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30.07.05

Magdi Aboul-Kheir

Mahadi und Buddha: Der Tod schmeckt ihr gut

Illustration von Martin Rathscheck

Illustration von Martin Rathscheck

Natürlich erschraken wir mächtig, als meine eineinhalbjährige Tochter Ida beim Frühstück plötzlich »Der Tod« rief. Wir wussten nicht, wo sie dieses Wort aufgeschnappt haben sollte, und vor allem nicht, weshalb sie es anbrachte. »Der Toood«, sagte sie nachdrücklich.

Die absurde Sterbeszene aus dem Monty-Python-Film »Der Sinn des Lebens« kam mir in den Sinn. Eine lustige Tafel wird von heftigem Pochen an der Tür unterbrochen. Draußen steht der Sensenmann. »Ich bin der Tod«, sagt er gruftig. »Kommen Sie herein, Mr. Tod«, säuselt die Gastgeberin. Erst langsam dämmert es der Abendgesellschaft, was der finstere Kuttenträger will: Sie alle sind soeben dahingeschieden und werden nun abgeholt. Der Tod deutet mit seinem knochigen Finger auf den Tisch: »Die Lachsschaumspeise«. Und dann geht es ab ins Jenseits ...

Meine Tochter deutete auch mit dem Finger vage über den Tisch. Lachsschaumspeise gab es nicht, aber Aufschnitt, und man weiß ja nie. »Der Toooooood!« brüllte sie, äußerst ungeduldig angesichts unserer Begriffsstutzigkeit. Plötzlich – na klar, der Toast. Erleichtert reichten wir ihr eine Scheibe. »Wuht dadauf!«, forderte Ida. Gern, Wurst drauf. Sie biss herzhaft in das Brot. »Der Tod, gut.«

Die Sache war so: In Sachen Spracherwerb – reiches Vokabular, komplexe Mehrwortsätze – zeigte sich Ida enorm begabt, nur mit manchen Lauten klappte es nicht wirklich gut. Das ist bei vielen Kindern so. Man kennt das ja, ein fremder Balg steht plötzlich vor einem, plärrt vorwurfsvoll »Miwiee dagaha Masookoo«, dann kommt eine Mutter, schüttelt ungeduldig den Kopf und sagt: »Nun geben Sie ihm schon ein Stück Schokolade ab.«

Ganz so schlimm war es bei uns nicht. Aber dennoch: Ida hatte oft mit dem Anlaut eines Wortes Schwierigkeiten, das »s« war besonders problematisch, und einige ihrer Ausdrücke konnten wir überhaupt nicht herleiten. Dass Butter wie »Buddha« klang – okay. Dass Marmelade »Mahadi« hieß – auch noch verständlich. Aber weshalb hieß der Fisch »da Hüpp«? Wie kam sie von Löffel auf »Hobba«? Wurde also Marmelade auf den Toast gelöffelt: »Der Tod Mahadi Hobba dadauf.«

Spracherwerb ist etwas Faszinierendes. Nun sollen Eltern, um ihren Spross optimal zu fördern, die undudenhaften kindlichen Wortschöpfungen nicht ständig besserwisserisch korrigieren. Vielmehr ist das fragliche Wort bei der nächstbesten Gelegenheit einfach richtig auszusprechen. Auch sollten die so charmant-niedlichen Kreationen des Kindermundes nicht von den Erwachsenen aufgenommen und verwendet werden – denn wie soll das Kleine so lernen, wie das Wort offiziell heißt?

Im Falle unserer ersten Tochter Dana hatten wir uns vorbildlich verhalten. Rasch waren all die unkorrekten Konsonanten, die genuschelten Endungen und fehlerhaften Deklinationen verschwunden. Bei Ida hingegen – nun, »Gib mir noch einen Tod!« fanden wir im Lauf der Zeit recht ulkig. Schon bald hatte Ida mit ihrer Radebrecherei unser Familienvokabular kräftig bereichert. Wenn wir uns verabschiedeten, riefen wir »Hüüt« – das hieß »Tschüss« – und forderten den »Kutt«. Einen Kuss. Auch ohne Idas Anwesenheit sprachen wir so. »Hüüt, Papa«, »Mama, ein Kutt!«

Dass wir uns damit in den Augen Dritter auffällig verhielten (im Supermarkt: »Wir brauchen noch Mahadi«; am Seeufer: »Guck, da Hüpp!«), nahmen wir nicht wahr. Wir nahmen auch nicht wahr, dass Ida längst enorme Fortschritte machte – ganz ohne unsere Hilfe. »Toast, bitte«, sagte das Kind nun am Frühstückstisch völlig regulär, »mit Butter, bitte. Und Wurst drauf, bitte«. Ein freundliches Wesen übrigens. Ich reichte ihr das Gewünschte: »Hier, mein Schatz. Tod mit Buddha und Wuht.«

Längst sagte Ida, wenn sie sich verabschiedete: »Tschüss!«. Als ich kürzlich in den Feierabend ging, sprach ich hingegen zu meinen Kollegen im Büro laut und deutlich, ohne es zunächst zu merken: »Hüüt!«

Spracherwerb ist wirklich etwas Faszinierendes. Hüüt bis zum nächsten Mal.

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Magdi Aboul-Kheir hat am gleichen Tag Geburtstag wie Martin Walser, Steve McQueen, Fatty Arbuckle und die Kremers-Zwillinge. Zum Glück ist er etwas jünger (Jahrgang 1967), beziehungsweise lebt er [..]

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