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20.02.09

Beni Frenkel

Ausgebloggt

Nennen wir ihn John Brätscher. Er ist 34 Jahre alt, unverheiratet und in einem IT-Unternehmen tätig. Sein Stolz: www.braeterscherblog.ch, ein täglich aktualisierter Blog. John schreibt vor allem über Entwicklungsfortschritte des Datenbankverwaltungssystem MySQL. Pro Tag verirren sich etwa 37 Besucher auf seine Seite. Der 23. Februar 2006, das weiß John auswendig, ist sein bisheriger Rekordtag: 145 Besucher! Warum so viele Menschen seinen Blog besucht haben, kann er aber nicht präzise erklären. Er hat damals gar keinen neuen Text verfasst.

Während der EM hat er übrigens einen persönlichen Live-Ticker geschrieben. Den Fernseher hat er extra in sein Computerzimmer verlegt. Neben dem Computer lag die Mannschafts-Aufstellung. Er fühlte sich ein bisschen wie Beni Thurnherr: »34. Minute: Ballack hat beinahe ein Tor geschossen«, »57. Minute: das Spiel hat an Intensität verloren«, »89. Minute: Die Spannung ist mit den Händen greifbar.« Am Ende des Spiels verabschiedet er sich von seinen Nichtlesern: »Wir sehen uns wieder beim Final!«

Wenn Carl Spitzweg heute noch leben würde, hätte sein »Armer Poet« wie John Brätscher ausgesehen: dick, halbnackt und beseelt von einem literarischen Auftrag; doch von keinem Schwein gelesen.
Die armen Poeten, und dazu zählen alle hiesigen Blogger, haben leider auch noch nie ein Tor geschossen. Sie sind mehrheitlich Männer um die 30 und eilen nach dem Abenddessert gleich zu ihren Rechnern und tippen ein: »Habe heute Herrn Meierhofer getroffen und ihn von unserem Projekt überzeugen können.« Es dauert nicht lange, schon melden sich seine Freunde: »Toll gemacht, bleib am Ball!«.
Frauen schreiben natürlich auch. Aber ein bisschen anders: »Habe heute im Starbucks (Latte machiatto – mhmm, lecker) Mister X wieder gesehen (mhmm...)« Die durch News-Feed benachrichtigten Freundinnen kommentieren nur wenig später: »Sprich ihn endlich an. Dir kann doch niemand widerstehen!«
Vielleicht aber doch. Und vielleicht verstehen die Schweizer Blogger das Weblog als digitale Partnermassage: Man genießt die Berührungen des Partners und streichelt ihn zurück. Wenn sich zwei Blogger sympathisch finden, schreiben sie einen Kommentar. Der G-Punkt der Blogger ist aber ein »Award«. Der wird dann verteilt, wenn sich zwei Blogger ganz doll lieb haben. Zum Beispiel die Evelyne von zwischendenzeilen.blogspot.com: »Ooooh – ich hab einen Preis für meinen Blog bekommen, und zwar den Thinking Blogger Award! Herzlichen Dank! Den Award möchte ich weitergeben an Fa, die Redneck Mommy und Becca«

Hach....

In den USA geht es indes etwas ruppiger zu und her. Dort verteilen die Blogger keine Award-Küsse, sondern bestimmen Nachrichten. Und nicht, weil sie die Nachrichten der Zeitungen kommentieren, sondern weil sie auch zu recherchieren verstehen. So wurde bereits im Jahr 2005 der CNN-Nachrichtenchef Eason Jordan auf dem »World Economic Forum« durch US-Blogger zum Rücktritt gezwungen. Sein Vergehen: Eason stellte im vertraulichen Kreise die Behauptung auf, amerikanische Soldaten hätten gezielt Journalisten getötet. Wohlgemerkt, durch US-Blogger; die helvetischen Blogger konzentrierten sich, wenn überhaupt, auf pauschale WEF-Kritik.

In der Schweiz wird lieber über Politik sinniert. Man hat zwar zu jedem Thema einen Meinung, tritt schlussendlich aber doch auf den breitgetretenen Pfaden der Printmedien. Viel neues kommt da nicht hinzu.

Um die Freizeitjournalisten aber zu verstehen, lohnt es sich einen Querschnitt der Blogs zu lesen, die alle im gleichen Zeitraum verfasst wurden. Zum Beispiel den 24. Juli von 19.30 bis 20.30 Uhr:
Der Autor von »seeblog« zeigt drei Bilder seiner Gartenskulptur, »SeaLounge Diary« Aufnahmen aus Rügen und »sprain's« zwei Butterzöpfe. Ein Blogger präsentiert ein lustiges Video von Youtube und »delecorski« will der Bluewin danken: »Mit einem flüchtigen Blick auf meinen DU-Meter erschrak ich. 500 kB/s anstatt ca. 380. Ich staunte nicht schlecht ... Danke Bluewin.«
»tippsblog« hingegen will aufklären: »3 Möglichkeiten, einen Klingelton für das iPhone zu erstellen« und »SnoopInfosystems« hat Probleme mit dem Wordpress 2.6 und kann deswegen nicht einschlafen. Überhaupt schimpfen hierzulande viele Blogger entweder über Microsoft, Swisscom oder Sunrise. Die Vehemenz der Angriffe erinnert an landesweite Empörungen über freigelassene Triebtäter. Denn neben der harmlosen sich liebenden Streichlerfraktion hat sich längst auch eine harte Anklägerbank gebildet. Dabei werden eifrigst die US-Blogs übersetzt und dramatisiert. Man fühlt sich als Teil einer großen Bewegung. Gemeinsam in den Kampf gegen Microsoft, Heil auf Linux! Diente früher der Männerchor, die freiwillige Feuerwehr oder der Pilzverein als Kitt einer Gemeinschaft, so finden sich die Blogger heute über gemeinsame Aversionen.

Gemach, gemach.

Es geht auch gemütlicher als oben beschrieben. Und nicht jeder verbündet sich mit dem Andern. Zwar finden immer wieder Blogger-Treffen statt, doch im Inhalt unterscheiden sie sich nicht stark von den früheren Kaffeerahmdeckeltauschbörsen. Man spaziert herum und trinkt Kaffee. Bundesrat Moritz Leuenberger, der wohl bekannteste Schweizer Blogger, will denn auch gar nicht richtig als Blogger verstanden werden: »Ich bin natürlich nicht ein typischer »Blogger«, weil ich nur selten andere Blogs besuche. Ich beschränke mich im Wesentlichen auf meinen eigenen Blog.«

Doch da irrt sich der Mann. Eine intimere Nabelschau als sie der Bundesrat allwöchentlich liefert, gibt es nicht häufig. Und man gönnt es ja dem sonst finster dreinblickenden Magistraten: »70 Beiträge, 5230 Kommentare, über eine Million Besucher seit Juli 2007«. Noch ein paar Jahre und sein Blog hat mehr Besucher angelockt als die Expo02. Und trotz dieses Erfolgs guckt der Kommunikations-Minister immer so verkniffen in die Welt. Warum, aber, möchte man ihn fragen, warum so traurig, armer Poet?

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Beni Frenkel

Jahrgang 1977 und, wie man aus den Texten wahrscheinlich sieht: ein Schweizer.

Ich bin Lehrer an einer Primarschule. Dort unterrichte ich unter anderem den Unterschied zwischen »war& [..]

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