Kennen Sie das? Sie sind zum ersten Mal in einem Laden für Oberbekleidung, in einer Stadt, in der Sie sich maximal zweimal im Jahr aufhalten, haben sich aber aus welchen Gründen auch immer dort ein relativ teures Kleidungsstück, beispielsweise eine Lederjacke gekauft.
»Haben Sie schon unsere Kundenkarte?« fragt die Kassiererin verbindlich. »Sie können bei jedem Einkauf 3% sparen!«
Natürlich haben Sie keine, aber man will ja nicht als Depp erscheinen, der dem Einzelhandel sein sauer verdientes Geld in den Schlund wirft und 3% von 180 €, das sind immerhin ... ääh ...
Unversehens stehen Sie also da und füllen ein mehrere DIN-A4-Seiten langes Formular mit intimsten Details über sich selbst aus, freuen sich über die Ersparnis von mehr als 5 €, nehmen nach dem Bezahlen dankbar ein neues Plastikkärtchen entgegen und wissen dann garantiert nicht, wohin damit. Das Portemonnaie platzt schon beinahe ob der zahlreichen Kärtchen von allen möglichen Geldsparinstituten. Payback und Digits, die Rabattkarte vom Supermarkt, die Kundenkarten mehrerer Ketten für Junge Mode, in deren Laden ich mich garantiert nur einmal in meinem Leben verirrt habe. In meiner Geldbörse befinden sich mehrere Karten längst der Wirtschaftskrise zum Opfer gefallener Warenhäuser. Seit unsere Kartstadtfiliale vor vier Jahren dicht gemacht wurde, warte ich auf eine passende Gelegenheit, meine zahlreichen Gutscheine anderenorts einzulösen.
Sollte ich mich dem weiteren Konsum hartnäckig verweigern, werde ich mit Rabattgutscheinen aller Art und für alle teilnehmenden Läden bombardiert, damit ich immer auf dem laufenden bin, in welcher Apotheke ich jetzt »Rabatttaler« bekomme, und welche wertvollen Gegenstände ich dafür kaufen kann. »Wenn Sie innerhalb des Aktionszeitraums für mehr als sechzig Euro Drogerieartikel einkaufen, erhalten Sie hundertfünfzig Punkte extra« lautet das unwiderstehliche Angebot. Also nichts wie hin.
Sollten diese Anreize nicht attraktiv genug sein, hilft uns garantiert eine Abwrackprämie auf die Sprünge. Tapfer trage ich meinen lieb gewonnenen, zwölf Jahre alten Fernseher (wer guckt denn heutzutage noch in die »Röhre«?) zurück zum Media Markt, tausche meinen mehr als volljährigen Drahtesel gegen ein top-stylishes City Bike und erwäge selbst, mich von meiner zerschlissenen aber als Kindertrampolin noch bestens geeigneten Kipp-Couch zu trennen.
In einem leeren Marmeladenglas werden Taler, Bons und Rabattmünzen gesammelt, von deren Herkunftsort ich leider keine Ahnung mehr habe. Sammelpunkte samt Heftchen zum Einkleben derselben von mehreren Mineralölkonzernen tummeln sich in meinem Handschuhfach. Leider schaffe ich es nie, die Heftchen innerhalb des »Aktionszeitraums« voll zu bekommen, so dass mir sicher schon dutzende wertvoller Prämien in Gestalt von mir dringend benötigter Picknickrucksäcke, wasserdichter Armbanduhren oder Taucherbrillen entgangen sind.
Eine weitere Variante ist das Sammeln von ausgeschnittenen »Punkten«, also Bestandteilen der Umverpackungen. (Gegen Zusendung von 345 »Müller-Talern« erhalten Sie eine Stehlampe in Form eines Joghurt-Bechers!) Oder so ähnlich. Also schneide ich Punkte aus Cornflakes–Packungen, um diese gegen Müslischalen (in Form eines halben Fußballs) einzulösen, Joghurtbecherdeckel werden für eine riesige Prämienauswahl gesammelt (habe ich eigentlich Mitleid mit demjenigen, der den Umschlag mit den – vielleicht nicht ganz sauber gespülten – 280 Deckeln öffnen muss?) und natürlich kaufe ich alles, wo das Geschenk schon dabei ist: Küchenrollen mit Tom-und-Jerry–Figuren, Puddingpulver mit Teddybären, Waschmittel mit Modellautos; natürlich immer alles doppelt, damit meine Kindlein sich nicht streiten müssen.
Beim Supermarkt gibt es neuerdings wieder Rabattmarken. Wenn das Heftchen voll ist, kann ich je nach Aktion und Sponsor zwischen Frischhaltebehältern, Markengläsern, Kochtöpfen und Handtüchern wählen, gegen Zuzahlung, versteht sich.
Gerne nehme ich auch Angebote vom Typ »Buy one, get one free« in Anspruch. Eigentlich wollte ich nur zwei Becher Pudding kaufen, aber wenn ich zwölf kaufe, kriege ich zwei davon umsonst, und wenn ich Glück habe, vergesse ich diese beiden nicht im ohnehin überfüllten Kühlschrank.
Dass ich Karten von Läden, die an meinem Wohnort keine Filiale haben, nicht ständig mit mir führe, brauche ich nicht zu erwähnen. Sollte ich aus irgendeinem Grund ein zweites Mal in einem solchen Laden landen, habe ich die Karte garantiert nicht dabei und muss zur weiteren Nutzung der Stammkundenvorteile ein neues Formblatt ausfüllen. Das hat den Vorteil, dass ich sämtliche Rabattkupons jetzt doppelt zugeschickt bekomme. Nur schade, dass der nächste OBI 180 km entfernt ist. Da bin ich mir nicht sicher, ob sich der Zehn-Prozent-Gutschein rechnet. Andererseits verhilft mir die Fahrt wieder zu einigen neuen Punkten in einem meiner Benzinrabattgutscheinheftchen.