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15.02.11

Wilhelm Ruprecht Frieling

Völliger Sinnlos

»Darf man einen übarfallenen Maden Haustier in einem Garten begraben,« fragt Anonym5994 auf gutefrage.net. – Gute Frage! Als Leser der Ratgeber-Community helfe ich dem Tschelluffjek gern weiter, obwohl ich kaum Nadsat spreche.

»Aber natürlich darfst du einen übarfallenen Maden Haustier in einem Garten begraben, wenn du es gern möchtest,« antworte ich dem Fragesteller, der aufgrund eines internen Punktesystems bereits den ehrenvollen Rang eines »Silber-Fragant« bekleidet: »Vergiss nur nicht, einen Duden mit in das Grab zu legen, denn sobald sich die Maden mit den Bücherwürmern paaren, geht die Party richtig ab. Und das Tollste an der Sache ist: wenn die Silberfische dazu Tango tanzen, kannst du die Miete mindern bis die Wände schwarz werden.«

WetWilly hingegen scheint die Frage überhaupt nicht verstanden zu haben und fragt den übarfallenen-Maden-Haustier-Autor: »Kannst machen verständlich Dar fRAGE?« Anonym5994 bleibt indes eine Antwort schuldig.

Lediglich Brigitta270755 beherrscht als eine der Wenigen das Idiom der Gemeinde. Die Dewotschka schlägt vor: »Ich bin dafür, dass wir mal mit dem Hut rumlaufen und ein bisschen Knete sammeln. Für 20 Geld kann man sich ne große Tüte Deutsch kaufen, das hat mir damals auch gehelft. Seitdem kann ich schreiben, was ich meine, so dass es jeder versteht.«

Im Dschungel der Online-Communities bildet gutefrage.net wie kaum eine andere die Pisa-Kompetenz der nachwachsenden Generation ab. Hier irrt der Leser durch Rechtschreibhöllen, stolpert durch den Steinbruch der Worte und schlägt sich Wege durch das Dickicht der Sprache. Oft hilft nur phonetisches Nachahmen, um das Kauderwelsch zu interpretieren.

Während in Ehren ergraute Oberlehrer im Ruhestand noch über das Deppenapostroph kichern und bastiansickmäßig disputieren, ob der Genitiv dem Dativ sein Tod sei, braust das wahre Leben mit geschlossenen Augen ohne Rücksicht auf Verluste den Steilhang hinab wie weiland Thüringens CDU-Ministerpräsident Althaus. Verona Feldbuschs »Da werden Sie geholfen ...« war gestern. Heute ist Völliger Sinnlos angesagt.

Das Internet wird zur Mördergrube der Sprache, und damit meine ich nicht mitunter durchaus nützliche Abkürzungen, Smileys und »I like«-Buttons. Inzwischen habe ich vielmehr volles Verständnis für den angeblich Geisteskranken, von dem Carl Gustav Jung in »Der Inhalt der Psychose« berichtet. Nach dem Grunde seines jahrelangen Schweigens befragt, erklärte der nämlich: »Weil ich die deutsche Sprache schonen wollte.« – Vielleicht war Jungs Patient einfach nur vorausschauend?

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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