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16.07.11

Wilhelm Ruprecht Frieling

Aufmerksamkeitsdefizit 2.0 oder: Tausend Titten Tanzen Tango

Mein Postfach blinkt, ich eile hin – Gummibaer007 hat einen meiner Blogeinträge kommentiert. Gleich will ich antworten, da fragt Erlebnischris auf Twitter, ob ich zum nächsten Barcamp nach Braunschweig komme. Äh, wann war das noch mal? Writingwoman lacht mich an und lädt ein, ihr neuestes YouTube-Video zum Thema Verlagssuche anzuschauen. Ein Klick auf den Link, schon ist sie im Bild.

Huch, mein Postfach quillt schon wieder über. Zwölf neue Mails in nur zwei Minuten – darunter ein Hinweis von tembo auf seine Rezension eines meiner E-Books auf Amazon. Das muss ich lesen, vielleicht lässt sich daraus ein neuer Tweet machen, denn ich habe schon seit Ewigkeiten nichts mehr getwittert. Meine knapp 9.000 Follower könnten denken, ich sei faul oder schon gar nicht mehr existent. Die Twitter-Timeline rast im Hintergrund. Dabei will ich doch endlich diese Kolumne schreiben ...

Vorher schaue ich nur schnell in meinen RSS-Reader: Waldbrand in Mallorca? – Dahinter steckt bestimmt wieder die Bau-Mafia. – Da klopft es an den Bildschirm: Tweet-Adder verlangt meine Aufmerksamkeit und will bedient werden. Das Programm erinnert mich irgendwie an die Tamagotchis aus der Frühzeit der Elektrospielzeuge, die ständig gefüttert werden wollten und dennoch starben. Im Hintergrund plaudert derweil Writingwoman, deren Videovortrag automatisch startete. Leider verstehe ich kein Wort, denn parallel jagt mir Joseph Calleja, der Malteser Tenor, mit einer Arie aus »La Bohème« kalte Schauder über den gebeugten Rücken.

Zurück zum Reader und einen schnellen Blick auf die Feuilleton-Übersicht vom Perlentaucher. Hatte ich wegen Braunschweig eigentlich schon geantwortet? Blink, Blink, Blink! Google+ meldet sich via Chrome: »59 Personen haben etwas mit Ihnen geteilt!« – »Lord Schadt und acht andere haben Sie auf Google+ hinzugefügt.« – Lord Schadt? – Nie gehört, ich muss jetzt aber auch weiter und die Geburtstagskinder des Tages auf Facebook grüßen.

Pling! Kiwi meldet sich per Mail und bittet, zwei Fragebogen auszufüllen, mit denen sie »den Bedarf ihrer Produkte am Markt erkunden« möchte. Ein Freundschaftsdienst. Das erledige ich am besten gleich, denn sobald die Mail erst mal zur späteren Bearbeitung geflaggt ist, verschwindet sie in den Tiefen der Ablage und wird frühestens am Nimmerleinstag bearbeitet. Genau so wie die von – ach, ich mag besser nicht darüber sprechen!

Freund Weltenweiser macht mich derweil auf einen Literaturwettbewerb aufmerksam. Schnell mal angucken, doch vorher noch einen raschen Blick ins Postfach ... LeseLaster, Mrs_Wittmann und Juliainfinland haben einen meiner Tweets retweeted. Das ist nett, aber welcher war es denn gleich? Ach, den hatte ich doch heute früh abgesetzt. Shit, schon wieder sind Stunden vergangen, und ich habe immer noch nichts geschafft. Jeden Tag das gleiche Spiel ...

Mika73 twittert »I'm at Hauptbahnhof Düsseldorf in Dusseldorf« ... wie gut, dass ich bei Gowalla, Places und ähnlichem Mist nicht mitmache und um das Amt des Bürgermeisters vom Imbiss an der Ecke kämpfen muss. Was soll ich auch für Standortmeldungen absetzen? Es muss schließlich nicht jeder wissen, dass ich bisweilen 16 Stunden pro Tag am Rechner hocke und von einer Baustelle zur nächsten haste ...

Hurra: Klasse, wie schnell sich mein E-Book »Wie veröffentliche ich ein Buch auf amazon.de?« dreht! (Pardon, ich musste kurz mal die Verkaufszahlen für meinen Kindle-Store bei Amazon aufrufen). Da ich gerade bei den Finanzen bin, logge ich mich flugs bei meinem Online-Banker ein, um den Stand meiner Aktien zu sehen. Zwei Auftragsbestätigungen warten dort – weg in die Ablage, wird schon alles stimmen.

