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06.09.05

Wilhelm Ruprecht Frieling

Auf dem Rastro
(Briefe aus Palma, IV)

Palmas Altstadt glich noch vor einem Jahrzehnt in Teilen einem gewaltigen Zigeunerlager. In den verfallenen und verkommenen Altbauten, die mit eingestürzten Dächern und zerbrochenen Scheiben unter der mallorquinischen Sonne zu Staub zerfielen, lebten diejenigen, die kein besseres Quartier erübrigen konnten. Selbst Einheimische wagten sich ungern in die dunklen Gassen, in deren Schmutz dunkelhäutige Zigeunerkinder junge Hunde quälten und mit Gerümpel spielten. Schnell konnte es geschehen, dass aus luftiger Höhe ein Gefäß mit Unflat über demjenigen geleert wurde, der ungeladen in den Gassen schlenderte. Schimpfworte, die kein Wörterbuch listet, folgten auf dem Fuße. Hier herrschte ein mobiles, in kinderreiche Großfamilien gegliedertes, wildes Volk nach eigenen Gesetzen: die Gitanos.

Als die Immobilienmafia nach der Altstadt griff, wurden die Zigeuner lästig. Wer sich in eine Altstadtwohnung eingenistet hatte, galt als unkündbar. Sein Auszug mußte teuer erkauft werden. Häuser, in denen nur ein einziger Hausbesetzer lebte, konnten weder renoviert noch weiter veräußert werden. Bald regnete es Bargeld, um den Bewohnern den Auszug zu versüßen. Schnell merkten die unbeliebten Besetzer, wie lukrativ es sein konnte, eine Bauruine zu räumen und in die nächste zu ziehen. Fünfzigtausend Euro war ein frei gezogenes Haus den Aufkäufern wert. So fraßen sich Investoren, Spekulanten und Sanierer von Haus zu Haus und trieben die Gitanos mit dem Goldbesen vor sich her.

Inzwischen registrierte auch Palmas Stadtverwaltung, dass die Anwesenheit der Problemgruppe dem Aufschwung der Altstadt und einer großflächigen Sanierung hinderlich war. Sie versuchte, sämtliche Zigeuner umzusiedeln und schuf in der Nähe des Flughafens komfortablen Ersatzwohnraum. Dabei mußte die Stadt viel Lehrgeld zahlen. Die Umsiedler kochten lieber über einem offenen Feuer als auf einem ultramodernen Gasherd und konnten zudem die Bedienungsanleitungen nicht lesen. In kürzester Zeit war der eigens errichtete neue Wohnraum verwüstet, die beweglichen Teile herausgerissen und vertrödelt.

Immerhin wurden Altstadtviertel auf diese Weise leer gefegt und sogleich mit einer hohen Betonmauer umzäunt, um neuen Zuzug zu verhindern. Die verkommenen Straßenzüge konnten darauf komplett abgerissen und wieder neu aufgebaut werden. Rund um den Placa de Artesania läßt sich nachvollziehen, wie ein Barrio, ein Stadtviertel, nach der Kahlschlagsanierung komplett wieder aufgebaut und mit neuen Mietern, in diesem Fall Kunsthandwerkern, wiederbelebt wird.

Auf diese Weise wurden die unbeliebten Zigeuner weitgehend aus dem öffentlichen Lebensraum vertrieben. In Palmas Stadtbild präsent und geduldet sind sie weiterhin. Sie fahren die traditionellen Pferdekutschen, mit denen Touristen eine stimmungsvolle Kutschenfahrt durch die Altstadt unternehmen können. Sie stellen die berühmt-berüchtigten »Nelkenfrauen«, eine unglaublich geschickte Gruppe von Trickdiebinnen, die von einer erfahrenen »Alten« angeleitet werden und naiven Urlaubern im wahrsten Sinne des Wortes das Geld aus der Tasche ziehen. Sie verkaufen mit Gas gefüllte bunte Ballons und minderwertiges Spielzeug. Und sie lieben den Flohmarkt, den »Rastro«, und verscherbeln dort Tinnef, Tand und Trödel.

Rastro ist in Palma jeden Samstag vormittag. »Robado en noche, vendido a la manaña«, ruft ein dunkelhäutiger Gitano, der sich schwer auf einen Stock stützt und über den eigenen Werbespruch mit drei blitzenden Goldzähnen lacht. Geraubt in der Nacht und schon am nächsten Morgen verkauft? Der Mann, der alle Vorurteile gegen seinesgleichen lautstark bekräftigt, hat zwei große goldene Gemälderahmen an eine Mauer gelehnt. In einem der Rahmen hängt eine aufgeschlitzte Leinwand mit einem Marienbild, das andere Bild ist herausgeschnitten. Vor den Rahmen liegen verstreut auf einer Zeltplane Radios, Batterien, Kabel, Ladegeräte und Telefone, die allesamt wirken, als stammten sie aus einer anderen Zeit. Dennoch wühlen mehrere Gesellen in dem Gerümpel, prüfen jedes Teil und debattieren heftig darüber.

Schnell ist die erste Lektion im Umgang mit Gitanos gelernt: alles was elektrisch oder aus Plastik ist, gilt als wertvoll und ist entsprechend teuer. Ein barocker Bilderrahmen hingegen ist wertloser Müll. Dennoch versucht der Alte mit der Krücke, möglichst viel herauszuschlagen, spürt er erst einmal Interesse. Ein blasser Engländer auf der Suche nach Antiquitäten beugt sich mit Kennerblick über eines der Radios und fragt nach dem Preis. 50 Euro werden verlangt. Und was soll der alte Rahmen da kosten? Der Gitano stutzt und knurrt mit einer verächtlichen Handbewegung: »Zwanzig!«. Desinteressiert schüttelt der Engländer den Kopf und wendet sich ab. Er beherrscht Lektion zwei: niemals zeigen, was wirklich interessiert.

