Zur Druckversion

15.04.03

Dominik Baur

Frühstück ohne Tiffany

»Habe ich nicht recht, Signora?« Der Kahlkopf rutscht unruhig auf seinem Barhocker hin und her. Sie habe zwar nicht zugehört, meint die Signora hinter dem Tresen, ohne von ihrem Abwasch aufzuschauen, aber bestimmt habe er recht. Während ich mir zur Untermalung meines Cappuccinos ein Brioche aus der Vitrine nehme, fährt der glatzköpfige Herr mit seinen barfüllenden Ausführungen fort. Sein Kopf sieht aus wie ein großes Radieschen. Er faselt irgendwas von mexikanischen Einwanderern, die ja bekanntlich das größte Problem der USA seien – ein Thema, das hier nicht alle bewegt, wie dem Gegenüber des Radieschens ins gequälte Gesicht geschrieben steht.

Foto

Irgendwo zwischen Emilia und Romagna

Foto von Dominik Baur

Es ist Samstag morgen, kurz vor sieben, aus dem Radio plätschert Ramazotti. Wo bin ich? Wie bin ich nur hierher gekommen? Rhetorische Fragen, ich gebe es zu. Ich bin in einem winzigen Kaff, irgendwo zwischen Emilia und Romagna. Und natürlich weiß ich, wie ich hergekommen bin: Nach der Arbeit bin ich am Hauptbahnhof einfach einmal nicht wie sonst in die S-Bahn, sondern kurzentschlossen in den Eurocity gestiegen. Das war alles, und gestern abend. Eigentlich wollte ich ja nach Prag. Muß wohl den falschen Zug erwischt haben. Sowas passiert mir öfters.

Jetzt bin ich hier. Mit einem Brioche, einem Cappuccino und einem durchgedrehten Italiener, der gerade einem Straßenkehrer, den er Giorgio nennt und der sich nicht dagegen wehren kann, etwas von todsicheren Zäunen zwischen Mexiko und den USA erzählt. Ob die Spannung in den USA eigentlich 220 oder 110 Volt betrage? Giorgio weiß es auch nicht.

Angefangen hatte das ja alles viel früher. Nicht das mit Giorgio und den Mexikanern. Nein, das mit mir. Die Geschichte begann vor knapp drei Jahren an einem anderen Bahnhof – dort, wo ich jeden Morgen in die S-Bahn steige. Da gab es diesen Schaukasten. Diese häßliche, dreidimensionale Werbefläche. Mitten auf dem Bahnsteig. Ein Reisebüro warb darin. Hinter der schmutzigen Scheibe hatten fleißige junge Reisekauffräulein mit einer Handvoll Sand und blauer Pappe einen Meeresstrand nachgestellt. Mit Miniaturliegestühlen, auf denen es sich Lego-Männchen bequem machten. So richtig schäbig halt. Darüber hingen an Bindfäden weiße Wölkchen, auf denen mit Filzstift die Angebote geschrieben standen. Der Alpenländische Schiffahrtsverein etwa lud zur »Themenfahrt Sound of Johann Strauß« ein. Während ich mich fragte, wo wohl sein drittes f abgeblieben sein mochte, fiel mir Wolke sieben ins Auge:

Ostern 2000 in Prag

Das war's! Ostern 2000 in Prag! Das Angebot übte aus unerfindlichen Gründen einen ungeheuren Reiz auf mich aus. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit blieb mein Blick fortan dort hängen. Abends auf dem Heimweg holte ich ihn wieder ab.

Schließlich war es soweit: Die Menschen machten sich auf die Suche nach Eiern, die Supermärkte verhökerten ihre letzten Schokohasen zum halben Preis. Es war zweifelsfrei Ostern geworden, Ostern 2000. Ob das Angebot noch galt? Bevor ich hierauf eine Antwort fand, brach bereits Pfingsten über das Land herein. Wölkchen sieben hing nach wie vor am immerblauen Schaukastenhimmel. Ich mußte schmunzeln. Schließlich ward es Weihnachten 2000. Ich aß einen Lebkuchen. Ostern 2001, Pfingsten 2001 ... Kurz vor Weihnachten 2001 geschah es dann: Als ich eines Morgens verschlafen auf die S-Bahn wartete, im Begriff, in einen zweiten Lebkuchen zu beißen, stellte ich fest, daß sich über Nacht etwas verändert hatte: Der Schaukasten war leer. Auch der Strand war weg, und der Himmel wolkenlos. Sogar die Lego-Männchen waren über alle Berge. Nur einen Zettel hatten sie zurückgelassen: »Werbung lohnt sich. Sie können diesen Ausstellungskasten mieten!«

Das saß. Ich war am Ende. Ich hatte immer gedacht, ich könnte noch zurück. Es gäbe ja noch diese Möglichkeit, Ostern 2000 in Prag zu verbringen. Dann würde mein ganzes Leben einen anderen Verlauf nehmen. Seit Ostern 2000 hatte ich quasi nur noch probegelebt. Ich war mir ja sicher, diesen Lebensabschnitt einfach umtauschen zu können, wenn er mir nicht gefiel. Das Angebot stand schließlich. Ich würde mich einfach – mitten im Jahr 2002 oder 2003 oder meinetwegen 2017 – dazu entschließen, über Ostern 2000 nach Prag zu reisen. Und schon würde alles anders. Mit Hilfe einer läppischen Billigreise würde ich dem Zeitkontinuum ein Schnippchen schlagen. Rückwirkend würden mal eben zwei oder drei oder 17 Jahre meines Lebens ganz anders verlaufen. Aber jetzt, auf einmal kam mir die Hoffnung abhanden wie anderen Leuten ein Stock oder Hut. Ich stand hier am Ende des Bahnsteigs und des Jahres 2001, und es gab kein Zurück mehr.

Und jetzt?

Kontakt

Schreiben Sie einen Leserbrief an Dominik Baur.

Foto: Dominik Baur

Dominik Baur

Er wurde um 21.45 Uhr am rechten Ufer der Isar – also quasi mitten in Manhattan – geboren, wußte schon früh, was seine Berufung war, folgte ihr freilich nicht, stieg statt dessen aus [..]

Ausgewählte Kolumnen von Dominik Baur

Zur vollständigen Vita und allen Kolumnen von Dominik Baur