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»Lies Wurst!« vorgetragen von Nicole Franz
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04.06.02

Nicole Franz

Lies Wurst!

Bücher kriegen keine Schrumpelhaut. Kein Wunder, welches Buch geht schon gerne baden. Stattdessen machen sie sich lieber unsichtbar, wenn man sie sucht. Z.B. auf die Frage »Hast du die etwa alle gelesen?«. Kaum will ich dann genau jenes Exemplar zum Beweisstück meiner Belesenheit machen, dessen Inhalt ich noch nicht gen Alzheim wähne – zack! – ist es verschwunden. Miststück. Schundiges. Nervös tattern meine Finger über die Buchrücken, mein Gast rümpft die Nase und schnaubt.

»Ruhig, Brauner!« rutscht es mir heraus, worauf jener zu meiner Erleichterung in wieherndes Gelächter ausbricht. Bevor ich übermütig werde und ihm auch noch die Flanken tätschle, erinnere ich mich an die Dauerwurst. Sie lag im Zugabteil zu meiner Linken, während ich mir an ihrer Stelle ein Buch unter die Nase hielt. Schließlich kommt es vor, dass jemand das Abteil betritt, um sich an den gegenüberliegenden Platz heranzuschnüffeln, wo ich gerade meine unbeschuhten Füße darauf abgestellt habe. So ungemein vertieft wie in ein Buch kann man nämlich in keine Wurst hineinstarren.

»Ho, ho, ho!«, rufen da die Fleischereifachverkäuferinnen empört. Ja, ist es denn heut' scho Weihnachten?! Sollen sie sich doch empören, die ollen Gören. Denn wenn mein Störenfried grunzt: »Nehmse mal Ihre schrumpligen Füße von Platz fuffzehn«, kann ich gekonnt kontern: »Meine Füße können gar nicht schrumplig sein, genauso wenig wie mein Buch. Ganz abgesehen davon wäre es mir wurst, Sie zweitklassiger Zugbegleiter. Und jetzt machense mal, dass Sie Land gewinnen!«

Das wäre allerdings etwas unfair, denn soll der arme Kerl aus dem fahrenden Waggon springen, wo doch an jedem Fenster viersprachig davon abgeraten wird? Und sollte die Wurst einzig und allein zu meiner Linken gelegen haben, um jenem faden Wortspiel zu dienen? Denken wir darüber nach. In der Zwischenzeit überreiche ich sie meinen Eltern, als Symbol für jene Charakterzüge, die ich von ihnen geerbt, dann aber doch nicht gebraucht habe. Und bevor die schlecht werden, gebe ich sie doch lieber zurück. So wie das Kroppzeug, von dem man munkelt, das es erst auf Metzgers Boden zusammengekehrt wird und dann in der guten Thüringer landet. Die nehme ich auch nicht so gerne. Der Thüringer ist das wurst, sie pfeift auf schlechte Wortwitzeleien ,und wer an einem verschneiten Dezembertag ganz, ganz genau hinschaut, bemerkt, dass sie – wie der Kaiser – ein wenig zu schrumpeln beginnt.



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Jahrgang 1966, begann mit sechs Jahren, ihre ersten Ideen unter dem Ehebett ihrer Eltern festzuhalten, und zwar mit Kugelschreiber auf dem Linoleumboden, was aber erst Jahre später veröffentlicht [..]

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