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06.11.07

Wilhelm Ruprecht Frieling

Zicke, zacke, Rentierkacke

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»Zicke, zacke, Rentierkacke« vorgetragen von »LittleLilly« (Wien).
(Bitte beachten Sie unseren Rechtevorbehalt).

Fallen die Blätter von Busch und Baum, bricht der Endspurt los: Oh, du Fröhliche, Weihnachten lässt grüßen! Im letzten Quartal des Jahres geht es nur noch darum, möglichst rechtzeitig die ultimativen Geschenke für das Fest der Liebe und der Erpressung zu besorgen. Ladengeschäfte entstauben ihre Tannenbäume und hüllen sich in vorweihnachtliche Pracht. Auf die mit Siebenmeilenstiefeln heran stapfende Bescherung verweisen Glitzerkugeln und eiskalte Nächte. Himmlische Chöre erfüllen die Kaufhäuser: »Ihr Kinderlein kommet, wir leuchten Euch den Weg!« Als Weihnachtsmänner getarnte Studenten bringen Bewegung in die Tütenschlepperbrigaden. Die freuen sich, denn das Christkind klopft an die Tür. Keiner behaupte, er lebe im Tal der Ahnungslosen und wisse von nichts. Weihnachten naht so unerbittlich wie das Amen in der Kirche. Hallelujah!

Mit einer »langen Nacht des Shoppings« locken Industrie und Handel auch den letzten Konsumverweigerer aus der Geborgenheit seiner Kate. Bis Mitternacht bleiben dabei die Läden geöffnet. Im Schutz der Dunkelheit stürze ich mutig ins Getümmel und betrete das Fachgeschäft »Schnulli & Tand«. Das Kettenunternehmen taumelt bereits lange vor dem »Heiligen« Abend im Weihnachtsfieber. Höhnisch grinsen mir mechanische Weihnachtsmänner entgegen, die mit fetten Hüften schunkeln und mit Kastratenstimmen singen. Haushohe Plastiktannen flimmern und glimmern. Überall huschen Kunden herum, die hamstern, als treibe sie Knecht Ruprecht mit der Rute. Ziellos trödele ich durch endlose Regalfluchten mit knuffigen Eisbären, Pinguinen, Bambis und anderen Stofftieren. Es gibt glitzernde und gleißende Anhänger, dekorativen Baumschmuck in jeder Farbe (mit und ohne Sprenkel), Tischwäsche, kurz: Krempel, den aufzuzählen ich mir erspare, denn dazu müsste ich ihn mir merken.

Meine Einkäufe zum Fest beginnen traditionell mit dem Erwerb auserlesener Delikatessen. Das hebt den Erinnerungsfaktor an die süßeste Zeit des Jahres. Spekulatius, Printen, Dominosteine und diverse Marzipanbrote wandern vom Regal zur Kasse und stellen sich recht bald in meinem Magen vor. Dabei hat mich der Geiz in dieser Beziehung nicht geil sondern eher fett gemacht: ich greife immer zu den größten Tüten zum Superjubelschnäppchenpreis und stopfe süchtig und unkontrolliert sämtliche Leckereien in mich hinein. Dazu brumme ich ein altes deutsches Weihnachtslied: »Macht auf das Maul, den Gürtel weit ...«

Ein Karton mit rot-weiß gestreiften Zuckerstangen zieht mich magisch an. Gleich schnappe ich mir einen von den Leckerbissen und erinnere mich an selige Kindheitstage: Ich rieche den Zauber der Weihnacht und fühle mich an einen jener verschneiten Abende versetzt, an denen ich Dreikäsehoch mit meinen Geschwistern auf die Bescherung wartete ...

»Das können Sie doch nicht essen«, schreckt mich eine Verkäuferin aus meinen Träumen. Ich habe mir verträumt die Zuckerstange in den Mund gesteckt und nuckele glücklich daran herum. »Die ist aus Glas!« Bei näherer Betrachtung erkenne ich den Etikettenschwindel. »Eine Zuckerstange aus Glas? Das ist doch unglaublich!« Empört lege ich den Lockstoff zurück und verdrücke mich in den Bauch des Ladens. Ihr Blick klebt mir im Nacken.

