In diesem Jahr jährt sich zum 50. Mal der Todestag von Albert Einstein. Am 14. März 2005 wäre der Entdecker der Relativitätstheorie 126 Jahre alt geworden. Im Gegensatz zu Elvis, der letzte Woche theoretisch 70 Jahre alt wurde, behauptet niemand, Einstein würde noch leben. Aber kein Toter ist wohl so präsent wie Einstein. Es vergeht kein Tag, in der nicht eine Zeitung einen Spruch von Einstein zitiert.
Auch ich denke häufig an Einstein. Jeden Morgen, wenn ich in den Dorfladen gehe, erinnere ich mich kurz an ihn. Es ist nämlich so: ich bin Single. Ich brauche nicht viel zum Leben. Wenn ich einkaufen gehe, genügt eine kleine Tüte. Ich kaufe Brot, Milch, Eistee und etwas Schokolade. Und wenn ich in der Warteschlange vor der Kasse stehe, rechne ich die Summe meiner Habseligkeiten im Kopf aus. Der Frau an der Kasse (Frau Meier) gebe ich dann immer das abgezählte Geld. Frau Meier ist dann jedesmal verblüfft: »Herrgott Herr Frenkel, Sie sind aber gescheit!«. Ich werde dann immer etwas verlegen und murmle: »Ach, das ist doch nicht so schwierig«.
Aber für Frau Meier bin ich so etwas wie ein Einstein. Natürlich bin ich ein wenig stolz darauf. Nicht jeder kann vier Zahlen im Kopf zusammenrechnen! So geht das nun schon seit Jahren. Jedesmal wenn ich vor der Kasse stehe, scherzt Frau Meier: »Ihnen muss ich ja die Summe nicht sagen, Herr Frenkel!«. Nein, mir muss sie das wirklich nicht sagen.
Letzte Woche aber kam meine Freundin zu Besuch. Und wie Frauen nun mal sind, schickt sie mich mit einer Einkaufsliste in den Laden. Und wie alte oder hilflose Männer nun mal sind, irrte ich mit dem Zettel durch die Gänge. Es ist wahrscheinlich nicht so interessant, was ich einkaufen musste. Wichtig aber ist, dass es mehr als vier Dinge waren. Und als ich nun vor der Kasse stand, wurde ich sehr nervös. Es ging um meinen Ruf als Einstein. Ich stand vor einer meiner wichtigsten Lebensentscheidungen: soll ich mit meinem Taschenrechner heimlich die 10 Einkäufe zusammenzählen oder soll ich Frau Meier gestehen, dass ich kein Einstein bin ?
Bevor Sie nun über mich richten, möchte ich Ihnen sagen, dass ich für Frau Meier so etwas wie der Lichtblick in ihrem Alltag bin. Eine Welt würde für sie zusammenbrechen, wenn ich sie enttäuschen würde. Ich nahm also den Taschenrechner in die Hand und zählte die Sachen zusammen.
Warum ich Ihnen das alles erzähle ? Weil in diesem Jahr Alfred Einstein 125 Jahre alt geworden wäre. Alfred Einstein war ein bedeutender Musikwissenschaftler und Musikkritiker. Und ähnlich wie ich, war auch Alfred Einstein ein »kleiner« Einstein im Vergleich zu Albert Einstein. Aber auch die kleineren Genies wollen beachtet werden. Und wenn sie zu wenig Aufmerksamkeit erhalten, müssen sie zu unlauteren Maßnahmen greifen, wie ich mit Frau Meier.
Deshalb: wenn Sie sich noch keinen guten Vorsatz fürs Jahr 2005 ausgedacht haben, dann bitte den hier: »In jedem Menschen steckt ein kleiner Einstein. Man muss ihn nur finden« (Beni Frenkel, 1977-)