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»Wer nicht gehorchen will, fliegt!« vorgetragen von Nicole Franz
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05.05.00

Nicole Franz

Wer nicht gehorchen will, fliegt!

Und zwar Business Class. Denn ich, Vertreter von Hydraulikanlagen oder persischer Gummilitze, habe einen wirklich harten Tag hinter mir. Waidwund von stundenlangen Sitzungen zieht mich mein Leidensdruck osmotisch durch den Flughafen, in die Oase der Schalensitze. Hier versammeln wir uns, meine Leidensgenossen und ich, Wackeldackel des Unternehmertums. Hier befreien wir uns von Müttern und Management, wenn auch nur für eine kurze Weile. Gleich hinter der Sicherheitskontrolle hat unser Gehorsam ein Ende. Lammfromm noch ließen wir uns zur Wartelounge treiben, doch die Reißwölfe unter uns sind im Anzug. Doppelreihig. Spätestens am Zeitungsständer streifen sie ihre Unterwürfigkeit ab, markieren mit internationalen Titeln ihr Revier in der Sitzreihe oder ziehen, hinter Handys geduckt, ihre ruhelosen Runden. Da unterbricht eine Durchsage jäh das Ritual. Der Einstieg kann beginnen. Aber erst die Plätze 1 bis 39, um das Boarding zu erleichtern, säuselt es blaugestrumpft durchs Mikrofon. Säuselt: Gehorsam. Da bäumt es sich auf aus seinen Sitzen, das Proletariat der Sitzplätze 40 aufwärts. Lässt sich nicht degradieren. Nicht von Uniformierten. Und schreitet zur Gangway. Steht im Gangway. Lustvoll schiebt man sich bis zu seinem Platz. Greift nach noch mehr Zeitschriften. Sitzt.

Die Stewardess ist wie eine Mutter zu mir; sie beugt sich über mich, denn ich bin ungehorsam: mein elektronisches Gerät gehört ausgeschaltet, mein Unterleib angeschnallt. Ich lasse mich bitten. Wenn ich will, sogar zweimal. Wird sie mich fesseln? Sie rudert das ganze Flaggenalphabet in die Luft, um die Sicherheitshinweise zu illustrieren. Aber ihr Kerosinlächeln kann mich nicht verführen. Lieber zeige ich ihr die Zeitung von hinten oder starre arrogant an die Wand. Dort aber lauert schon die nächste Vorschrift, fein säuberlich hinter Acryl gestapelt: Briefumschläge und zarte Papierchen mit dem Aufdruck »Auf dem Flug von ... nach ...«.

Auf dem Flug von Hamburg nach Frankfurt fragt sich doch, warum um des Luftraums Willen ich jetzt einen Luftpostbrief schreiben soll. Und vor allem: an wen? Muss ich ihn frankieren? Ach nein. Er wäre ja bereits unterwegs. Aber was schreibe ich hinein? Im Jackett, Herzseite, wartet der Kugelschreiber »Diplomat«. »Liebe Mutter, bin gut auf Platz 45D angekommen. Beim Einsteigen habe ich nämlich Platz 39 vorgetäuscht. Das Essen ist ganz gut, aber leider fragt keiner, ob ich Nachschlag möchte. In Liebe, Dein Sohn«? Im letzten Moment wird mir der Hinterhalt bewusst, zerknülle ich zwanzig Gramm Papier wie Klitschko die bleiche Hand des Gegners. Nein, Mutter! Noch bin ich nicht wieder gelandet. Hoch lebe der zivilflugse Ungehorsam.



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Jahrgang 1966, begann mit sechs Jahren, ihre ersten Ideen unter dem Ehebett ihrer Eltern festzuhalten, und zwar mit Kugelschreiber auf dem Linoleumboden, was aber erst Jahre später veröffentlicht [..]

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