In einer Nische gefallen mir lustige Masken und Mützen für Halloween. Daran komme ich nicht vorbei. Es juckt mir in allen Fingern, und ich setze eine schwarzweiße Totenkopffratze auf. Vor einem Spiegel mache ich Faxen und stöhne abgrundtief. »Huaaaaaaah! Huuuuuuaaaaaaaaah!« Fassungslos schaut ein kleiner Junge meiner Vorführung zu. Ich versuche, ihn durch ein paar lustige Bewegungen aufzumuntern. Der Knabe reagiert verstört. Greinend läuft er zu einer Dame in wallendem Herbstlaub und Birkenstocksandalen. Das ist wohl seine Mama.

Giftig funkelt die Frau mich an. In ihren Muttertieraugen spiegelt sich Argwohn. Bin ich soeben zur Bescherung durch den Kamin auf ihr gutes Sofa gerutscht? Mit bösem Blick verschanzt sie sich hinter einem großformatigen Kinderwagen, in dem ein Säugling rudert. Ich versuche, Madame zu beruhigen. Aus einem Warenkorb grabe ich ein glitzerndes Weihnachtsutensil und halte es ihr als Versöhnungsgeste entgegen. Sie stößt einen gellenden Schrei aus, der das Weihnachtsgedudel übertönt. Was hat sie nur? Ich schaue mir mein Friedensangebot näher an. Dumm gelaufen! Versehentlich habe ich einen monströsen Eiszapfen aus geschliffenem Glas gegriffen, der in ihre Richtung sticht. Der wirkt in meinen Händen wie ein Mordinstrument. Die Frau schreit jetzt wie am Spieß. Im Laden entsteht Unruhe. Ich verdünnisiere mich und suche hinter Kunsttannen Deckung.

Zwei Verkäuferinnen mit Nikolausmützen eilen herbei. In der einen erkenne ich die Mamsell, die mir meine Zuckerstange weggenommen hat. In ihrem Kielwasser bläst die kreischende Mutter mit dem Kampfpanzer zum Angriff. Schutz suchend drücke ich mich in den Tannenwald, der auf einem Präsentationsregal posiert und die Szene überblickt. Die grünen Bäumchen schwanken im Sturm der Ereignisse, pudern mich mit Pulverschnee und verwandeln mich in einen himmlischen Boten. Ist das etwa Kokain? Zur Verkostung bleibt keine Zeit. Einer der Bäume gerät aus dem Gleichgewicht und kippt in Richtung Erdmittelpunkt. Seine Stammesgenossen reißt er gleich mit in den Abgrund. Teile der Deko rieseln auf mich herab. Mit einem Hechtsprung rette ich meinen Alabasterkörper vor einer direkten Begegnung mit den Tannenbäumen. Splitternd klatscht der künstliche Wald zu Boden, löst sich in hundert Einzelteile auf und versperrt meinen Verfolgern den Weg. – Advent, Advent, der Laden brennt ...

Vom Eingang naht ein schwarzer Sheriff, der wenig weihnachtlich wirkt. Während die Verkäuferinnen die ramponierten Bäume wieder aufrichten und das Chaos beseitigen, umkreist er das Schlachtfeld. Ich tauche ab und krabbele unter einigen Aktionsboxen Richtung Ausgang. Die Geräuschkulisse, die einen kurzen Augenblick verstummte, bricht wieder los. Aus Lautsprechern krächzt das Lied von Rudolph Rentier mit der feuerroten Nase. Ich ramme einen Pappcontainer. Der massige Wachmann späht ins Gelände.

