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10.10.06

Wilhelm Ruprecht Frieling

Der Mythos der guten, alten Dinge ...

»Das ist doch voll die 68er-Verarsche«, tönt meine nichtsnutzige Nichte und tanzt um mich herum. Derweil blättere ich im neuesten Manufactum-Katalog und schreibe mit leuchtenden Augen eine lange Wunschliste. »Das ist echte Markenqualität«, gebe ich beleidigt zurück und versenke mich in die Lektüre. Tatsächlich scheiden sich am Angebot des Edelversenders die Geister und dokumentieren zugleich die sich wandelnde gesellschaftliche Einstellung zu Gebrauchs- und Verbrauchsgütern.

»Es gibt sie noch, die guten Dinge«, behauptet der Waltroper Versandhändler Manufactum, der seinen umfangreichen Katalog regelmäßig hunderttausenden Haushalten zuschickt und erfolgreich sieben Warenhäuser betreibt. Das Unternehmen bietet rund 4500 verschiedene, solide gefertigte Waren an, die aus Handwerksbetrieben, Klöstern und Traditionsbetrieben stammen.

Viele der Katalogbilder erinnern an Gegenstände, die unsere Großeltern gern gebrauchten und inzwischen auf Flohmärkten gelandet sind. Es handelt sich um klassische Küchengeräte, Werkzeuge, Büroartikel, Möbel, Lampen, Heimtextilien, Bekleidung, Schuhe, Taschen, Lederwaren, Pflegemittel, Gartenartikel und Spielsachen. Alles ist materialgerecht, langlebig, reparabel und weitgehend umweltverträglich. Das Unternehmen bemüht sich, alte Apfel- und Kartoffelsorten zu rekultivieren, und es verschafft Betrieben mit ausgefallenen Produkten eine Vertriebschance. Im Fluss der Zeit vergessene Materialien wie Bakelit, Gusseisen, Filz und Pappe werden ebenso exhumiert wie untergegangene Naturprodukte, Stoffe, Lebensmittel und Gewürze.

Der neueste Katalog ist ein knapp 400 Seiten starkes Nachschlagewerk versunkener Schätze: von »Abflusssieben« bis zu »Zylinderknopfnadeln« gibt es beinahe alles. Schon allein durch seinen Umfang wird der Warenatlas zum reich bebilderten Geschichtswerk und bietet eine Reise durch die jüngere Vergangenheit unseres Kulturkreises. Ältere Ausgaben des elegant aufgemachten Prospektes werden inzwischen selbst als Kultobjekte gehandelt. Das Katalogbuch ist Gegenstand wissenschaftlicher Analysen, die »Süddeutsche Zeitung« setzte ihn auf Platz zwei der wichtigen zeitlosen Ratgeber.

Die Welt von Manufactum fasziniert mich, denn es gibt für jeden Bereich nützliche und weniger nützliche Produkte. Lediglich die teilweise extrem hohen Preise bremsen mich bislang, bei der feinen Adresse in Kaufrausch zu fallen, wenn es gilt, die Wohnwelt aufzupeppen. Meine erste Anschaffung aus dem Waltroper Handelshaus war entsprechend preiswert, und ich halte sie heute noch in Ehren: der seit 1947 in der Schweiz produzierte Kartoffelschäler »Rex« aus Edelstahl ist das beste Produkt seiner Art und kostet nur 1,70. Es ist der Geräteveteran meiner Küche, und ich habe mich wirklich erst ein paar Mal daran geschnitten!

Das jacken- und hosentaschentaugliche Notizbuch »Kompagnon« diente schon Bruce Chatwin und anderen Literaten der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Aufzeichnung von Beobachtungen und Notizen. Solche Tradition verspricht dem Erwerber Erfolg! 192 fadengebundene Seiten aus tintenfestem Papier, Lesebändchen, Gummizug zum Verschließen, eine Einstecktasche im Deckel, ein vinylbeschichteter Einband und – wirklich wichtig – eine Stiftlasche zum Einstecken eines Schreibgerätes ist für nur 8,50 ein nützliches Geschenk für jeden, der schreibt.

