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12.04.10

Wilhelm Ruprecht Frieling

Warum ich Stuntman werden will

Beim Skilanglauf im winterlichen Erzgebirge entdeckte ich Anfang des Jahres meine neue Berufung: ich sause auf einer schwierigen Piste, die als »schwarz« gekennzeichnet ist, einen sanften Hang hinab und höre noch, wie meine Traumfrau »Bremsen, Bremsen!« ruft, da hebe ich auch schon ab und schieße empor in eisige Lüfte ...

Halsüberkopf klatsche ich kurz darauf wie ein abstürzender Himmelskörper rücklings in den Schnee und höre am dumpfen Aufprall den Boden unter mir schmerzverzehrt seufzen. Durch die Wucht des Falls werde ich indes gleich noch einmal gen Firmament geschleudert, drehe samt Skiern eine weitere Aufsehen erregende Pirouette und ende schließlich kopfüber in einer Schneewehe. Platsch. Peng. Puff!

Statt mir beim Aufsammeln meiner Knochen behilflich zu sein und tröstende Worte zu spenden, empfängt mich brausender Applaus diverser Zaungäste. Das Kunststück hat ihnen gefallen!

Und als sei das der Kapriolen nicht genug, gerate ich wenig später in einer Rechtskurve auf eine Eisplatte, schieße vorwärts und knalle in voller Fahrt gegen einen Holzstapel. Rrrruuummsssss! Mein rechter Rippenbogen erzählt mir heute noch von dieser schicksalhaften Begegnung der schmerzhaften Art. Glücklicherweise blieb wenigstens der Stapel unverletzt.

Von der Loipe, die ich kühn kreuzte, erreicht mich Beifall und Gelächter. Ja, wer den Schaden hat, der muss für den Spott nicht sorgen. Ich aber weiß nun: Langlauf, verharmlosend als stimmungsvolles »Skiwandern« im verschneiten Tann umschrieben, ist in Wahrheit ein mordsgefährlicher Sport!

Zu Ostern wandte ich mich deshalb harmloseren Sportarten zu. Der steife Körper will schließlich gelegentlich bewegt werden. Im knospenden Frühling entdeckte ich nach Jahrzehnten der Abstinenz das Radfahren wieder. Das ist eine weitaus harmlosere Freizeitbeschäftigung als das Gleiten auf dünnen Brettern durch spiegelglatte Landschaften. Allerdings birgt auch der Radsport gewisse Risiken und Nebenwirkungen.

An einem Laternenmast möchte ich einen Atemzug verschnaufen. Ich fahre auf den Lichtspender zu, greife jedoch versehentlich ins Leere und schlage wie eine gefällte Eiche lang ins feuchte Laub. Mein Drahtesel begräbt mich, und es bedarf mächtigen Strampelns, bis ich wieder auf beiden Beinen stehe.

Vorbei radelnde Frischluftenthusiasten schauen verwundert nach dem, der vor ihren Augen ins Gras gebissen hat. Einen derartig gekonnt hingelegten Sturz haben sie wohl noch nie zuvor gesehen. Zum Applaus haben sie indes leider keine Hand frei und brausen weiter.

Unverzagt radele ich weiter am Teltowkanal entlang. Berlin wird verlassen, der Mauerweg gekreuzt. »Lassen Sie mich durch, ich bin Chirurg und muss nach Brandenburg«, will ich zwei Fußgängern zurufen, die mir auf dem schmalen Treidelweg entgegen kommen. Doch da geschieht es schon: ich weiche zwei riesigen Wurzeln aus, die ein hinterhältiger Baumriese über den Pfad gespannt habe und gerate dabei auf die schiefe Bahn. In einem Sandbett rutsche ich aus, werde erneut von meinem stählernen Ross geschleudert und purzele kopfüber den Hang hinunter Richtung Kanal.

Gierig gurgelt das graue Gewässer. Ich sehe mich bereits als Wasserleiche einige Kilometer später ans Ufer gespült. Krachend schlage ich noch mit meinem westfälischen Dickschädel auf und spüre eine mächtige Beule wachsen. Da springt endlich mein Schutzengel ein und pflanzt ein gütiges Gesträuch, das meinen Sturz bremst. Schon höre ich die Englein singen, doch Hallelujah! ein anderer Biker springt beherzt von seinem Gefährt, packt mich mit sicherem Griff und verhindert meinen Absturz ins eisige Nass.

Mühsam richte ich mich auf. Unter beifälligem Gemurmel der Zuschauer und Sportsfreunde taumele ich umher. Mein mit Moos, Flechten und Gräsern bedeckter Rücken wird anerkennend geklopft, und ich bekomme sogar ein paar Münzen zugeworfen! Auch diese Zirkusnummer scheint dem Publikum gefallen zu haben. Daheim lege ich mich erst einmal leicht erschüttert für zwei Tage ins Bett und labe mich daran, dass meine geschickten und gewagten Kunststückchen alle Anwesenden beeindruckt und amüsiert haben.

Gewiss ist meine Virtuosität im Sturzflug kein Missgeschick sondern Fügung, kombiniere ich und danke dem gütigen Schicksal, das mich auf diese Gabe aufmerksam macht. Ich wusste bislang recht wenig von meinem Talent, und deshalb fasse ich einen kühnen Entschluss: Ich will jetzt Stuntman werden!

Das ist ein Beruf, in dem ganze Kerle gefragt sind, die auch die unglaublichsten Sprünge, Stürze, Würfe und Überschläge meistern. Immerhin habe ich inzwischen reichlich Erfahrung, und wem meine Abenteuer auf Loipen und Radwegen als Empfehlung nicht reichen, dem schildere ich vertraulich meine spektakulären Unfälle in einer nahe gelegenen Muckibude.

Doch darüber habe ich mit dem Sportstudio öffentliches Stillschweigen vereinbart. Dafür haben sie mich früher aus dem Vertrag entlassen und drei Kreuze geschlagen, als sich die Tür hinter mir schloss ...

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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