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07.01.07

Barbara Arnold

Zappen

Kennen Sie das? Eigentlich wollten Sie nur mal eben wegschalten, wegen der Nerven zermürbenden Werbung. Und dann stellen Sie fest, dass Sie die interessantesten Sendungen meistens verpassen, weil Sie normalerweise stundenlang an öffentlich rechtlichen Tatorten, Nachrichtenmagazinen oder Polit-Talkshows festhängen. Bis jetzt. Aber nun, mitten in der Werbepause einer »Columbo«-Wiederholung, die Sie sowieso schon mitsprechen können, passiert es: Sie entdecken ein (für Sie) neues Fernseh-Kleinod: die Casting-Show »Deutschland sucht den Superhund«. Das hat uns gerade noch gefehlt. Aufgebrezelte Blondinen, deren IQ ihrer Haarfarbe alle Ehre macht, präsentieren gestylte und shampoonierte Tölen mit lackierten Krallen und gefönten Tollen, eine Jury aus vermeintlichen Tierfreunden soll herausfinden, welche die schönste im ganzen Land ist. Kurz bevor mir vollends schlecht wird, schalte ich schnell um auf den nächsten Sender. Hier baut gerade ein hyperaktives Wesen in pastellfarbener Bekleidung unschuldigen, nichts ahnenden Menschen das Eigenheim um. Am Schluss findet dann eine gemeinsame Besichtigung statt, bei der ein Jubelsturm den nächsten ablöst. Was sollen sie auch sagen, etwa: »Bullshit, so hatten wir uns das nicht vorgestellt!!«? Die Ideen sind ja ganz witzig, aber ob der zwölfjährige Sohn es in vier Jahren immer noch lustig findet, in einer mit prähistorischen Wandbemalungen ausgestatteten Dinosaurierhöhle zu wohnen, sei dahin gestellt. Auch der Hausherr schaut etwas zerknirscht, als er feststellt, dass sein heimisches Arbeitszimmer dem Luxusbad weichen musste. Aber man kann eben nicht alles haben im Leben.

Mit Tränen des Mitleids in den Augen drücke ich die Vorlauftaste meiner Fernbedienung. Auf dem nächsten Kanal erwartet mich eine superspannende »Ranking Show«: die »Fünfhundert lustigsten Weihnachtsrituale« oder waren es »Die zweitausend erfolgreichsten Schlager der vierziger Jahre«? Egal, die Moderatoren sehen auch irgendwie alle gleich aus. Man erfährt auch nicht, ob es sich um eine aktuelle Sendung handelt oder eine Wiederholung aus der Mottenkiste. Eine Gruppe von B-Promis, die nur dadurch bekannt sind, dass sie bei Ranking-Shows immer auf dem Sofa sitzen und das Ganze kommentieren, sitzt auf dem Sofa und kommentiert das Ganze. Dazu treten Bands auf, von denen wir gar nicht wussten, dass sie noch existieren, und Fossile wie Ian Anderson (»Jethro Tull«) oder Harpo geben aktuelle Lebenszeichen von sich, ob wir wollen oder nicht. Zum Glück alles mit Voll-Playback, so dass wir nicht auch noch ihre gealterten Stimmen ertragen müssen.