Widerstanden habe ich bislang der Anschaffung von Omas Kolbenfüller zum Preis von 660,00. Mein betagter »Pelikan« von 1965 kleckst heute noch so gut wie vor vierzig Jahren und wird folglich ungern benutzt. Auch zur mechanischen Schreibmaschine »Olympia« habe ich trotz des Schnäppchenpreises von 540,00 ein gespaltenes Verhältnis. Ich erinnere mich gut der grauen Zeiten, in denen jeder Brief und jede Manuskriptseite einzeln getippt und mit Hilfe von schmierigem, nachtblauem Kohlepapier durchgeschrieben werden musste. Zudem fehlt ein Teil der beschworenen Nostalgie: Manufactum bietet kein Durchschlagpapier an. Sicherheitsabstand halte ich schließlich auch zur Bücherwand »Shannon«, nachdem ich überschlug, dass die entsprechende Umquartierung meiner Bibliothek mehr als zwanzigtausend Taler plus endlos viele Arbeitsstunden kosten würde. – Da investiere ich lieber in Inhalte als in Optik.

»Form follows function«, lautet eine der Grundlehren der Gestaltungskunst. Dinge, die lediglich als schöne Schauobjekte dienen, haben meist geringen Gebrauchswert. Fakt ist aber, dass wir überschüttet werden mit Hochtechnologie, die teilweise nur nach der Lektüre voluminöser Bedienungshefte benutzt werden kann. Entsprechend schwierig ist der Umgang mit Geräten des täglichen Bedarfs geworden. »Plug and Play« steht längst als Werbewitz. Glücklich, wer einen Freund bitten kann, das neue WLAN-Netz, den günstig erworbenen DVD-Rekorder, das ultramoderne MMS-Handy oder die Digitalkamera in Gang zu setzen und zu programmieren.

Konsequent entwickelt sich eine neue Zielgruppe, die elektronisch abrüsten möchte. Man mag sie als »Manufactum-Kliente« beschreiben – Menschen, die Gebrauchsgegenstände ohne überflüssigen Zusatz wollen. Es sind Verbraucher, die lieber einen von den in Pennsylvania siedelnden Amish-People produzierten mechanischen Handquirl nutzen als eine blitzmoderne Kitchen-Aid-Maschine. Gerade für eine alternde Gesellschaft ist es wichtig, dass die Geräte auf das Nötigste reduziert sind und keine sinnlosen Funktionen haben. Damit öffnet sich ein neuer Markt für diejenigen, denen die sprunghafte technische Entwicklung ein Gräuel ist, und die ihre technikfeindliche Haltung auch gern ideologisch abfedern. Der Händler im Retro-Look bedient folglich vorwiegend Kunden mit gehobenem Einkommen ab 45+. »Best Ager« werden sie im Kastendenken der Werbewirte in jüngster Zeit genannt.

Meiner Nichte ist es schnuppe, ob Olivenöl von grauhaarigen Mönchen in unzugänglichen Einsiedeleien mit nackten Füßen ausgepresst wird oder aus einer voll automatisierten spanischen Fabrik stammt; Preis und Vorhandensein im Regalsystem der Discounter bestimmen ihr Kaufverhalten. Insofern ist mir ihre Meinung nachvollziehbar, das Interesse an teuren Qualitätsprodukten sei ein Hobby alter Säcke mit zu viel Zeit und Geld. Deshalb sei der Katalog auch eine geniale Möglichkeit, die Generation der sonst so kritisch eingestellten Alt-68er in Bann zu schlagen.

Mich ficht die Meinung des Backfischs wenig an, denn auch in diesem Fall verhält sich die Wahrheit wie der Mond: manchmal verschwindet sie hinter den Wolken. Der Mythos der guten, alten Dinge jedenfalls bleibt für mich bestehen. So stöbere ich weiter mit kindlicher Freude in dem Werk und träume von goldenen Zeiten.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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