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03.05.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Peymann räumt auf

Ich habe eine prächtige Erdkugel mit rollenden Augen ersteigert. Der Brocken wiegt fast vierzig Pfund, hat einen Durchmesser von einem knappen Meter und verfügt über eine kreisrunde Öffnung an der Unterseite, durch die der Kopf gesteckt werden kann. Im Inneren der mächtigen Kugel befindet sich ein Gestänge, mit dem die Augen der Maske listig hin und her bewegt werden können. Es sind kluge Augen unter buschigen Augenbrauen, sie blicken tiefgründig und schwer. Bei der Erdkugel mit beweglichen Augen handelt sich um eine meisterhafte Maske, ein wandelndes Bild, eine strahlende Symbolgestalt einer gelungenen Inszenierung. Wer damit seine Runden durch Raum und Zeit dreht, fühlt sich wie die dramatische Bühnenfassung der freundlichen Mutter Erde.

Die kolossale Kopfmaske verlangt einen mächtigen Körper, einen kräftigen Kerl mit hundert Kilo Kampfgewicht und einem Gardemaß von ein Meter neunzig, der sie tragen und stimmlich füllen kann. Lutz Görner, Deutschlands bekanntester Rezitator, verfügt über eine entsprechend stattliche Architektur. Der Freund stülpt sich die Kugel über, um damit vor dem neubarocken Theater am Schiffbauerdamm umher zu wandeln. Er streckt begeistert beide Arme aus und tönt sonor aus dem Karton. Görner ist die erste rezitierende Erdkugel der Welt!

»Was willst du mit dem Ding?« fragt er mich, nachdem der unhandliche Himmelskörper sicher im Wagen verstaut ist. Ich habe noch keinen Gedanken daran verschwendet. Die Maske übte vom ersten Augenblick an faszinierende Anziehungskraft auf mich aus. Sie erzeugte einen suggestiven Sog. Sie sehnte sich danach, aus der jahrzehntelangen Dunkelhaft im Fundus erlöst zu werden. Sie rief mich geradezu herbei. Als freundliches Willkommen erhält die Erdkugel sofort einen sonnigen Ehrenplatz inmitten anderer Kunstwerke. Hat sie sich vom Schattenreich der Rumpelkammer erholt, sehen wir weiter. Vielleicht lebe ich dann eine Weile als Atlant. Wie der Nachfolger des Titanen Atlas aus der griechischen Sage trage ich die Erdkugel auf meinen Schultern und erforsche, wie ich mich unter ihrer drückenden Last fühle.

Meine Erdkugel mit beweglichen Augen ist ein köstliches Kunstwerk. Das Unikat stammt aus der Werkstatt des phantasiebegabten Kostümplastikers Eddi Fischer, der als Genie in seinem Fach galt. Sammler und Genießer können an seinen meisterhaft ausgeführten Objekten lange Freude empfinden. Eingesetzt wurde die Maske in Manfred Wekwerths Inszenierung von Bertolt Brechts Stück »Leben des Galilei«, das am 10. Februar 1978 im Berliner Ensemble Premiere hatte.

In seinem Stück beschreibt Brecht die Zerrissenheit des piemontesischen Astronomen und Physikers, der bewies, dass sich die Erde um die Sonne dreht und keinesfalls den Mittelpunkt des Alls darstellt. Galileis astronomische Lehre war durch Fernrohr an der Bewegung der Jupitermonde für jedermann beweisbar. Zugleich war sie äußerst unchristlich, denn unumstößlich galt dem Papst und seinen Mannen die Erdkugel als Mittelpunkt allen Seins. Aus Angst vor der Inquisition und ihren Folterknechten schwor Galilei seiner wissenschaftlichen Überzeugung ab und behauptete das Gegenteil. Seine Schüler reagierten entsetzt. Brecht arbeitet diesen Bruch in seinem Stück heraus. Gibt es eine soziale Verantwortung der Wissenschaftler, und ist diese über die eigene Bequemlichkeit und Geborgenheit zu stellen? Stehend sterben oder kniend leben, lautet Brechts Grundfrage.

