Talente wie Abdulkadir, diese technischen Rohdiamanten, auf unwegbaren Schotterplätzen gemeinsam mit nordischen Blutgrätschern namens Jonas Gudni Sævarsson und Brynjar Örn Gudmundsson trainieren und bestenfalls Schüsse auf den Kasten von Olafur Gottskalksson abgeben. Und dann auch noch gegen Mainz verlieren! Natürlich wird das so nichts. Außerdem gelten die ägyptischen Spieler leider als undiszipliniert, eigensinnig und laufschwach (hier einen naheliegenden Witz über »Walk like an Egyptian« einfügen).

Nicht, dass ich ein hurraschreiender Schwenker der ägyptischen Fahne wäre – das erhebt mich noch weniger als schwarz-rot-gold. Mein Arabisch ist lausig, besser gesagt bis auf Obszönitäten nicht vorhanden. Als ich meinen Wehrdienst absolvierte, war ich lieber ein kniebundstrümpfiger Gebirgsjäger in Oberbayern, als dass ich durch die libysche Wüste gerobbt wäre (das hätte ich mal tun sollen, 1:2 hat Ägypten in der Qualifikation gegen Libyen verloren!). Aber wenn im Fernsehen der Africa Cup, die EM Afrikas sozusagen, übertragen wird, drücke ich den »Pharaonen«, die wirklich so genannt werden, die Daumen. Dann sitze ich gebannt, zwar ohne Wasserpfeife und nur selten mit klebrig süßem Tee, vor der Glotze, schaue Eurosport (wieso eigentlich Eurosport, wenn ich Ägypten gegen Malawi sehe?) und feuere die Jungs an: »Jalla, jalla«, womit bekantlich auch in Abenteuerfilmen die faulen arabischen Träger und Ausgräber angetrieben werden. Nützt nur nichts. Im Film wie im Fußball. Die Pharaonen kommen 2006 nicht zu Freunden. Nicht zu mir, ihrem Halbbruder.

Und sonst? Immerhin weiß ich auch schon, dass ich im Juni 2006 weder die Teams von den Kapverdischen Inseln (trotz ihres großartigen Auswärtssiegs in Burkina Faso) noch Aruba (wer sich 1:8 in Surinam abschlachten lässt, braucht sich nicht zu wundern) zu sehen bekomme, ganz zu schweigen von Amerikanisch Samoa. Das hat sich in vier Spielen unglaubliche 34 Tore eingefangen, davon Stücker zehn gegen Papua-Neuguinea. Was war da los, sind die Abwehrspieler aufgefressen worden? Und wieso darf Ägypten keine Qualifikation gegen Amerikanisch Samoa spielen? Der Weltverband FIFA ist schließlich nicht die CDU, sonst dürfte die Türkei ja nicht in Europa mitmachen. Die FIFA sieht das mit den Kontinentalzonen nicht so streng, auch Israel tritt in Europa an, und die Australier wenden sich von Ozeanien ab und dürfen künftig in der Asien-Qualifikation mitmachen. Was freilich die Chancen von Amerikanisch Samoa und Papua-Neuguinea zumindest statistisch erhöht. Nur Ägypten hat nichts davon.

Vielleicht war das keine so gute Idee, ins Ungewisse so viel Geld ausgeben. Jetzt muss ich mir mit 30000 scheintoten Funktionären, 30000 euphorisierten Schwaben (schließlich hat mal ja viel Geld bezahlt) und 300 verdutzten ecuadorianischen Schlachtenbummlern (weil sie im falschen Stadion sind) ein ödes 0:0 zwischen der Ukraine und Japan antun oder das Gekloppe Paraguay gegen Togo mit drei roten Karten. Lieber Fußballfan, was haben Sie am 13. Juni 2006 vor? Ich hätte da ein paar Tickets für Sie. Ich kann Ihnen auch etwas versprechen: Weder die Pharaonen noch Papua-Neuguinea werden kicken.



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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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