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09.04.04

Beni Frenkel

20 Rappen

Man sagt doch immer, die Schweiz wäre langweilig. Ein Land mit Bergen, Seen und Kühen. Schokolade hier, Uhren dort – sonst nichts. Und nun dies: da gehe ich in den Lebensmittelladen, kaufe ein paar Dinge ein und bezahl sie an der Kasse. Beim Verlassen bemerke ich, dass mir die Kassiererin eine besonders alte Münze als Rückgeld gibt. Ein Zwanzigrappenstück. Nicht von 1932, auch nicht von 1922, nein, eine Münze datiert von 1884! Die rechte Hand möge mir verfaulen, spräche ich die Unwahrheit, die Linke wurmstichig werden, würde ich übertreiben!

Fassen wir zusammen: ich hab eine Münze, die ist 120 Jahre alt. Bei einer durchschnittlichen Verweildauer von drei Tagen in einem Portemonnaie haben schon über 10.000 Menschen dieses Geldstück berührt. Es gibt nicht viele Dinge, die so häufig angefasst werden. Vielleicht noch die Klosettschüssel in öffentlichen Toiletten und Heiligenbilder an Wallfahrtsorten. Man sieht es der Münze auch ein wenig an, dass sie nie in einem Glaskasten aufbewahrt wurde. Zwar lächelt die pausbäckige Helvetia auf der Kopfseite unentwegt, doch ihre Konturen sind nicht mehr so klar erkennbar wie die ihrer Enkelin aus dem Jahr 1996 (befindet sich ebenfalls in meinem Besitz!). Nun, es sei ihr vergeben.

Schließlich hat sie schon Vieles erlebt: zwei Weltkriege, die Erfindung der Waschmaschine und die Ballonfahrt vor Bertrand Piccard. Sie war bereits eine betagte Frau, da strampelte Saddam Hussein noch in den Windeln. Zweimal hat sie bereits den Jahrhundertwechsel erlebt, den Letzteren hat sie trotz Jahr-2000-Problem heillos überstanden. Und während andere Länder ihre Währungen alle Schaltjahre ändern, zeigt sie noch immer stolz ihren Wert an: 20 Rappen. Zugegeben, ihr tatsächlicher Wert ist längst nicht mehr derselbe wie vor 120 Jahren. Die Inflation hat auch vor ihr nicht halt gemacht. Noch vor über 100 Jahren konnte man für 20 Rappen ein Haus mit Garten kaufen. Heute kriegt man nicht einmal in einem Billigladen mehr etwas dafür. Selbst für einen Liter billigsten Eis-Tea braucht man einen Franken ... Man müsste schon einen sehr, sehr kleinen Apfel nehmen, ihn von allen Seiten abbeißen und dann auf die Waage legen. Doch will ich das?

Nein. Ich denke, diese Münze hat viel zu viel erlebt, als dass sie weiterhin für schnöden Mammon verwendet werden soll. Beim Betrachten dieses historischen Zeitdokuments fallen mir Fragen ein: in wie vielen Taschen schöner Frauen wurde sie getragen, wie häufig ist sie auf den Boden gefallen und schließlich noch: war sie schon einmal in meiner Hand, ohne dass ich es bemerkt hatte? Ist es vielleicht Vorsehung, dass sich unsere Wege kreuzen ? Ich weiß nur, dass ich diese Münze für kein Geld auf der Welt hergeben würde. 20 Franken wird sie nämlich schon etwa Wert haben. Und solange mir niemand so viel für dieses (gut erhaltene) numismatische Prachtstück, dass sich übrigens sehr gut auf dem Schreibtisch macht, bezahlen möchte, behalte ich sie. In ein Kistchen hab sie gelegt. Mit anderen Münzen: ein 5-Rappenstück (1932), ein 50 Rappenstück (1944) und ein großer 5-Frankenbatzen (1932).

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Beni Frenkel

Jahrgang 1977 und, wie man aus den Texten wahrscheinlich sieht: ein Schweizer.

Ich bin Lehrer an einer Primarschule. Dort unterrichte ich unter anderem den Unterschied zwischen »war& [..]

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