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31.01.08

Barbara Arnold

Die Handy-Pest

Erinnern Sie sich? Früher gab es keine Handys. Also, so ganz ganz früher. Das erste Funktelefon tauchte dann so in den achtziger Jahren bei Dallas auf. Der fiese JR ritt, mit einem großen Metallkoffer bewaffnet, in die Wüste hinaus, wo es ja nachweislich keine Telefonzellen gibt, um von dort aus seine fiesen Machenschaften zu organisieren.

Etwa zehn Jahre später begab sich mein damaliger Chef, der einen ähnlichen Hut wie JR sein eigen nannte (über weitere Gemeinsamkeiten möchte ich mich hier lieber nicht äußern), auf Dienstreise und trug, an einem Schultergurt umgehängt, ein Gerät von der Größe eines Röhrenverstärkers mit sich, damit er aus der Bahn seine Geschäfte erledigen konnte. Wenn er mit seinem Porsche unterwegs war, benutzte er immer sein Autotelefon, denn so was besaßen sie damals schon alle, die Schönen, die Reichen und die Tatortkommissare. Wirklich wichtige Menschen legten im Restaurant ihr Handy demonstrativ neben den Teller, um sich im Zehnminutentakt von dem eigens dafür engagierten Service anrufen zu lassen (so etwas soll es damals tatsächlich gegeben haben.)

Das ist alles Geschichte. Heutzutage besitzt jeder Erstklässler ein Mobiltelefon. Mit Handys können wir fotografieren, Filme drehen, im Internet surfen, smsen. Selbst mein Mann und ich, die wir unseren Haushalt als letzten in Deutschland mit Videorekorder und Mikrowelle ausgestattet haben, besitzen jeder zwei Handys. Das ist sehr praktisch, zumal man unseren Babysitter ausschließlich per SMS erreichen kann. Notfalls kann man sich auch mal selbst anrufen, wenn einen sonst keiner mag, und sich eine Nachricht auf die Mailbox sprechen. Die Schwiegermutter kann uns im Urlaub anrufen, wenn nicht gerade wieder eins unserer technisch versierten Kinder durch planloses herumdrücken auf allen Tasten die Rufumleitung aktiviert hat, was dazu führt, dass sie dann zahlreiche sinnlose Bitten um Rückruf auf unserem heimischen Anrufbeantworter hinterlässt.

Man kann sich ein Leben ohne Handy kaum noch vorstellen. Nur dunkel erinnere ich mich an Telefonzellen in ICEs, von denen aus man seine Verwandten über mehrstündige Zugverspätungen in Kenntnis setzen konnte, es sei denn, sie standen bereits händeringend und besorgt, dafür aber gänzlich unerreichbar auf dem Bahnsteig. Urlaubsreisen in die Schluchten des Balkan, auf denen man für die Verwandten einfach weg war, und erst nach sechs Wochen das erste Lebenszeichen von sich gab. Besucher, deren Brieftasche man bereits fünf Minuten nach ihrer Abreise auf dem Garderobenschränkchen fand, die man aber erst, wenn sie Stunden später zu Hause eingetroffen waren, informieren konnte, dass sie ihre gesamten Kronjuwelen hatten liegen lassen. Zugegeben, praktisch sind sie schon irgendwie, diese kleinen Vielzweck-Wunder. Früher musste ich in öffentlichen Verkehrsmitteln die Zeit mit Zeitung lesen totschlagen, heute spiele ich einfach eine Runde Solitär oder Tetris. Da freut sich mein Augenarzt; denn nach allerhöchstens elf Minuten treten mir die Augen aus den Höhlen, weil das Display ja doch irgendwie ein bisschen kleiner ist als mein 17" -Bildschirm zu Hause.

Dank der nahezu 100-prozentigen Abdeckung unseres Heimatlandes mit Mobiltelefonen nimmt man auch viel intensiver am Leben seiner Mitmenschen teil. Früher fand die Auflösung einer Beziehung gerne im heimischen Wohnzimmer statt, heutzutage kann man das auch beim Shoppen erledigen, oder während man auf den Bus wartet. In der Straßenbahn kann man dann schon Kontakt mit dem nächsten potentiellen Lover aufnehmen, und das alles unter den Ohren der staunenden Öffentlichkeit.

Ein Kapitel für sich sind ja die allseits beliebten Klingeltöne. Mein erstes Handy hatte genau zehn verschiedene zur Auswahl, die alle irgendwie gleich schepperten, so dass ich es ließ, wie es eingestellt war. Am Anfang fiel ich damit nicht sehr auf, aber als mein (immerhin mit einem Designpreis ausgezeichnetes, da optisch ansprechendes) Handy in die Jahre kam, dudelten um mich herum die aktuellen Hits, Bachs Brandenburgische Konzerte, Ravels Bolero, Verdis Triumphmarsch aus Aida ...

Zum Glück gab es bei meinem alten Handy auch nicht die Möglichkeit, neue Klingeltöne herunter zu laden. Ich hätte mich auch gar nicht entscheiden können: Nehme ich lieber Beethovens Pastorale (= gebildet), die Internationale (= mutig, konfliktbereit) oder »Higgeldi Piggeldi Popp und Pu« (= kinderfreundlich)?

Vielleicht das Titelthema der Miss-Marple-Filme? Mein neues Mobiltelefon (»Telefonino«, wie der Italiener so hübsch sagt) lässt diese Möglichkeit zu, ich bin kurz davor schwach zu werden. Wenn man der Werbung glaubt, lebt man auch völlig hinter dem Mond, wenn man nicht mindestens zwei- bis dreimal täglich den Klingelton wechselt. Galt früher das Gerät selbst als Indiz für Ruhm und Reichtum, so ist es heute die akustische Vielfalt, mit der man es bimmeln lässt. Bei den Preisen, die man dafür zahlt, ist ein Klingelton-Abo ein echtes Statussymbol.

Andererseits hat die Vielzahl der Möglichkeiten den Vorteil, dass jeder sein Gerät an der Stimme erkennt und nicht fünf Leute ihre Handys aus der Tasche ziehen, wenn irgendwo im Seminarraum das Universalstandardklingeln ertönt. Heutzutage geht dann keiner mehr dran, weil sich die meisten Leute nicht erinnern können, welches Klingeln ihr Gerät heute von sich gibt. Da wäre ich dann wieder mit meinem altertümlichen Jallern im Vorteil, denn das hat außer mir mit Sicherheit keiner.

Manchmal aber träume ich von früher, und dann schalte ich mein Handy einfach aus. Wer was von mir will, muss auf meine Mailbox oder meinen Anrufbeantworter sprechen, oder warten, bis ich wieder zu Hause bin.

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geboren 1962 im lustigen Rheinland, blieb ihr nach dem Abitur im finsteren Westfalen und Architekturstudium in Braunschweig nichts anderes übrig, als den Wahnsinn des Alltags durch die rosarote [..]

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