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14.02.13

Nicole Franz

Mein neuer Begleiter

Ich habe einen Rollator gekauft. Vor einem Monat. Ein Internetshop hatte ihn im Angebot, und es war ein »Testsieger«. Da dachte ich, warum warten, bis ich gehbehindert bin. Ich könnte mich ja jetzt schon einmal daran gewöhnen. Dann ist es später nicht so ein Problem. Dann gehe ich damit um wie mit meiner Zahnbürste, ganz selbstverständlich und ohne groß darüber nachzudenken, wie man sie benutzt. Je älter man wird, desto schwerer tut man sich schließlich mit Veränderungen. Jetzt bin ich 46 und noch ganz offen.

Heute kam ein großer, flacher Karton in der Agentur an. Dort hält man mich längst für einen Online-Shopping-Junkie, weil ich mir sogar meine Socken liefern lasse. Diesmal verriet nichts auf der Verpackung etwas vom Inhalt. Meine letzten Einkäufe waren ein Speedminton-Set und zwei antiquarische Bücher gewesen. Nun, spottete ein Kollege, sei wohl der Heimtrainer dran. Stimmt, gab ich zurück, und das war nicht einmal richtig gelogen.

Zu Hause habe ich den Gehwagen erst einmal zusammenmontiert. Im Prinzip kein Problem, ich bin mit Lego und Billy-Regalen groß geworden. Erst alles auf dem Boden ausbreiten und sich dann mit der Anleitung in die Mitte setzen. Gut, dass ich keine alleinstehende hüftlahme Dame jenseits der Achtzig bin. Aber dann hätte ich vielleicht einen jungen Neffen, der seine Abende auf LAN-Partys verbringt und sehr hilfsbereit ist.

Die Anleitung ist ganz senioren- und migrantenfreundlich, sie kommt völlig ohne Worte aus, besteht nur aus technischen Zeichnungen, die unmissverständlich zeigen, welche Stangen in welchem Winkel zueinander gesteckt und verschraubt werden müssen. Zuletzt werden vier gummibereifte Räder und die »Komfort-Ruhefläche« befestigt. Toll. Ich greife beherzt zu und wage ein paar Schritte. Ist doch wie im Supermarkt. Den suche ich auch gleich für meinen ersten Praxistest auf.

Stiefel, Mantel, Sonnenbrille. Jutebeutel an die Griffe, Leergut in den Korb, losgeklötert. Auf der Straße: befremdete Blicke. Neidische Blicke? Vielleicht hätte ich zuerst die blaue Regenjacke anziehen sollen und nicht gleich das teure spanische Modell, das mich so jung macht. Überhaupt scheint es nicht gern gesehen zu sein, dass ich weder bedächtig noch behindert das Trottoir entlangschiebe. Eine ältere Dame, die mir begegnet, stellt sich demonstrativ seitlich auf, als ich ihr entgegenkomme. Gleich hebt sie noch die Arme hoch! Ist das Rücksicht oder Frechheit? Ich gehe langsamer.

Im Supermarkt wechsle ich vom Rollator zum Einkaufswagen, nicht ganz korrekt, zugegeben, aber es kann ja niemand von mir erwarten, dass ich gleich auf halbe Portionen umsteige, bloß, weil nicht mehr in mein Körbchen passt. Ich mache mir Sorgen, dass jemand mein neues Gefährt klaut, während ich durch die Gänge streife. Ich beschließe, beim nächsten Mal ein Fahrradschloss anzubringen.

Der Kasten Bier lässt sich auf dem Heimweg ganz prima auf der Sitzfläche balancieren, der Rest baumelt an den Griffen. Zuhause stelle ich fest, dass meine Neuanschaffung einiges aushalten kann. Ich hätte auch noch einen Kasten Sprudelwasser draufsetzen können.

Dann kommt mein Mann nach Hause. Seine Verwunderung schlägt in Entsetzen um, als ich ihm erkläre, das jetzt neben Fahrrädern und Auto ein weiteres Gefährt zur Familienflotte gehört. Er verstummt, als er mich mit dem Rollator zum Herd gehen sieht. Um ihn milde zu stimmen, bringe ich ihm mit der Gehhilfe einen Teller Schnittchen ans Sofa. Wie praktisch, schau doch mal, der Teller kann darauf stehenbleiben, bis du ihn, wenn er leer ist – bitte – damit zurück zur Spülmaschine fährst. Abends macht er seine Drohung, im Wohnzimmer zu schlafen, doch wahr, denn als er ins Badezimmer tritt, sitze ich zum Zähneputzen am Waschbecken auf dem »Ding«, wie er es nennt. So bin ich kurze Zeit darauf mit dem guten Stück allein. Es wacht an meinem Fußende, Bremsen angezogen natürlich.

Ich weiß gar nicht, was er dagegen hat. Das chromglänzende Gestell, die lackschwarzen Griffe, die soliden Gummireifen. Ist doch ein ganz männliches Modell. Ich streichle mit dem Fuß über das kühle Metall. Ich schiebe den Zeh durch das Gitter des Korbes. Ich löse die Bremse und rolle ihn langsam zu mir heran. Ich setze mich darauf. Er quietscht. Ganz leise und zärtlich.

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Nicole Franz

Jahrgang 1966, begann mit sechs Jahren, ihre ersten Ideen unter dem Ehebett ihrer Eltern festzuhalten, und zwar mit Kugelschreiber auf dem Linoleumboden, was aber erst Jahre später veröffentlicht [..]

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