Wer also die Weltkugel als Inszenierung eines Lebens auf seinen Schultern trägt, mag sich als wandelndes Zeugnis gegen die Unfehlbarkeit erstarrter Glaubensdoktrinen fühlen. Ebenso deutlich aber läßt sich der alltägliche Konflikt zwischen passivem Mitläufertum und aktivem Mitgestalten empfinden. Danach setzt sich auch im Banalen stets nur soviel Wahrheit durch, wie jeder Einzelne durchsetzt. Es ist also eine Maske mit philosophischem Tiefgang, und ich werde mir genau überlegen, wann und aus welchem Anlaß ich das gute Stück überstülpe und den Zustand unserer Erde sinnierend betrachte. Das, so hoffe ich, geschieht im Sinne Brechts und des Schöpfers des irdischen Requisits.

Das 1949 von Bertolt Brecht und Helene Weigel gegründete Berliner Ensemble, kurz »BE« genannt, gilt als eine der besten Bühnen im deutschsprachigen Raum. Es reicht zu wissen, dass diese Theatergruppe seit 1954 im plüschig-bordeauxroten Theater am Schiffbauerdamm wirkt, um den ins Legendäre wachsenden Nimbus der Institution zu erahnen. Legionen erstklassiger Schauspieler, Regisseure und Intendanten trugen zum Weltruhm des in der Ostberliner Mitte gelegenen Theaters bei. Hier wurden Modellinszenierungen auf höchstem Niveau geschaffen und dokumentiert, die Vorbilder für viele bedeutende Bühnen waren.

Auf Brechts Drehbühne wurden jahrzehntelang, der Tradition verpflichtet, in erster Linie Brecht selbst sowie andere deutsche Klassiker mit realistischem Zeitbezug gespielt. Dies entwickelte sich zu einem immens schwierigen Unterfangen, nachdem Brecht 1956 in den Theaterhimmel entschwand. Die lebendige Brecht-Bühne verkalkte nach des Meisters Hinscheiden unter der Regentschaft Helene Weigels zum Brecht-Mausoleum. Für fast alle seiner auserlesenen Schüler und Thronfolger fiel zudem irgendwann der letzte Vorhang. Inzwischen leben nur noch ganz wenige, die den Meister noch persönlich erlebten.

Seit West- und Ostberlin zu einer wabernden Masse verschmolzen wurden, befindet sich Brechts Stern im Sinken. So steht jeder Neuinszenierung am BE ein leidenschaftlicher Streit zwischen Hütern der reinen Lehre und Neuerern ins Haus. Inszenierungen sind einem unsteten Zeitgeschmack unterworfen. Ein junges, nachwachsendes Publikum will Stücke so präsentiert wissen, dass ein Theaterbesuch Freude schenkt und Lust auf mehr macht. Es ist verstärkt Unterhaltung und Zerstreuung gefragt. Theater werden besucht, um sich vom Alltagsdrama im Welttheater ablenken zu lassen.

Der Publikumsgeschmack unterliegt einem ständigen Wandel. Auch politische Auffassungen drehen sich im Wind. Die jahrzehntelang unkontrolliert sprudelnden Schatullen der subventionierenden Stadtkämmerer sind geplündert. Es herrscht keine Hochsaison für Theatermacher. In solcher Situation sind findige Köpfe gefragt. Kreative und unkonventionelle Ideen helfen oft weiter als blinder Glaube an bessere Zeiten.

Claus Peymann ist der Mann, der die Arche mit der weithin sichtbaren Werbung auf dem Dach um die Jahrtausendwende wie um Kap Hoorn gesteuert hat. Natürlich zeigt er weiter Brecht. Selbstverständlich pflegt er andere Klassiker im Repertoire. Im Zentrum aber steht das Theater der Gegenwart mit wichtigen Uraufführungen deutschsprachiger Autoren. Peymann hat seinem Berliner Publikum damit auch neue Autoren erschlossen. Dazu zählt dankenswerterweise Thomas Bernhard, ein österreichischer Schriftsteller, der im Wechselbad von ätzender Kritik und depressiver Elegie mit Brechts Dialektik auf den ersten Blick wenig gemeinsam hat.

