30.12.19

Magdi Aboul-Kheir

Chai Lipton mit weißem Chianti

Ich bin nicht als Mann von Welt auf ebendiese gekommen. Das mag all diejenigen verwundern, die mein heutiges Ich kennen: diese gepflegt-urbane Erscheinung, diesen sublimen Stil, dieses polyglotte Parlieren und diese stupende Bescheidenheit. Aber tatsächlich, auch ich habe bis hierhin einen oft steinigen Weg des Lernens zurücklegen müssen.

Mein Vater hat mich gelehrt, den Kanon der klassischen Bildung und des guten Benehmens mit ein paar persönlichen Eigenheiten zu vervollkommnen. Mein Vater war leidenschaftlicher Teetrinker. Dabei hatte er geschmacklich schon früh sein Ideal gefunden: Lipton-Schwarztee und zwar aus dem Beutel. Oder auf gut Arabisch: Chai Lipton.

Wenn er in Hotels oder Restaurants eine Tasse schwarzen Tee bestellte – anderen betrachtete er überhaupt nicht als Tee, sondern als gefärbtes Wasser -, beantwortete er die Frage »Darjeeling oder Assam?« also mit einem charmanten »Lipton, bitte!« Den Gipfel der individuellen Expertise zeigte er dann, indem er das geliebte Getränk mit drei gehäuften Löffeln Zucker veredelte.

Unvergessen ist mir aus Kindheitstagen in den späten 70ern ein Frühstück im Münchner Luxushotel Vier Jahreszeiten. Auf die Frage meines Vaters nach Tee, fuhr ein Ober mit einem Wägelchen vor, auf dem ein gutes Dutzend Sorten offenen Tees feilgeboten wurden. Worauf mein Vater die Nase rümpfte und meinte: »Fünf Sterne und die haben nicht einmal richtigen Tee.«

Diese Anekdote sollte man nicht falsch verstehen, das Verhalten meines Vaters ist für mich kein Beispiel für Ignoranz, sondern eines konsequenten persönlichen Stils. Auch wenn man das Weltwissen und die Individualität vielleicht noch in ein besseres Gleichgewicht hätte bringen könnte.

Wir machen nun einen kleinen Zeitsprung in die 90er Jahre. Statt Kind bin ich Student, statt in einem Münchner Luxushotel stehe ich in einer Braunschweiger Tankstelle, statt mit meinem Vater bin ich mit meinem Freund Magnus unterwegs, statt Frühstückszeit ist es Mitternacht, und außerdem sind wir betrunken. Allerdings unserer Meinung nach nicht ausreichend, die Nacht ist noch jung, wir sind mit netten Kommilitoninnen unterwegs, die in der Herberge auf uns warten. Wir sollen und wollen Getränke kaufen. Gewünscht wird Wein.

Nun ist es eine glückliche Fügung, dass die Studentengruppe mit diesem Auftrag Magnus und mich betraut hat, also ausgewiesene Weinkenner. Ich studiere gerade die Auswahl internationaler Spitzenweine, die man seinerzeit in Braunschweiger Tankstellen geführt hat, und rufe quer durch den Verkaufsraum zu Magnus, der am Chipsregal steht: »Was sollen wir nehmen?«. Daraufhin lässt Magnus gleich seine Expertise aufblitzen: »Nimm einen Guten, aber nicht über fünf Mark.« Das lässt mich innehalten, das Sortiment erneut prüfen und Magnus schließlich fragen: »Soll ich einen Chianti kaufen?« Worauf er quer durch die Tanke blökt: »Nee, nimm nen Roten!«

Es waren nicht viele Ohrenzeugen in dieser Nacht in der Tankstelle zu Braunschweig, aber es waren doch zu viele. Und offenbar alles Connaisseure, ihren Blicken nach zu urteilen. Auf jeden Fall beschloss ich in dieser Nacht, ein Mann von Welt zu werden. Noch immer klingt mir der Satz »Nee, nimm nen Roten!« mahnend in den Ohren, wenn ich mich auf gesellschaftlichem Parkett einmal unsicher fühlen sollte. Und wenn ich Chianti trinke.

Nun, das ist lange her, und wie gesagt, all das hat den Mann geformt, der ich heute sein darf. Ich schreibe diese Erinnerungen übrigens in einem Hotel nieder. Gerade habe ich gefrühstückt. Man muss sich das mal vorstellen, die haben hier nicht einmal Chai Lipton.



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