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14.04.08

Wilhelm Ruprecht Frieling

Der Viagra-Mann kommt

Sie stehen vor der Tür. Sie stehen vor der Tür, aber ich lasse sie nicht herein. Sie pochen, sie rufen, sie lärmen. Ich lasse sie stehen. Draußen vor der Tür. Da sollen sie bleiben, bis sie schwarz werden.

Es ist spät. Es ist Nacht. Es ist kalt. Draußen schneit es. Doch sie kratzen an der Haustür. Sie kratzen an meiner Tür, und ich zittere vor Angst. Jetzt schiebt sich eine dürre Hand durch den Briefschlitz. Sie tastet im Nichts. Ich friere.

Durch den Türspion schaue ich sie an. Sie sind zu dritt: drei grotesk gekleidete Gestalten. Sie tanzen vor dem Haus und singen: »Bin ein kleiner König, gib mir nicht zu wönig!« Sie kommen als Heilige Drei Könige. Doch sie tarnen sich nur. Ich weiß es genau. Das sind die Kerle, die mich seit langem nerven. Täglich belagern sie mich mit obszönen E-Mails. Jetzt sind sie aus meinem blütenweißen iBook geschlüpft, als hätten sie nur auf eine Gelegenheit gewartet, sich zu verwandeln und mich zu packen.

Da steht Caspar. Ich erkenne ihn sofort. Er hat die Figur einer Raute, und auf seiner Brust prangt in fetten Lettern »VGR 25«. »Du lebst nur einmal - warum denn nicht was Neues ausprobieren«, krächzt er. »Ich bringe Dir Ciiaaaaaaalis und Viiaaaaagra«, röchelt das Wesen und rasselt mit einer monströsen Pillenpackung. Was hat der Kerl mir nicht alles versprochen! Ich würde »mein blaues Wunder erleben« und könne »ficken wie ein Weltmeister«, würde ich seine Potenzmittel schlucken. Aber ich blieb standhaft und lehnte alle Offerten ab. Dafür rückt er mir jetzt persönlich auf die Bude. Im Schneegestöber schimmert der Typ hellblau. Caspar ist der Viagra-Mann!

Daneben bebt sein Kumpel Melchior im Ganzkörperorgasmus. Er hat sich in glänzendes Gummi gezwängt und wirkt wie eine pralle Gurke kurz vor der Explosion. Das ist Dick the Prick, der Schwanzverlängerer. In seinen Mails hat er das schicksalhafte Format meines Penis bedauert. Gleichzeitig bot er mir eine Verlängerung um zehn Zentimeter plus eine Verdickung meines Gliedes um zwanzig Prozent an. Mehr als 700.000 Männer rund um den Globus seien zufrieden mit seiner Arznei, die er zur Gliedvergrößerung anbiete. Dick schickte mir sogar Vorher-Nachher-Fotos von John aus Florida und Dan aus Australien. In wenigen Monaten würde ich als neuer, sexuell hochaktiver Knabe wieder geboren und sei ebenso zufrieden wie die erwähnten Herren. Doch ich habe seine Angebote ignoriert. Und was habe ich davon? Jetzt stolziert die Bratwurst vor meiner Haustür und macht mich zum Gespött der Nacht.

Der Dritte im Bunde heißt Balthasar. Er stellte sich mit einfühlsamen E-Mails als fürsorglicher Onkel Wumba aus Kalumba vor. Der Mohr aus Nigeria will mir von unbekannten Verwandten einen goldenen Schrein mit Bargeld überreichen. Eine Millionenerbschaft warte im fernen Afrika auf mich, lediglich ein paar Tausender Vorlaufkosten seien zu erstatten, behauptet er in seinen Briefen auf Stummeldeutsch. Misstrauisch starre ich ihn durch den Türspion an und freue mich klammheimlich. Die europäische Kälte ist dem schwarzen Mann sichtlich fremd. Sein Ebenholzkörper zittert im Eisregen, während die Papiere, die ich unbedingt unterzeichnen soll, in seinem Tornister rascheln.

Ich wusste, dass die Bagage irgendwann bei mir auftauchen würde. Ihre nervige Assistentin kündigte ihren Besuch wiederholt an. Käme der Prophet nicht zum Berg, dann käme der Berg eben zum Propheten, schrieb sie mir sybillinisch. Sie nennt sich Trinity Walker und lebt angeblich in Boston. Schickt mir die Schlampe doch täglich dutzende E-Mails und behauptet, sie könne mein bestes Stück königlich verlängern. Ich müsse nur ein paar Pillen schlucken, dann wüchse mein Glied über Nacht zu einem prächtigen Prügel. Ich könne beim Wachsen förmlich zuschauen. Mit schlappen 89 Dollar sei ich dabei: abends eine Pille, und bereits am nächsten Morgen mache mich das Ergebnis staunen! Das nötige Geld könne ich aus einer Erbschaft nehmen, die mich im inneren Afrika erwarte. Weil ich nicht zuckte, hetzt sie mir jetzt ihren Chef, den Schwanzverlängerer, auf den Hals. Der Mafioso von der Nigeria-Connection und der Viagra-Mann begleiten ihn auf seiner Werbereise.

Der Schneesturm tobt. Das infernalische Trio gibt keine Ruhe. Ich habe es immer schon geahnt: Die Autoren der E-Mails existieren wirklich! Zitternd lege ich eine zusätzliche Kette vor, schließe die Vorhänge und verbarrikadiere mich. Ein kleines Fieber nimmt sich meiner an.

Mit letzter Kraft taumele ich zum Schreibtisch. Dort strahlt mein Laptop in die Nacht. Ich klappe den Deckel zu. Das Licht erlischt. Ruhe kehrt ein. Die Stimmen verebben. Die Heiligen Drei Könige verblassen im Dunkel der Nacht.

Morgen, gleich morgen wechsele ich meinen E-Mail-Anbieter.



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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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