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14.03.10

Barbara Arnold

Einkaufswagenrallye

Kennen Sie das? Sie fahren zum Supermarkt, holen sich einen Einkaufswagen, gehen in den Laden und marschieren los. Streng nach Einkaufszettel laden Sie sich alles, was man für eine vierköpfige Familie so braucht, in den Wagen. Dann passiert das Unfassbare. Ich gehe los, um irgend eine kleine Sache zu holen, zum Beispiel ein Glas Nutella, und lasse den Wagen stehen. Als ich zurück komme, ist er weg. Das heißt, so ganz sicher bin ich mir gar nicht, dass er weg ist. Meistens habe ich nur vergessen, wo ich ihn habe stehen lassen. War es bei den Kartoffeln? Oder in der Nähe der Eier? Tief in Gedanken versuche ich zu rekonstruieren, was ich als letztes in den Wagen gelegt habe. War es das Toastbrot? Oder die Milch? Warum ist mir genau an dieser Stelle das Nutella eingefallen, obwohl ich gerade auf Höhe des Gemüses war?

Mit leerem Blick irre ich durch die Gänge, versuche dabei den Eindruck zu erwecken, ich hätte alles im Griff. Weit gefehlt. Mein Alzheimer hat mich im Griff. Wie sieht denn das aus, wenn eine Frau Mitte 40 mit suchendem Blick und einem Glas Nutella in der Hand durch die Gänge eines Supermarktes irrt? Im Geiste höre ich schon die Lautsprecherdurchsage: »Gesucht wird die sechsund­vierzig­jährige Barbara A. Sie trägt Jeans und T-Shirt und ist mit einem Glas Nutella bekleidet. Vermutlich führt sie keinen Einkaufswagen mit sich. Bitte sprechen Sie sie nicht an, sondern setzen sich mit einem unserer Mitarbeiter in Verbindung.«

Das Wiederauffinden des Wagens wird natürlich dadurch erschwert, dass sich noch andere Einkaufswagendeppen zeitgleich mit mir im Supermarkt aufhalten. So geschah es neulich, dass ich meinen Wagen an einer Stelle wieder fand, an der ich (zumindest an diesem Tag) noch gar nicht gewesen war. Ein mir völlig unbekannter junger Mann stellte gerade einen Sechserträger Biermischgetränk (igitt!) hinein. Als ich ihn ansprach, stammelte er etwas verwirrt: »Ich hatte mich auch schon gefragt, wie die Milch und die Tomaten in meinen Wagen kamen.« Gemeinsam suchten wir seinen Wagen, sortierten unsere Einkäufe auseinander und gingen unserer Wege.

Ein anderes Mal entdeckte ich, als ich bereits in der Kassenschlange stand, in meinem Wagen diverse Antipasti sowie eine Packung Schokokekse, die ich vorher noch nie gesehen geschweige denn in den Wagen gelegt hatte. Ich hielt beides hoch und rief »Wem gehören diese Sachen?« Die Dame, die vor mir stand, entriss mir die Packungen und warf mir vor, dass ich den Wagen mehrere Minuten unbeaufsichtigt im Gang hatte stehen lassen. Sie habe dann in der irrigen Annahme, es handele sich um ihren (»Meiner sah genauso aus!«) einige Waren heraus genommen, die sie nicht brauche, zum Beispiel den Tesafilm, und dafür ihre Antipasti hineingelegt. Später muss sie wohl ihren eigenen Wagen wieder übernommen haben. Nach hartnäckiger Intervention meinerseits verriet sie mir, wo sie meinen Tesafilm hingelegt hatte (zwischen den Schokokeksen, natürlich) und nahm ihre Sachen wieder an sich.

Seitdem gehe ich nur noch mit Tarnkappe einkaufen, falls einer der Leute, die damals hinter mir in der Schlange standen, nochmals gleichzeitig mit mir im Laden sein sollte.

Außerdem sieht mich dann keiner, wenn ich wieder mit einem Glas Nutella in der Hand systematisch alle Gänge absuche.

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