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21.06.01

Dominik Baur

Kleine Kolumnen erhalten die Freundschaft (Teil 1)

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Der Tod auf dem Weg nach Erding

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Samstag abend, draußen noch Tag, mir dämmert's. Ich denke an S-Bahnen und daran, wie einfach es wohl wäre ... Das Telefon klingelt. Das tut es sonst nicht. Muß sich einer verwählt haben. Ich gehe ran. Es ist der Tod. Ja, der Tod. Höflich, geradezu freundlich. Aber der Tod. Fast möchte ich etwas verwundert sein. Daß er plötzlich an der Tür steht, auf eine Partie Schach oder Skat vorbeischaut, gerne auch Schafkopf, das weiß man ja. Brandner Kasper, Nat Ackermann und, und, und ... Ich kenne sie doch alle. Aber nein: Mich ruft der Tod an.

Er kommt nur langsam zur Sache. Erst redet er übers Wetter, dann über die Formel Eins, und schließlich diskutiert er mit mir auch noch über Platon auf der einen, Gorgias auf der anderen und Herbert Riehl-Heyse auf der Seite Drei der »Süddeutschen«. Die Verbindung ist schlecht. Wahrscheinlich ein Mobiltelefon. Im Hintergrund das Gekicher junger Mädchen. Es täte ihm ja leid, aber ich müsse verstehen, meint er, während ich noch darüber nachdenke, ob es nicht »Es tue ihm ja leid« heißen müßte, doch ihm sei da nun mal dieser mißliche Fehler passiert. Er gebe zu, eigentlich sei meine Zeit erst in 30 Jahren abgelaufen, aber da sei eben diese Sache mit dem Herrn Witzlcka aus dem dritten Stock gewesen. Wirklich saudumm, er könne sich noch heute dafür ohrfeigen. Ich wisse schon, der, den sie gestern rausgetragen hätten. Auf der Bahre. Der sei ja schon seit 30 Jahren überfällig gewesen. Welcher normale Mensch werde denn auch 125 Jahre alt? Aber ob ich es glauben würde oder nicht, er habe ihn schlichtweg vergessen. 30 Jahre lang. Ich glaube es. Und jetzt müsse er eben andernorts die 30 Jahre wieder reinholen.

Andernorts.

So einfach. Ich verstünde ja sicher, unter dem Strich müsse alles seine Ordnung haben. Natürlich verstehe ich das. Andererseits: Ein paar Dinge hatte ich mir ja doch noch vorgenommen – im Leben: das Treppenhaus putzen, mir die Doppelpunkte abgewöhnen, eine Kolumne über den Gebrauch des Konjunktivs in den Sexualpraktiken der Mormonen schreiben, mich unten in der Kneipe mit Cerwenko auf drei redselige Bier treffen, im Hause meines Großvaters eine Katze schwingen, ja: bisweilen auch S-Bahn fahren.

Naja, ich solle mal nicht übertreiben, meint er. Immer noch freundlich. Immer noch mit dem Gekicher junger Mädchen im Hintergrund. Schließlich hätte ich doch dauernd gejammert, wie satt ich das Leben habe; ich hätte doch immer allen gesagt, ich wolle nicht mehr leben. Ja, aber mein lieber Tod! Nicht mehr leben sei eine Sache, wende ich ein, doch deshalb gleich sterben??? Er geht nicht darauf ein. Malt mir statt dessen meine tote Zukunft in den schönsten Farben aus: Karminrot, ocker, steingrau ... Endlich hätte ich dann auch meine lang ersehnte Ruhe. Mit dem Leben sei es ohnehin so eine Sache. Mit dem Leben sei es wie mit den Austern. Und mit denen bekanntlich wie mit den Römern. Außerdem lohne es sich schon allein deshalb zu sterben, zwinkert der Tod mir fernmündlich zu, weil dann plötzlich alle so gut über einen redeten. In meinem speziellen Fall könne er sich das jetzt zwar nicht vorstellen, aber rein grundsätzlich ... und im übrigen sei er äußerst beschäftigt, und so sehr ihm unser kleiner Plausch auch gefalle, müsse er sich langsam mal wieder an die Arbeit machen.

Und wie?

Meine Stimme zittert, der Rest sowieso. Ich werde schon sehen, sagt er. Solle mir da mal keine Sorgen machen. Jetzt mache ich mir wirklich Sorgen. Und er sich an die Arbeit. Aber wahrscheinlich hat er ja recht. Schließlich ist es mit den Austern tatsächlich wie mit den Römern. Die kleinen sind die besten. Daß der Tod Asterix liest, stimmt mich fast schon wieder versöhnlich.



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Er wurde um 21.45 Uhr am rechten Ufer der Isar – also quasi mitten in Manhattan – geboren, wußte schon früh, was seine Berufung war, folgte ihr freilich nicht, stieg statt dessen aus [..]

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