Kennen Sie das? Alle Jahre wieder ereilt uns – mit großer Regelmäßigkeit und dennoch plötzlich und unerwartet – die Weihnachtszeit. Die Kindlein nutzen die neu erworbenen Schreibfertigkeiten zum Verfassen kilometerlanger Wunschzettel, die Omi ruft alle drei Tage an, und will wissen, wann wir kommen. Die andere Omi lässt sich die kilometerlangen Wunschzettel am Telefon vorlesen – zum Glück haben wir ja neuerdings eine Flatrate. Leider hat die Omi immer noch keinen Internetanschluss, sonst könnten wir die Wunschzettel per E-Mail schicken. Dann gäbe es auch kein Durcheinander mit den Playmobil-Artikelnummern. Es wäre auch tragisch, wenn infolge eines Zahlendrehers statt des Piratenschiffs das rosarote Märchenschloss unter dem Weihnachtsbaum stünde. Oder so ähnlich.
Der Verlauf des Heiligen Abends folgt Jahr für Jahr für Jahr dem gleichen Ritual: Beim Frühstücks, also so ca. um viertel nach elf, bricht eines der erwachsenen Familienmitglieder eine Grundsatzdiskussion zum Thema: »in welche Ecke des Wohnzimmers stellen wir den Weihnachtsbaum?« vom Zaun. Während wir noch debattieren, fragt plötzlich der andere (in der Regel mein Mann): »welchen Weihnachtsbaum?« um dann urplötzlich und mit angebissenem Nutellabrötchen in der Hand aus dem Haus zu stürzen, um der Diskussion eine materielle Grundlage zu verschaffen, sprich: einen der Last-Minute-Weihnachtsbäume zu kaufen, die zwar erfahrungsgemäß nicht billiger als die früher gekauften sind, dafür aber origineller in der Form.
Während also Vati unterwegs ist, macht sich Mami auf die Suche nach dem Weihnachtsschmuck, damit Kugeln und Lichterketten schon bereit stehen, wenn der Baum eintrifft.
Die Schwiegermutter macht derweil schon mal Vorschläge zum Thema »Farbkonzept und Trendweihnachtsbaum«, während ich mit zusammengebissenen Zähnen die Fünfziger-Lichterkette auseinanderpule. Gefühlte viereinhalb Stunden später steht der Baum in vollem Glanze da. Mein ältester Sohn verlangt nach einem täuschend echt geschminkten Hirtenrauschebart, weil die Krippenspielaufführung in wenigen Minuten beginnt, der Kleine muss noch davon überzeugt werden, dass selbst Jens Lehmann persönlich seine Weihnachtsgeschenke nicht in Torwart-Sweater und Turnhose entgegen nimmt. (Vermute ich zumindest, ich kenne den Mann ja gar nicht persönlich).
Endlich sind alle fein gemacht, und es folgt der erste Höhepunkt des Tages: das Krippenspiel in der nahe gelegenen Dorfkirche. Von nah und fern strömen die Gläubigen mit ihren Kindern. Die Fans meines Sohnes stehen dieses Jahr ihrerseits als Ochs und Esel auf den Bühnen, daher muss er seinen Auftritt als Oberhirte vor heimischem Publikum absolvieren. Die Mutter sitzt in der ersten Reihe, den murrenden Zweitgeborenen auf dem Schoß und den Wassereimer vor sich; als Feuerwache eingeteilt, nur für den Fall, dass einer der Engel mit der brennenden Kerze dem textilen Schweif des Sterns von Bethlehem zu nahe kommt. Die Mutter betet ohn' Unterlass, vermutlich die Frömmste in der ganzen Kirche: »Lieber Gott, mach dass Viktoria nicht im Stehen einschläft ...«, während Viktoria wie ein Rohr im Winde schwankt, und die brennende Kerze sich immer wieder aufs bedrohlichste der Stoffbahn nähert. Auf dem zwanzig Meter hohen Tannenbaum sind natürlich auch echte Kerzen, damit die Spannung bis zum Ende nicht nachlässt.
Warum ich als Erwachsene vorne sitzen und den kleinen Kindern die Sicht versperren muss, werde ich von einem Vater unchristlich mürrisch gefragt. Ich zeige stumm auf meinen Wassereimer und verweise auf meine verantwortungsvolle Aufgabe.
Das Krippenspiel nimmt seinen Lauf. Wann es endlich anfange, will nach zehn Minuten ein Dreijähriger in der zweiten Reihe wissen. »Pscht«, macht die Mutter, während der erste Wirt Maria und Josef die Tür weist.
»Kommen jetzt die Kamele?« fragt ein anderes Kind im Zwei-Minuten-Takt.
Maria sucht unter dem Schweif des Sterns von Bethlehem vergeblich das Jesuskind. Unruhe breitet sich aus. Sollte jemand den Heiland mit einer gewöhnlichen Babypuppe verwechselt und gestohlen haben? Endlich ist das Baby gefunden und kann geboren werden. Der Kinderchor singt ein Lied aus der Abteilung:» Hauptsache, keiner kennt's«, und mein Jüngster – ganz angehender Fußballer – versetzt dem Wassereimer einen gezielten Tritt, so dass dieser ein paar Liter Wasser auf die vorne ausgelegten Decken schwappt, auf denen unter anderem die Tochter des mürrischen Vaters Platz genommen hat.
Während ich mit Schadensbegrenzung beschäftigt bin, wartet der Rest der versammelten Gemeinde auf den Einzug der drei heiligen Könige, die wie jedes Jahr auf nahezu echten Kamelen herein reiten werden. Der Knabe, der andauernd nach den Kamelen gefragt hatte, scheint mittlerweile eingeschlafen zu sein. Der Kantor spielt eine Endlosschleife auf dem Klavier, um die Wartezeit zu überbrücken, vermutlich musste eines der Kamele in letzter Sekunde noch mal aufs Klo.
Endlich kommen sie herein, mit schwankenden Pappköpfen, der würdige Schritt etwas durch die zerlumpten Turnschuhe beeinträchtigt, die unter den kamelfarbenen Decken hervorschauen. »Schön, dass auch die Konfirmanden am Krippenspiel teilnehmen dürfen«, denke ich. »Die brauchen sich wenigstens nicht zu verstellen.«
Zum Schluss singen wir alle »Oh du Fröhliche«, herzen und küssen unsere Nachbarn und laufen durch den obligaten Nieselregen nach Hause.
Opa wartet schon. »Kinder kommt herein, der Baum brennt!«
Ob wir vor oder nach der Bescherung essen, diskutieren wir dann im nächsten Jahr weiter.