In einer der Grabbelboxen, an denen ich mich vorsichtig wieder an die Oberfläche ziehe, liegen bunte Blisterpackungen. Darin lachen mich Rentiere mit knallroten Nasen an. Whow, die sehen echt super aus. Einer aus der Herde gefällt mir besonders gut, und ich greife zu. Rudolph, Du bist mein Retter! Der Entschluss steht fest: das Vieh wird mein. Ich schnappe eine der Packungen, halte sie auffällig nach Mister-Bean-Art hoch und in Richtung des schwarzen Kolosses. Der hat mich inzwischen entdeckt und stapft heran. Mit der Schachtel winkend marschiere ich scheinbar unbekümmert zur Kasse. Schließlich bin ich ein Kunde und erwarte Respekt. Die anwesenden Herrschaften bilden eine Gasse und starren mich an. Ähnele ich mit irisierendem Glitter bestäubt und mit buntem Lametta behangen vielleicht der Inkarnation des Weihnachtsmannes? Vom Himmel hoch, da komm ich her ...

An der Kasse steht eine rote Zipfelmütze. »Wollen Sie die Maske nehmen«, fragt sie mich. »Welche Maske«, antworte ich irritiert. »Na, die Maske auf Ihrem Gesicht!« Ach Gott, die olle Maske! Die hatte ich im Trubel total vergessen. Ich schaue in den Spiegel hinter der Kasse und begegne Gevatter Tod im Winterwald. Schnell nehme ich sie ab. »Nö, ich nehme nur das Rentier«, säusele ich mit honigsüßer Stimme, zumal der schwarze Schatten des Sicherheitsmannes sich bedrohlich über mich neigt. Sauer verdiente Taler verschwinden in der Kasse des Instituts. In Anbetracht der angespannten Situation verzichte ich darauf, den Artikel als Geschenk verpacken zu lassen und schlendere betont freundlich mit meinem Neuerwerb zum Ausgang. Der Muskelmann begleitet mich durch die Meute der Schaulustigen. »Schöner Service«, murmele ich und drohe mit einem baldigen Wiedersehen. Fat Freddy verschränkt die Arme und ballt sein Gesicht zur Panzerfaust.

Daheim reiße ich die Verpackung auf wie ein Westpaket, um meinen Verzweifelungskauf zu betrachten. Ein »Poo-Pooing Reindeer« grinst mich an und wartet auf Erlösung. Hurra, ich habe ins Glück gegriffen. Es ist kein gewöhnlicher Rudolph mit roter Nase. Mein Rudi kann mehr. Er ist ein kackendes Rentier! Ehrfurchtsvoll erschaudere ich vor den Ideen der Industrie im Großraum Peking. Das Spielzeug ist mir Lohn genug für die Mühen und Gefahren des Einkaufs.

Die Regie empfiehlt, ihm das Genick zu brechen und seinen Kopf nach vorn zu klappen. Darauf fülle ich aus einem Säckchen, das dem Rentier beiliegt, kackbraune Köttel in sein Innerstes. Kracks! Der Kopf wird wieder eingerenkt. Vergnügt läuft der brave Bursche alsbald über meinen Schreibtisch und lässt dunkelbraune Köttel aus seinem Rentierenddarm gleiten.

Foto: Kackender Elch

Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Eine nähere Analyse der Hinterlassenschaften des kackenden Rentiers ergibt, dass es sich bei den Köttel um »sugar confectionary« handelt. Rudolph kackt Süßigkeiten! Das Bonbon legende Rentier erweist seinem Namen alle Ehre und scheißt meinen Schreibtisch voll. Ich gebärde mich als städtisches Ordnungsamt, hänge an seinem Poloch und beseitige seine Hinterlassenschaft mit Eifer und wachsendem Appetit. Zicke, zacke, Rentierkacke, hoi hoi hoi! Das ist ein Weihnachtsspass nach meinem Geschmack!

Bald hat das Rentier sich ausgeschissen. Die Munition ist verbraucht, das Rentier steht steif, stumm, leer und dumm auf meinen Schreibtisch herum. »Kacke!«, rufe ich im wahrsten Sinne des Wortes. Meine Eier legende Wollmilchsau, das ultimative Geschenk zum Friedensfest, will wieder gefüttert werden.

Mein Magen knurrt und jiepert nach Zucker. Der Laden hat noch bis Mitternacht geöffnet. Ob ich, gleich noch einmal losziehe, um Futter für mein kackendes Rentier zu besorgen? Na, die werden sich aber freuen!



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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