Alle Bemühungen und Erfolge lösen nur partiell die Geldsorgen, mit der sich alle Theatermacher plagen. Da für das BE wie für jede andere Berliner Bühne das biologische Gesetz vom Fressen und Gefressenwerden gilt, entschied der Intendant des Hauses unter dem Druck leerer Kassen, seinen Fundus zu entrümpeln und Kleinodien mit Staub und Geschichte eine interessierten Fangemeinde feilzubieten.

»Peymann räumt auf« nennt der Hausherr tiefsinnig seine Versteigerung, deren Erlös unmittelbar in zusätzliche Arbeitsplätze für Auszubildende fließt. Der Erfolg der Veranstaltung ist größer, als der Veranstalter für möglich gehalten hätte. Tausende Freunde und Fans der berühmten Bühne strömen zusammen, um neugierig zu schauen, Exponate zu sichten und sich schließlich eine Bieterschlacht zu liefern.

Schon beim Eintritt in den Hof des Theaters an der Pförtnerloge balgen sich Sammler um historische Theaterplakate und Programmhefte aus fünfzig Jahren Berliner Ensemble, die für kleines Geld abgegeben werden. Texte, Rollenbücher, Großfotos und sonstiger Theatertrödel aus den Schatzkammern des Theaters liegen aus. Angeboten wird das gesamte Mobiliar der legendären BE-Kantine, das sind Korbstühle, Ledersessel, große und kleine Tische nach den Entwürfen Helene Weigels. Zwischen Masken aus unterschiedlichen Inszenierungen, einem Rappen mit echtem Pferdehaar, Krummsäbeln, Korsagen und Kostümen prangt auch eine Erdkugel mit beweglichen Augen. Ein Zertifikat, vom Intendanten und seinem Technischen Direktor unterzeichnet, bescheinigt die Echtheit des Requisits. Die Erdkugel wirkt unwiderstehlich. Sie will ersteigert werden, und bald ist sie mein.

Ein Originalobjekt nach dem anderen wird von Peymann auf der Bühne ausgelobt und feilgeboten. Die Auktion bietet eine Reise durch die Theatergeschichte. Eine Trommel aus Brechts »Mutter Courage« findet ebenso begeisterte Abnehmer wie Kostüme von Bühnenstars. Marianne Hoppe, Bernhard Minetti, Traugott Buhre, Eva Matthes, Corinna Harfouch, Einar Schleef, Otto Sander und andere trugen diese Kleider auf der Bühne. Versteigert weren Lederjacken mit blutigem Messer im Rücken ebenso wie ein Hut mit Obst- und Hummerdekoration, der aufgrund seines Gewichts besser von zwei Personen getragen werden sollte.

Ein mottenzerfressenes Hitlerporträt samt schmutzigem Bierseidel und staubigem Gehörn aus Bernhards »Theatermacher« wechseln den Besitzer, ein Trollschwanz aus Ibsens »Peer Gynt« kann gleich umgebunden werden. Selbst eine gewaltige »Erektionsmaschine« für den Bühneneinsatz findet Gefallen. Die Mitarbeiterinnen des BE kommen kaum mit dem Ausliefern und Kassieren nach, so rasant schlägt Peymann in seiner neuen Rolle als Auktionator bei »Drei« mit dem Gummihammer zu und besiegelt den Besitzerwechsel.

Endlich wird die Weltkugel aus Brechts »Galilei«, auf die ich scharf bin, auf die Bühne geschleppt. Das Raunen der Bieter ist hörbar positiv. Preiswert wird es damit kaum werden. Schon recken sich die Hände zum Gebot, zwanzig, dreißig, fünfzig Euro. Bei hundert Euro steigen die Schnäppchenjäger und Antiquitätenhändler aus. Ein letztes kurzes Bietergefecht mit einer begeisterten alten Dame, dann ist die Maske mein. Das Geld kommt einem großartigen Theater zugute, und das Requisit selbst ist es allemal wert. Ich freue mich. Solch einen Räumungsverkauf sollte es häufiger geben. Peymann sei Dank! Und wenn der große Zampano eines schönen Tages die gute alte Erdkugel für einen Auftritt aktivieren will, stehe ich gern bereit und spiele mit.

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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