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05.01.05

Beni Frenkel

Grippe

Vor zwei Wochen war ich krank. Ich lag im Bett und habe nur gehustet. Eine Grippe hatte mich erwischt. Früher dachte ich immer, Grippe wäre eine Frauenkrankheit. Ähnlich wie Dezemberdepression oder Frühlingskoller. Insofern habe ich auch aus dieser Krankheit etwas gelernt. Während der Krankheit ist mir außerdem aufgefallen, dass ich seit drei Tagen meine Kleider nicht gewechselt hatte und dass ich drei Tage lang nichts Produktives geleistet hatte. Deshalb nahm ich hustend die Fernbedienung in die Hand und guckte RTL 2. Leider war die Gerichtssendung aber schon vorbei. Und der Zeichentrickfilm mit den japanischen Volleyball-Spielerinnen und ihren kurzen Röcken begann erst in einer halben Stunde. Mist, dachte ich, eine halbe Stunde warten! Doch genau in diesem Moment war die Werbung vorbei und es erschien eine Frau, die den Zuschauern Geld verschenken wollte. Es war so eine Art Intelligenztest. Links von ihr sah man ganz viele Banknoten. Die musste man zusammenzählen. Wenn man richtig gezählt hatte, bekam man 500 Euro! Einfach, dachte ich, ich bin intelligent, ich bin klug. Außerdem habe ich ein Telefon und ein Handy. Ich zählte die Scheine zusammen und kam auf 5'210 Euro. Dieses Ergebnis war aber falsch! Jemand kam nämlich früher durch und nannte dieses Ergebnis. Die Frau machte ein ganz trauriges Gesicht und verriet, dass man genauer hinschauen müsse. Ich stand auf und setzte mich direkt vor den Fernseher und zählte nochmals: 5'260. Aber auch das war falsch. Ebenfalls 5'200 und 5'310 ... Kein Anrufer kam auf die richtige Lösung.

Die Frau wurde immer trauriger. »Leute«, sagte sie, »ihr schafft das. Ich geb euch nochmals drei Minuten. Die letzten drei Minuten! Stellen Sie sich vor, was Sie mit 500 Euro alles anstellen können! Ein schöne Reise, ein schöner Schmuck! Die 500 Euro gehören Ihnen! Die kann Ihnen keiner wegnehmen ... .«

Ich schwitzte. Ich wollte diese 500 Euro. Ich wollte diese Frau glücklich machen. Ich nahm meinen Taschenrechner in die Hand und begann nochmals von vorne. Aber ich schaffte es nicht ... ich kam immer wieder auf 5'210 oder 5'260. Noch eine Minute! Die Frau rief immer lauter: »500 Euro! Rufen sie an! Jetzt! Sofort!«

Verdammt nochmal! Ich schaff es nicht. Ich bin zu dumm für diese Welt. Scheiß-IQ. 5'210, 5'260, 5'260 ... immer die gleichen Scheißzahlen. Die Frau: »10,9,8,7,6,5,4,3,2,1 ... wen habe ich in der Leitung?« Jetzt wurde es spannend. Es meldete sich ein Herr. Mit trockener Stimme sagte er 5'310! Die Frau klatschte in die Hände: »Bravo!«. Der Mann lachte laut und es schien, als würde er mich und die anderen Blödmänner auslachen.

Soll er doch. Ich war mit 5'210 nahe dran. Außerdem kamen jetzt die Volleyball-Spielerinnen mit ihren wehenden Röcken.

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Beni Frenkel

Jahrgang 1977 und, wie man aus den Texten wahrscheinlich sieht: ein Schweizer.

Ich bin Lehrer an einer Primarschule. Dort unterrichte ich unter anderem den Unterschied zwischen »war& [..]

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