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04.02.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Deutschland, mein Wintermärchen

Wettergott Jörg Kachelmann blickt sorgenvoll auf seine fröstelnden Fernsehfreunde und orakelt kühl: »Es wird bitter, bitter kalt. Es wird so schrecklich kalt, dass wir selbst nicht genau wissen, wie kalt es wirklich werden wird.« Zitternd hüllt sich das Fernsehvolk in warme Decken, nachdem zuvor schon Schreckensberichte aus Moskau den Auftritt von Väterchen Frost mit vierzig und mehr Minusgraden bebilderten. Hier stürzen schlecht gewartete Hallen unter der Last der Schneemassen ein und begraben Menschen, dort rasen Autos auf spiegelglatten Straßen ineinander und zerquetschen Leiber. Der Deutsche, der sich sonst nur noch bei Killerviren, Katastrophen oder Kriegen aus dem Schlummer schält, erwartet den Angriff der klirrenden Kälte und mummelt sich dick ein.

Machen wir das Beste aus dem Angriff der Natur, denkt sich mein Lebensglück und entscheidet: wir fahren in die schneesicherste Region Ostgermaniens und bieten dem Chaos die Stirn. Das Erzgebirge liegt wenige Autostunden entfernt vor der Tür und lädt zum Entdecken ein. Bei minus achtzehn Grad rollen wir durch eine verträumte Winterlandschaft, beziehen ein gemütliches Quartier und marschieren zum nächsten Skiverleih. Langlauf soll es sein. Das sei ein natürlicher Sport, der alle eingerosteten Körperregionen gleichmäßig beansprucht, wird mir versichert. Auf Skiern stand ich zwar zuvor noch nie. Doch ist der Geist erst einmal überredet, bleibt dem Fleisch kaum eine Chance.

Vor dem ersten Ausritt mache ich mich frisch. Als ich aus dem Bad komme, stockt mir der Atem. Auf dem Hotelbett türmt sich ein unförmiges Gebirge aus Thermohemden, langen Unterhosen, Fleecejacken, Rollkragenpullovern, dicken Socken, Skihosen, Anoraks, Mützen, Schals und Handschuhen. Es ist ein wahrer Mont Klamott. »Was soll der Kram? Wo kommt das alles plötzlich her? Hast Du das Zeug etwa neu gekauft? Mir reichen meine Jeans!« Meine Traumfrau beruhigt mich. Sie hätte die Ausrüstung heimlich zusammen getragen, um mich nicht zu beunruhigen, und alles sei äußerst preiswert gewesen. – »Soll ich diese Klamotten tatsächlich anziehen?« Sie lächelt mich unwiderstehlich an. Nach lahmen Protesten stopfe ich mich mühsam in die warmen Kleider und verdoppele allmählich meinen Umfang. Im Spiegel blickt mir nach einer dreiviertel Stunde Umkleidezeit eine Mitleid erregende Mischung aus Luciano Pavarotti und dem Michelin-Männchen entgegen. Ich seufze ergeben. Also geht es auf die Loipe.

Unter einer Loipe darf sich der ungelernte Skihase eine maschinell gespurte Bahn vorstellen, in der die schmalen Langlaufski geführt werden. Das geht angeblich kinderleicht, und im ersten Augenblick ist es das auch. – Huiiiiiiiii, schon rutsche ich los! – Mit langen Skistöcken stochere ich mal in der Luft und mal im Schnee herum. Nach ein paar steifen Bewegungen beginne ich zu gleiten und fühle mich bald wie Häuptling Leichte Feder. Klasse Premiere! Vor mir zischt mein persönliches Langlauf-Luder die Loipe entlang. Ich will mir keine Blöße geben und stolpere ihr nach. Nach drei Minuten beginnt meine Nase zu laufen. Gelber Schnotten rinnt auf die Oberlippe. Voll eklig! Kurze Verschnaufpause, ein Taschentuch wird gezückt und ich schnaube kräftig.

Weiter geht es, urplötzlich sogar leicht bergauf. Nach zwei, drei schweißtreibenden Metern rutsche ich wieder zurück. Wie beherrscht man diese blöden Bretter? Ich bekomme Hilfestellung von meiner persönlichen Trainerin, die jetzt hinter mir geht, mich kontrolliert und Anweisungen erteilt. »Schräg gehen, Bretter ankanten«, kommandiert das Luder. Woher weiß sie das so genau, sie hat doch zuletzt als Kind auf Brettern gestanden? Zwei wie Schneeflocken gleitende Wanderer überholen mich und grüßen freundlich: »Es ist nur dieser kleine Hügel, dann geht es sanft geradeaus«. Das »zänkische Bergvolk« entpuppt sich als ausgesprochen nett und hilfsbereit. Hoffnungsfroh stapfe ich den Hang hinauf.

Oben angekommen werden zwei weitere Tempotücher voll gerotzt. Geschafft! Meine Dampfmaschine faucht. Weiße Schwaden zischen aus Mund und Nase. Volles Tempo! Majestätisch wie eine Elfe gleite ich ein paar Meter voran und lobe Langlauf, Loipen und die Liebe zum Leben. – Doch was muss ich sehen? Schon steigt ein weiterer Hang endlos in den Himmel! »Machen Sie sich keine Sorgen«, ruft mir ein fescher Skifahrer zu, der elegant von oben herunter gewedelt kommt, »es ist nur noch dieser kleine Aufstieg, dann wird es flach«! Danke für die Auskunft, mir wurde die Loipe als »leicht« empfohlen. Der Schweiß rinnt mir ins Thermokleid, ich bezwinge auch den zweiten Aufstieg. Dabei rudere ich mit den Stöcken, als wollte ich den Eichhörnchen die Augen ausstechen. Wie skandierte einst Honecker, der verblichene Feudalherrscher über diese Region: »Vorwärts immer, rückwärts nimmer«. »Honni, du machst mir mächtig Mut«, rufe ich dem roten Berggeist zu und reime in seinem Sinne: »Den Langläufer in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf«. – Jetzt will ich es wirklich wissen.

