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10.01.07

Wilhelm Ruprecht Frieling

Kau mir mein Ohr ab!

Zur Siesta dämmere ich auf meinem zerschlissenen Lieblingssofa und habe die bald hundertjährige honiggelbe Erbdecke über meine müden Beine gezogen, da winselt das Telefon und reißt mich aus meinem mittäglichen Moratorium. Eine Bekannte meldet sich und macht mir mit gebrochenem Klang ihrer Stimme deutlich, dass ihre rhetorische Frage nach meinem geschätzten Befinden meine unmittelbare Gegenfrage nach ihrem Wohlergehen verlangt. Aufs Stichwort bricht sie dann wie stotterndes Fallobst in leidvolles Lamento aus!

»Ich komme mit der Frau nicht klar«, schluchzt sie herzzerreißend und lauert darauf, von mir bedauert zu werden. – »Die Frau?« – Hat sich der Herr Ex-Gemahl eine neue Flamme zugelegt? Lauert eine Rivalin im Hinterhalt, die mit dem Flammenschwert nächtliches Albdrücken erzeugt? – »Die Frau?« – Welche Frau ist, bitteschön, gemeint? Eine Weile wogt das Gespräch hin und her, bis ich verstehe, dass es sich um die Mitarbeiterin eines ihrer Kunden handelt. Aha!

Es soll hier kein Mitschnitt eines zähflüssig-dumpfen Dialogs veröffentlicht werden. Aber häufig wird man von einem Mitteilungsdrang überflutet, bei dem ein emotional aufgebrachter Gesprächspartner etwas ausschließlich ihm Bekanntes als allgemein bekannt voraussetzt und sogleich gnadenlos kommentiert. Der Zuhörer darf sich dann durch den Dschungel fremder Gedanken hacken und mühsam Bezüge herstellen.

Es gibt Anrufer, die kauen dem Menschen am anderen Ende der Leitung gern ein Ohr ab. Manchmal versteht man in solchen Situationen nicht einmal, worum es inhaltlich überhaupt geht. Dabei ist es vollkommen in Ordnung, einem Mitmenschen sein Herz auszuschütten und sich Rat und Beistand zu holen. Mir geht es um maschinengewehrartige Attacken auf die Gehörgänge, um Lava der Seele, die sich ungebeten in fremde Ohrkanäle ergießt.

Telefongespräche sind für manche Zeitgenossen Schussfahrten durch Einbahnstrassen. Das Gegenüber wird als Ablage gebraucht, auf der Furcht, Not und die Last der aktuellen Befindlichkeit im wahrsten Wortsinn entsorgt werden können. Manchmal wünschte ich mir, jeder stelle sich ein wenig mehr auf seinen Gesprächspartner ein, bevor der innere Siedepunkt erreicht ist und sich in wildem Wortwahn erbricht. Dialoge verliefen gehaltvoller, und es ließe sich vor allem inhaltlich auf die jeweilige Thematik eingehen. – Oder ist ein derartiger Verlauf manchen Dampfplauderern unwillkommen?

Zumindest von einigen Damen wird ungeschminkter Rat ungern angenommen. Ihnen geht es darum, rhetorisch gestreichelt zu werden sowie um die pflegerische Betreuung ihres Gemütsbaums. Ehrliche Ratschläge werden als persönliche Angriffe fauchend abgewehrt; inzwischen unterlasse ich sie im eigenen Interesse. »Frauen sind so«, behauptete auf mein entsprechendes Stirnrunzeln eine engagierte Vertreterin ihrer Art und verwies mich in meinen Geschlechterstadel.

So bin ich dazu übergegangen, dem Sturzbach herein brechender Worte als breites Bett zu dienen, das er ohne Widerrede durchströmen kann. Jeder benötigt mal einen Beichtvater, und offensichtlich wirke ich entsprechend pastoral und grenze mich zu wenig ab. Ich versuche eine Weile, meine Klappe zu halten. Wird es mir jedoch allzu kryptisch und juckt es mir in allen Fingern, dann löse sich die inneren Bremsen, und ich frage nach.

Es ist ausgesprochen tückisch, einen unbekannten Sachverhalt zu beurteilen. Knurrt wer gar zustimmend zum Wortschwall seines Anrufers oder formuliert er in Gemeinplätzen wie »Sowieso«, »Genau«, »Geht klar«, dann wird er bei nächster Gelegenheit unautorisiert zitiert und in den Zeugenstand gerufen: »Er sieht das genau so!« – So entstehen vertrackte Verwicklungen im Freundeskreis, die mit weiteren Gesprächen entwirrt werden müssen und im Ergebnis zu Animositäten und Zerwürfnissen führen können.

Sind also eventuell solche Gespräche optimal, in denen eine Partei silbern redet, während die andere golden schweigt? Die Frage mag nach persönlichem Gusto beantwortet werden. Doch jeder hat die Wahl, wie er ein Gespräch führen und beenden will, auch dann, wenn er sich den Gesprächspartner nicht selbst ausgesucht hat und dieser kaum zu bremsen ist. – Dazu zählt beispielsweise auch die Entscheidung, den Hörer notfalls wieder auf die Gabel zu knallen und den Redefluss jäh zu unterbrechen.

Sonst bekommen abgekaute Ohren nämlich niemals Chancen, wieder nachzuwachsen ...



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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