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16.07.09

Wilhelm Ruprecht Frieling

Do you poken?

Als meine Großmutter 1952 einen monströsen Schwarzweißfernseher anschaffte, wurde sie zur Sensation des Städtchens. Die Nachbarschaft kam und bestaunte die sündhaft teure Flimmerkiste, von der es anno tobak gerade mal 4000 Stück in Deutschland gab. Zu fest gelegten Zeiten meldete sich Studio Hamburg und schickte bewegte Bilder in die Wohnstuben. Der Siegeszug eines Massenmediums begann, und meine Oma trug die Fahne voran. Heute würden wir die Gute wohl einen »Early Adopter« nennen und sie damit als Menschen bezeichnen, der technisch die Nase weit vorn hat.

Vielleicht waren es die großmütterlichen Gene, die mich anfixten. Jedenfalls besaß ich als erster an unserer Schule einen transportablen Plattenspieler, mit dem ich von Party zu Party zog und Singles bei 45 Umdrehungen und Langspielplatten mit 33 Umdrehungen abspielte. Verstärkt wurde die Musik durch ein Kofferradio, das über einen entsprechenden Eingang verfügte. Mit dieser Ausstattung war ich auf jeder Party ein willkommener Gast.

1977 schaffte ich meinen ersten Computer an, es war ein Apple II, und 1984 verschaffte mir der Apple Macintosh die technische Voraussetzung, einen Verlag zu gründen, der vollständig »computerisiert« arbeitete. Unternehmer aus Kollegenbetrieben kamen und schüttelten fassungslos den Kopf über meine Bemühungen, die ersten Bücher am Rechner zu setzen und zu gestalten. Tatsächlich sahen die ersten Ergebnisse noch jämmerlich aus, und Inhaber von Setzereien, die ich kannte, lachten mich sogar öffentlich aus. Aber ich war von der Vision infiziert, dass in dieser Technologie Zukunft liegen musste ... und der technische Fortschritt bestätigte mich. Im Ergebnis war ich es, der lachte.

Die technische Entwicklung hat inzwischen jedoch derartig an Rasanz gewonnen, dass es mir immer schwerer fällt, mitzukommen. Als ich neulich am Kölner Barcamp teilnahm, bemerkte ich, dass ich nun wohl den Anschluss verpasst habe. Dort begrüßten sich viele Teilnehmer der Veranstaltung, indem sie einen kleinen farbigen Plastikknochen aneinander rieben. Das Teil nennt sich Poken und überträgt bei Berührung eine elektronische Visitenkarte, um anschließend freundlich grün blinkend die erfolgreiche Übertragung anzuzeigen. Auf einer speziellen Poken-Webseite können die Daten später dank eines integrierten USB-Sticks abgeglichen und genauer betrachtet werden. So erfährt man in Wort und Bild, wen man zuvor getroffen hat.

Keine Frage. Ich besorgte mir sofort einen solchen Poken, um ebenfalls auf elektronische Weise zu knutschen und stürzte mich ins Getümmel. Damit hatte ich den Vorsprung wieder aufgeholt, denn gerade einmal 1.500 deutsche Early Adopters kennen und nutzen diese moderne Form der Kontaktaufnahme. In den Niederlanden sollen es angeblich schon mehr als 100.000 sein, die miteinander poken. Deshalb werde ich wohl bei meinem nächsten Amsterdam-Besuch mein neues Spielzeug umhängen und schauen, was sich ergibt.

Foto: Poken

Foto von Wilhelm Ruprecht Frieling

Mit anderen technischen Errungenschaften bin ich hingegen voll up to date. Selbstverständlich nutze ich ein MacBook Pro mit den neuesten Programmversionen. Ich lebe praktisch online, gleiche meine Daten per Bluetooth ab, sehe über einen DVB-Stick fern, navigiere mit dem GPS durchs Leben und lese Zeitungen und Bücher auf einem digitalen Reader. Schwierigkeiten bereitet mir lediglich das iPhone. Bei diesem großen Wurf aus Cupertino, der nicht nur von den Apple-Aficionados, den treuesten der Treuen, bejubelt wird, handelt es sich um »das beste Telefon der Welt«. Leider bin ich noch durch einen Vertrag an einen anderen Handy-Provider gebunden und kann erst nach Ablauf des zweijährigen Knebelvertrages wieder Anschluss finden. Und so fühlte ich mich geradezu minderwertig, als auf der Kölner Veranstaltung 200 von 250 Teilnehmern mit dem iPhone herum schwenkten, und lediglich eine kleine radikale Minderheit verschämt mit veralteten Geräten telefonierten.

Was heißt überhaupt telefonieren? Das Telefon ist inzwischen längst seiner ursprünglichen Funktion beraubt. Wer telefoniert denn heutzutage noch mit einem »Telefon«? Da wird direkt via Handy gesimst, getwittert und gemailt, das geht schneller und viel effektiver. Zum Telefonieren haben wir schließlich Skype, das auf unseren todschicken Laptops läuft und auch auf iPhones dort genutzt werden kann, wo nicht die böse Telekom ihr Monopol missbraucht.

Skype liefert schließlich neben dem Ton gleich noch das bewegte Bild vom anderen Ende der Leitung. Wir sind insofern nicht mehr nur ganz Ohr für unseren Gesprächspartner, wir sind im wahrsten Wortsinn voll dabei. Meine Traumfrau reagierte unlängst indes äußerst ungehalten, als sie zu später Stunde in mein Arbeitszimmer kam und von der eingebauten Kamera erfasst wurde. »Wer ist denn das«, fragte nämlich plötzlich eine junge Dame, mit der ich gerade skypte und die mittels meiner Kamera in meine Schöpferstube linste. Ich kann verstehen, dass es für meine Frau eine unerwartete Begegnung der neueren Art war. Wutentbrannt wurde mir jedenfalls Skype-Verbot auferlegt, damit sich Madame in ihrem eigenen Palast von fremden Frauen unbeobachtet fühlen kann.

Die mediale Überwachung, die wir uns freiwillig selbst auferlegen, nimmt tatsächlich immer krassere Formen an. Ein Vortrag, den ich beim Barcamp hielt, sollte life als Fernsehbild ins Internet gesendet werden. Zuvor wurde ich per Mikro verkabelt. Nun ahnte ich nicht, dass der Ton bereits übertragen wurde. Unbekümmert summte und pfiff ich vor mich hin. Die Zuschauer an den Empfängern amüsierten sich derweil und tippten die Melodien im Chat mit. Unmittelbar vor dem Vortrag wollte ich mich noch einmal erleichtern und suchte voll verkabelt die Oase der Stille auf. – Es war mein Glück, dass die Funkstrecke nicht bis ins Klo hinein reichte, um das freudvolle Pieseln des Early Adopters in alle Welt zu übertragen ...

Nach dieser Lektion ist mir endgültig klar geworden, dass wir ein Niveau erreicht haben, bei dem es »Privatheit« kaum noch gibt. Entsprechend diszipliniert versuche ich mich zu bewegen. Ich gestehe, es fällt mir schwer. Die Freude und die Lust am Umgang mit technischen Innovationen werde ich indes wohl trotzdem nicht verlieren, und den Poken werde ich bei nächster Gelegenheit ganz bestimmt wieder einsetzen. Ich bin schließlich meiner Oma verpflichtet!

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Foto: Wilhelm Ruprecht Frieling

Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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