Oben angekommen laufen wir ein paar Kilometer auf der Kammloipe zwischen Deutschland und Tschechien. Eine verschneite Märchenlandschaft wie aus Zuckerguss erfreut Augen und Herz. Diese Winterstimmung macht den beschwerlichen Aufstieg vergessen. Winterwald, wie bist du wundervoll! Nach einer sanften Kurve verlassen wir den schneeweißen Highway und wenden uns wieder talwärts. Es folgt eine Rechtskurve und jetzt stockt mir der Atem: Himmel, hier geht es steil bergab! Fassungslos blicke ich in ein tiefes Tal, das sich unergründlich vor mir öffnet. Wie soll ich ohne Knochenbrüche und Blessuren nach unten rutschen?

»Schneepflug, Schneepflug!« befiehlt meine Traumfrau, die jetzt hinter mir fährt und dabei lautstark Anweisungen erteilt. Ihre ständigen Instruktionen gehen mir inzwischen gehörig auf den Keks. »Hör auf, mich zu nerven. Ich bemühe mich doch!« – Ich versuche, die Skier zu verschränken, doch die blöden Bretter gehorchen nicht. Stattdessen gewinne ich an Fahrt und überschreite bald die zulässige Höchstgeschwindigkeit für Anfänger. Ich schwanke wie eine mit schwerem Schnee beladene Tanne im Winterwind. Verzweifelt stochere ich mit den Stöcken im Leeren und sehe eine Linkskurve auf mich zukommen. Wie eine schwer beladene Lore, die auf stählernen Gleisen rollt, schieße ich in die Kurve. Ich schließe die Augen. Ich erwarte den Aufprall. Welcher Baumstamm wird es sein, der mich entmannt?

Eine Kolumne über meine Langlaufpremiere werde ich schreiben, wenn ich unbeschadet überlebe, gelobe ich. Das mindert die aufschäumende Angst und macht das Überleben sinnvoll. Noch stehe ich auf steifen Beinen und versuche sogar, in die Hocke zu gehen, wie es die Kommandantin verlangt. Welche Gnade, dass es im Erzgebirge einsam ist, und ich nur von den Tieren des Waldes ausgelacht werden kann. Da schnauft mir aus der Tiefe eine Rotte wilder Schweine entgegen: Spaziergänger! Ein wanderndes Kaffeekränzchen stapft in Dreierreihe die Loipe bergauf. »He, Fußgänger sind hier verboten, könnt Ihr denn keine Schilder lesen, Mädels?« Ich erkenne ihre Gesichter und beschließe, auf die beiden jüngeren zu prallen, die exakt auf meiner Spur bergauf trampeln. Angenehmer als eine der Omas zu rammen, ist es auf jeden Fall, außerdem heilen junge Knochen schneller. Erst werde ich die mit den schwarzen Haaren umreißen, dann platscht die hinter ihr gehende Blondine um. »Bahn frei. Hier komme ich!« Schon sehe ich mich auf ihnen strampeln, ein kreischendes Knäuel von liebenden Leibern, sperrigen Skiern und spitzen Stöcken.- Im allerletzten Augenblick springen sie zur Seite. Wer von uns hat nun mehr Glück gehabt?

Vier Stunden und etliche Kilometer später bade ich in Schweiß und habe ein Paket Taschentücher voll geschnupft. Mehrmals bin ich zu Boden gegangen und auf meinen vier Buchstaben gelandet. Mühsam musste ich mich von den sperrigen Brettern befreien, um ächzend wieder auf die Beine zu kommen. Manch freundlicher Handschuh streckte sich mir dabei entgegen, um mich wieder aufzurichten. Doch was sind kleine Ausrutscher gegen den verdienten Erfolg. Ich fühle mich wie ein Aufziehmännchen und würde im Überschwang der Gefühle sogar noch weiter laufen. Der Triumph, eine neue Sportart kennen gelernt und ohne böse Blessuren überstanden zu haben, erfüllt mein mächtig pumpendes Herz mit Stolz. Ein dickes Lob des Langlauf-Luders leistet einen weiteren Beitrag zum kompletten Wohlgefühl. Jetzt fühle ich mich fast reif für die Langlaufolympiade!

Am Abend spricht jeder einzelne Knochen mit mir. Ich wusste gar nicht, dass ich aus derart vielen Einzelteilen bestehe. In der Hotelhöhle dudelt die Flimmerkiste. »Morgen schlägt der sibirische Winter mit voller Härte in Sachsen und Thüringen zu«, quakt ein Wetterfrosch, der wahrscheinlich ebenfalls auf Kachelmanns Gehaltsliste steht. »Temperaturen bis minus 22 Grad werden erwartet, auf den Straßen ist ein Chaos absehbar«. – Erschöpft und abgekämpft sinke ich in süßen Schlummer.

In weißen Träumen gleite ich sanft über die Piste. Hinter mit spurt ein leicht bekleidetes Langlauf-Bunny. Ich blicke mich um, um mich an ihrem Anblick zu erfreuen. Da verwandelt sich die Traumzauberfee in eine strenge Domina, die eine neunschwänzige Katze schwingt und in ein mächtiges Megaphon brüllt: »In die Knie! – Oberkörper nach vorn! – Hintern raus! – Knie zusammen! – Nach vorne beugen! – Schneepflug, Schneepflug, Schneepflug ...!«

Deutschland, du bist und bleibst mein Wintermärchen!

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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