Der Zigeuner fuchtelt mit der Krücke und fragt nach einem Gebot. Gelangweilt tritt der Interessent näher und nimmt einen der Rahmen näher in Augenschein, um ihn wieder zurück zu stellen und unwillig zu knurren. Aus dem Augenwinkel wird er von dem Gitano beobachtet. »Wieviel?« – Der Engländer schaut und schnauft und seufzt: »Hombre, acht sind genug!« Ein wüster Wortschwall ergießt sich über ihn. Der sich selbst als Räuberhauptmann Bezeichnende schimpft und preist die Hochwertigkeit seiner Bilderrahmen, ohne auch nur die geringste Ahnung von ihrem möglichen Wert zu haben. In seiner Welt sind Elektrogeräte edel und teuer. Alles andere ist Abfall.

Der Brite wendet sich ab und schlendert weiter. Da krächzt es in seinem Rücken: »Fünfzehn!«, und es folgt wieder eine wegwerfende Bewegung, als sei der Rahmen Dreck. Nun murmelt sein Verhandlungspartner seinerseits einige Worte wie »zu viel, zu teuer, kein Geld!«, und er bedient sich ebenfalls der Gebärdensprache. Schließlich überwindet er sich: »Fünfzehn für beide geht in Ordnung«. Ein unverständlicher, trunkener Wehlaut antwortet. Der Gitano humpelt stärker als zuvor, er scheint fast zusammen zu brechen unter der Last der Entscheidung. Der Engländer kramt langsam fünfzehn Euro aus seinen Hosentaschen, zählt mehrfach den Betrag vor und drückt dem Alten mit dem Krückstock Schein und Münzen in die Hand. Blitzschnell krümmert sich dessen Finger zur Faust, während er weiter jammert. Damit kommt Lektion drei zur Anwendung: zeige nie mehr Bargeld als du geben willst.

»Venga?« fragt der Brite und benutzt diese mallorquinische Formel, die am Ende jeder Unterhaltung, Bestellung oder Abmachung steht und in ihrer Bedeutung etwa dem angelsächsischen »okay« entspricht. Dazu klopft er dem Dunklen aufmunternd auf die Schulter. Der Mann mit dem Bargeld in der Hand windet sich, schaut gequält auf, stöhnt jammervoll, schaut auf das Geld und seufzt dann geschlagen: »Venga!«. Der Kauf ist besiegelt, beide reichen sich die Hände, freuen sich offensichtlich und verabschieden sich herzlich. So wechseln zwei alte (nach Aussagen des Verkäufers angeblich gestohlene) Bilderrahmen den Besitzer, und alle (ausgenommen der wahre Eigentümer) sind zufrieden.

Am Nachbarstand werden Wagenräder, gebrauchte Werkzeuge, uralte Haushaltsgeräte und allerlei Kleinzeug verkauft. Es gibt auch einige Schatztruhen aus verrostetem Blech mit Schmuck, Medaillons, Armreifen und Rosenkränzen. Hinter dem Warengebirge sitzen drei wohlgenährte Herren mit dunkelbraunem Teint auf Kisten. Sie rauchen und plaudern. Die drei sind schwarz gelockt und von erheblichem Körperumfang. An ihren Fingern glänzen fette goldene Ringe, schwere Goldketten baumeln am Hals in die weit geöffneten dunkelblauen Hemden, die aus erdfarbenen Hosen heraushängen. Im Hintergrund spielen Kinder, die man am liebsten an den Ohren aus dem Straßendreck ziehen und in eine Wanne mit Seifenwasser stecken möchte. Um das Geschäft kümmert sich eine massige Matrone mit zum Knoten gebundenen rabenschwarzem Haar, schwarzer Bluse und schwarzem Rock.

Fragt ein Besucher nach einem Preis, gibt die Alte die Frage an die drei Kumpane weiter, von denen der Anführer nach einem kurzen Blick auf den Kunden etwas knurrt. Mama nennt die Forderung oder schreibt sie auf einen Zettel, und falls der Kunde ernsthaftes Interesse zeigt und gar handeln will, erhebt sich der Inhaber des fliegenden Unternehmens langsam und steigt persönlich in den Ring. Vor seinen beiden Kumpeln muß er nun allerdings sein Gesicht wahren und sich als cleverer Kaufmann erweisen, der sich keinesfalls übervorteilen läßt. Daraus folgt Lektion Nummer vier: Handele möglichst nur mit Gitanos, wenn sie kein Publikum haben, der Preis wird sonst unverhältnismäßig hoch sein.

An einem weiteren Stand bietet ein zahnloser Alter einen mit Bindfaden gebundenen Welpen feil. Junge Hunde werden meist aus Mitleid von kinderreichen Familien gekauft und erzielen hohe Preise. Wiederum andere Händler sind auf wurmstichige Möbel, die vom Sperrmüll stammen oder auf minderwertige Haushaltsauflösungen spezialisiert. Es gibt Anbieter für gebrauchte Tongeschirre, für bäuerliches Gerät, für Autoersatzteile, für alte Illustrierte und für vieles Nützliche und Nutzlose mehr. Wer sucht, der findet. Und damit enthüllt sich das Geheimnis des Rastros von Palma an jedem Samstag vormittag neu: es finden sich immer wieder Abnehmer für die absonderlichsten Artikel.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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