Mir fällt ein, dass Columbo längst seine Werbepause beendet haben müsste und versuche mich zu meinem ursprünglichen Sender zurück zu zappen. Dabei bleibe ich an einer Wahrsage-Sendung hängen. Eine Frau, die aussieht, als habe Dieter Bohlen versucht, sich mittels einer blonden Langhaarperücke als Pamela Anderson zu verkleiden, schaut dem Zuschauer tief in die Kamera und liest ihm dann telefonisch die Karten. Dabei gibt sie Weisheiten von sich wie: »Es ist verständlich, dass Ihr Partner seit seinem Tod keine Zeit mehr für Sie hat!« Ich erwäge kurz, ebenfalls anzurufen, um die Anrufer zu fragen, ob sie eventuell nicht alle Tassen im Schrank haben, unterlasse dies aber, nachdem ich zu dem Schluss gekommen bin, dass diese Frage gegebenenfalls gegen mich verwendet werden könnte. Obwohl ich nun zu dem Schluss gekommen bin, dass dieser Schwachsinn nicht mehr zu überbieten ist, wage ich den nächsten Druck auf die Fernbedienung. Volltreffer: Vor einer Tafel, auf die mit Kreide die Städtenamen Köln, Kassel, Kiel und Kaiserslautern stehen, fleht eine leicht bekleidete Brünette die Zuschauer an, ihr per Telefon weitere deutsche Städtenamen (»Städtenamen!!! keine Dörfer oder so!!«) zu nennen, die – Sie ahnen es schon – mit »K« beginnen. Sie bietet sogar Geld für die richtigen Antworten. Nachdem mehrere Deppen und Deppinnen angerufen haben, um bereits auf der Tafel vermerkte Städtenamen vorzutragen, steigt ihre Verzweiflung im gleichen Maße wie ihre Bereitschaft, mit Geld um sich zu werfen. Ich habe schon die Hand am Telefonhörer, um ihr kurzerhand »Karlsruhe« an den Kopf zu werfen und mein Vermögen um die angebotenen 500 € zu mehren, als mir einfällt, dass man ja erstmal anderthalb Stunden für 1,80 € die Minute in einer Warteschleife kreisen muss, ehe man dran kommt, und dann hat schon irgendjemand anders »Karlsruhe« gerufen, und dann steht man vor der gesamten Nation als Depp da. Zumindest vor dem Teil der Nation, der in diesem Moment gerade an diesem Stuss vorbei gezappt kommt.

Mit letzter Kraft gelingt es mir umzuschalten. Columbo ist natürlich längst ins Bett gegangen. Dafür bieten auf »seinem« Sender biedere Damen in geblümten Kleidern »zauberhafte Porzellanpuppen« an. Anschließend wird »wertvoller Schmuck« angepriesen und, als seien sämtliche Zuschauer blind, in allen Details beschrieben, während die Kamera die Klunker in Großaufnahme zeigt. Die geistreichen Kommentare gipfeln in Bemerkungen wie »dieser rein goldene Armreif ist aus reinem Gold« und der Feststellung, dass alles, aber auch alles »wunderschön anzuschauen« ist. Bevor die geblümten Damen ihre Kleider abwerfen, um hautfarbene Ganzkörperkondome vorzuführen, die angeblich auch Vierzentnerfrauen gertenschlank erscheinen lassen, rette ich mich in eine so genannte »Gerichtsschau«. Hier tummelt sich eine Gruppe unbegabter Laiendarsteller bei dem Versuch, einen direkt aus dem Leben gegriffenen Fall als Zeugen, Nebenkläger oder Angeklagte nachzustellen. »Warum in Gottes Namen haben Sie dann dem Opfer den Kontrabass an den Kopf geworfen?« – »Das Klavier war nicht haftpflichtversichert!« Die Richterin entscheidet auf Freispruch, da das Opfer schon vor der Straftat nicht bis drei zählen konnte und der Angeklagte wegen des vorausgegangenen Konsums von zwei Kisten Bier nicht im vollen Maße schuldfähig war. Was waren das doch für goldene Zeiten, als der Nachbarschaftsstreit wegen eines Maschendrahtzauns unser Land bewegte!

Die Werbeunterbrechung gibt mir Gelegenheit, mir Streichhölzer zu holen, die ich mir zwecks der weiteren Verfolgung des Programms – es ist bereits weit nach Mitternacht – in die Augen stellen kann. Es hat sich gelohnt. Ein als Sportsender getarnter Sexkanal belohnt das lange Aufbleiben mit erotischen Darbietungen leicht bekleideter Mädchen, die mit Eckfahnen oder Torpfosten schmusen, oder sich vor der Kulisse einer Trabrennbahn auch noch ihres letzten Kleidungsstücks entledigen. Gähnend gelingt mir – auch diesmal nur mit Mühe – das Umschalten. Ein großer Privatsender wiederholt eine seiner erfolgreichsten Sendungen: »Die hundert schwachsinnigsten Ranking-Shows der letzten zehn Jahre, präsentiert von Ingolf Pilawa, Oliver Lück und Jörg Geißen.« Das muss ich aufnehmen.

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geboren 1962 im lustigen Rheinland, blieb ihr nach dem Abitur im finsteren Westfalen und Architekturstudium in Braunschweig nichts anderes übrig, als den Wahnsinn des Alltags durch die rosarote [..]

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