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11.05.08

Beni Frenkel

Tochter

Seit drei Monaten bin ich stolzer Vater einer bezückenden Tochter. Die Geburt hat mich dermaßen aufgewühlt, dass für mich alle Dinge relativ wurden. Bin ich früher neidisch an Porsches vorbeigelaufen, stolziere ich heute fröhlich mit dem Kinderwagen neben Carrera, Cayenne und Company. Der Kinderwagen meiner Tochter hat nicht viele PS, dafür ungehemmte Vaterstärke.

Autos sind also nebensächlich in meinem Leben geworden. Dafür fahre ich häufiger mit dem Zug. So wie letzte Woche. Ich mache es mir in meinem Abteil gerade gemütlich: Zeitung ausbreiten, Schuhe ausziehen und drei belegte Brote (Thon, Lachs, Käse) auspacken. So gefällt mir das Leben. Auf der anderen Seite des Abteils sitzt ein Vater mit seiner dreijährigen Tochter und betrachtet mit ihr ein Bauernhof-Bilderbuch.
Ich zwinkere dem Mann zu und denke an meine süße Tochter. Mit der linken Hand halte ich die Zeitung, mit der rechten führe ich das Thon-Sandwich in meinen Mund. So stelle ich mir das Paradies vor: Essen und dabei Zeitung lesen. Zwischen den Bissen schaue ich aus dem Fenster raus, bestaune die schöne Schweizer Landschaft und grunze zufrieden. Den Auslandsteil der Zeitung habe ich gerade durchgeblättert, nun nehme ich den Sportbund in die Hand – und da steht das Mädchen mit offenen Augen plötzlich vor mir. Ich fahre ein bisschen zusammen und versuche sie anzulächeln. Das Mädchen rennt zu ihrem Vater zurück und sagt: »Ich will ein Sandwich essen wie der Mann dort« – »So, komm jetzt, Regula. Wir müssen noch das Buch fertig anschauen!«

Das Mädchen setzt sich wieder. Ich versuche mich wieder auf die Zeitung und das Essen zu konzentrieren. Vergeblich. Regula, das Mädchen, schaut immer wieder zu mir. »Papi, warum darf ich nicht so ein Sandwich essen?«. »Pscht, wir sind ja bald zu Hause«. »Papi, warum hat der Mann dort drei Sandwich-Brote?«. »Ui, schau mal die Kühe in diesem Buch an. Weißt du, welche Geräusche sie machen?«

Ich konnte nicht mehr essen. Die Dreijährige war von ihrem Platz aufgestanden und stand nun direkt vor mir, Ihre Glotzaugen verdarben mir den Appetit. »Na, willst du ein bisschen von dem Brot?«, fragte ich. Mein Angebot klang wahrscheinlich nicht so großzügig und offenherzig. Auf jeden Fall rannte das Mädchen zu ihrem Vater zurück. Der, ein bisschen nervös geworden, schaute das Mädchen streng an: »Jetzt ist fertig, Regula. Du störst nun nicht nochmals den Herrn dort.«

Ich lächelte gequält: »Och, das macht doch nichts.« Schnell verschlang ich den Rest des Thon-Sandwiches und las gedankenlos irgendwelche Berichte im Sportteil. Mein Gedanken kreisten nun um das Lachs- und Käse-Sandwich. Sie lagen neben mir. Ich hatte großen Hunger, vor allem auf den Käse. Doch das Mädchen, das mich immer noch fixierte, ließ mich nicht ran. Oh Gott, eine Dreijährige stellte mir die ganze Reise auf den Kopf!

In meiner Not dachte ich sogar daran auf die Toilette zu gehen und dort weiter zu essen. Ich wünschte mir die Schweizerische Eisenbahn würde so schnell fahren wie ein deutscher ICE. Ich dachte nochmals an meine Tochter. Wird sie dereinst mein Leben auch so bestimmen? Komme ich noch zum Essen? Schwere Gedanken trübten meine Seele. »Alle Fahrschein bitte!«.
Jäh werde ich von meiner Sandwich-Depression aufgerüttelt. Ich öffne mein Portemonnaie um den Fahrschein hervorzuklauben, da sehe ich das Foto meines kleines Mädchens. Wie sie lacht! Wie sie strahlt! Die Nase, der Mund, die Beinchen – hat sie alles von ihrem Papi! Ich schmelze dahin. Oh ja, so ein Sonnenschein darf mein Leben aus der Bahn bringen!

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Beni Frenkel

Jahrgang 1977 und, wie man aus den Texten wahrscheinlich sieht: ein Schweizer.

Ich bin Lehrer an einer Primarschule. Dort unterrichte ich unter anderem den Unterschied zwischen »war& [..]

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