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21.01.05

Beni Frenkel

Roger Federer

Seit einem halben Jahr arbeite ich im Flughafen Zürich bei der Passagierbetreuung. Dort helfe ich Passagieren, die entweder alt oder verwirrt sind oder im Rollstuhl sitzen. Die Arbeit gefällt mir. Ich werde gut behandelt und bekomme manchmal ein Trinkgeld. Ein Rabbiner (im Rollstuhl) hat mich schon einmal gesegnet (dafür kein Trinkgeld gegeben). Einen Segen habe ich aber auch schon von einer alten Nonne und einer Buddhistin bekommen. Und letzte Woche habe ich den ersten Kuss bekommen: eine alte Chilenin, der ich über eine halbe Stunde geholfen habe, ihr Gepäck zu suchen, gab mir einen erstaunlich schmatzigen Kuss.

Wenn ich gerade nichts zu tun habe, sitze ich im Aufenthaltsraum. Meistens bin ich nicht alleine. Drei Mitarbeiter sitzen ebenfalls dort. Einer muss dann immer die Flugzeug-Nachrichten lesen. Beispiel: der Flug LX138 nach Hongkong braucht unsere Hilfe für einen Passagier, der nicht gut gehen kann. Auch VIPs werden dort aufgeführt. Das betrifft uns zwar nicht, aber es ist immer wieder spannend, welche Berühmtheiten von oder nach Zürich fliegen.

Udo Jürgens, Boris Becker, der Prinz von Liechtenstein ...

Vor einigen Wochen kam übrigens der Schweizer König im Flughafen an, Roger Federer. Von irgendeinem Tennisturnier, irgendwo auf der Welt. Eine Mitarbeiterin lief ihm entgegen und bat ihm um ein Autogramm. Sie ist 20 Jahre alt, hat blondes Haar und schöne Lippen. Vor zwei Minuten habe ich gerade ihren Namen erfahren und war mitten im Annäherungsversuch. Und gerade jetzt, Scheiße, landet dieser Tennisspieler in Zürich.

Es ist nicht das erste Mal, dass mich dieser Typ nervt. Schon sein ganzes Leben widmet er sich nur dieser einer Aufgabe: immer etwas früher als ich zu sein. Vor drei Jahren spuckte Google unter »Beni Frenkel« nur einen Treffer aus: meine Homepage. Ebenfalls vor drei Jahren durfte Roger Federer in der auflagenstarken »Sonntagszeitung« eine halbe Seite über seine Glücksgefühle schreiben. Wie schön es wäre Turniere zu gewinnen, dass er immer noch der alte sei und dass Geld allein nicht glücklich mache. Kacke.

Später musste ich ins Militär gehen. Roger Federer natürlich nicht. Ein Arzt schrieb ihm ein Attest, dass er um Himmelswillen und gottbewahre nicht in die Armee gehen darf. Ich hingegen musste! Während dieses halben Jahres konnte ich nicht Tennis spielen. So kenne ich bis heute nicht die Grundregeln dieser Sportart.

Kein Wunder also, dass nicht ich vor einem Jahr »Sportler des Jahres« wurde. Roger Federer hat sich wieder vor mich gedrängelt. Und dieses Jahr, wer wurde »Sportler des Jahres«? Nochmals Roger Federer. Letzten Sonntag sprach unser Sportminister Samuel Schmid die Laudatio über Roger. Die Leute im Saal applaudierten wie wild und stampften mit ihren Füßen vor Begeisterung. Und wo war Roger Federer. Er war gerade in den Ferien und konnte »leider« nicht anwesend sein. Ein Filmteam war ihm aber nachgereist und durfte seine Dankesbotschaft übermitteln: wie schön es wäre Tennisturniere zu gewinnen, dass er immer noch der alte sei und dass Geld allein nicht glücklich mache. Die Leute im Saal, die ihre Hände vom Applaudieren noch nicht zertrümmert hatten, wurden jetzt irre: der Roger Federer sprach zu uns! Applaus !!

Zu mir hat noch nie der Bundesrat gesprochen. Bei einer Jungbürgerfeier sprach einmal ein Bürgermeister zu mir (und zwanzig anderen). Hätten die Schweizer mich zum »Sportler des Jahres« gewählt, ich wäre nicht in die Ferien gereist. Ich hätte stolz den Pokal in die Höhe geworfen und meiner Mutter gedankt, dass sie mich nie zwang, im Wohnzimmer Bälle über die Wäscheleine zu werfen, Danke Mami !

P.S.: Michael Schuhmacher ist bei der Gala »Sportler des Jahres« auch nicht erschienen ...

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Beni Frenkel

Jahrgang 1977 und, wie man aus den Texten wahrscheinlich sieht: ein Schweizer.

Ich bin Lehrer an einer Primarschule. Dort unterrichte ich unter anderem den Unterschied zwischen »war& [..]

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