Spieler7 bloggt derweil ein Gedicht. Wir duellieren uns gern mit Versen. Im Hinterkopf reift spontan ein Vierzeiler, aber ich will noch schnell in mein Depot schauen. Was reimt sich auf »schauen«? Klauen, hauen ... Mist, mein Wertpapierhaufen ist um 0,17% abgestürzt. Mit den Papieren komme ich auf keinen grünen Zweig, ich müsste mich unbedingt intensiver darum kümmern. Aber wann?

Schrrrrrupppp, der Newsletter der Berliner Philharmoniker schlägt auf. Schnell in den Papierkorb, bevor ich ihn öffne und mich einen Augenblick lang für die spannende Doku über Claudio Abbado interessiere. Wie war das gleich mit dem Reim? Writingwoman hat derweil ihren Vortrag beendet, Calleja schmettert in der Endlosschleife. Auf der Straße fährt ein gelbes Postauto vor. Gleich klingelt es, und die tägliche Paketration mit Besprechungsexemplaren, Rechnungen und Werbemüll schneit ins Haus. Auf einem großen Haufen liegen die ungeöffneten Päckchen vom Vortag. Erlebnischris fordert eine Rückmeldung ein. Ja doch, ich melde mich gleich wegen Braunschweig.

Hallo! »Martin W. möchte auf XING Ihr Freund werden.« Liegen lassen, auf der Plattform bin ich nur selten, und auch die sechs neuen Einladungen auf Qype ignoriere ich besser. Das iPhone brummt: schenklklopfer hat auf meinen Tweet geantwortet. Wie gut, dass ich jetzt nicht auch noch telefonieren muss, das dauert meist länger.

Durch das geöffnete Fenster schlägt die Kirchenglocke zwölf. Wie war das mit meinem Tagesplan? Zwei überfällige Rezensionen wollte ich schreiben, eine Interviewanfrage über E-Books beantworten, Korrekturen in ein Manuskript einarbeiten, den versprochenen Artikel über Ablageformate verfassen, und dann noch diese Kolumne. Neee, ich habe nicht vergessen, dass morgen Redaktionsschluss der »ARTiSCHOCKe« ist. Der versprochene Beitrag muss »nur« noch produziert werden.

Doch jetzt ist erst einmal diese Kolumne dran. Sonst bekomme ich wieder Mails im stets gleichen Tenor: »Wir lesen gar nichts mehr von dir, hast du mit dem Bloggen aufgehört?« oder »Was macht du eigentlich den ganzen Tag, schreib doch endlich mal wieder ein neues Buch« und »Geht es dir nicht gut, oder hast Du mich aus Deiner Adressliste gestrichen? Dein Newsletter ist schon lange nicht mehr angekommen?«

Die Tür zum Arbeitszimmer geht auf. Meine Traumfrau will Aufmerksamkeit. Ey, das passt jetzt aber gerade verdammt schlecht, ich muss doch endlich mal was schaffen. Ich sei immer noch nicht beim Optiker gewesen, mahnt sie. Der stinkende Hausmüll warte auf Beseitigung, die Hecke müsse geschnitten werden, diverse Rechnungen seien überfällig, im Keller stehe Wasser knietief, die Kinder brüllten vor Hunger, Hund und Katze streckten bereits alle viere von sich ... und überhaupt, sie werfe gleich meinen Laptop aus dem Fenster, wenn ich nicht bald losmache ...

Ja, ja, ja, gute Frau, aber wann denn nur, WANN? Ich habe noch so schrecklich viel zu tun, profane Arbeiten müssen da halt zurücktreten und ein wenig warten. Überhaupt: später werde ich alles sofort zuverlässig erledigen ...

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass mein Postfach bläht. Schreck, lass nach: Ein Kunde verlangt Beachtung. Auch das noch!

PS: Auf Digital Music News lese ich einen Bericht des siebenfachen Grammy-Gewinners John Mayer, dem immerhin vier Millionen Leser allein auf Twitter folgten. Der Songwriter bekennt sich in einem Vortrag an der kalifornischen Berkely University als »Tweetaholic« und meint, er hätte im vergangenen Jahr an nichts anderes denken können als an die Plattform, die er wie ein Instrument bedient habe. Im Ergebnis hätte er keinen Song mehr schreiben können: »Twitter Killed My Ability to Write a Song«, meint Mayer und schaltete seinen Account jetzt kurzerhand ab. ...

PPS: Fünf Jahre gibt es Twitter inzwischen, und ich bin von Anfang an dabei? Ich dachte eigentlich, die Sache mit den Ultrakurznachrichten hätte erst vor kurzem angefangen. Egal, da läuft gerade eine wichtige neue Mail ein, auf die ich schon länger warte ...

PPS: Falls der geneigte Leser ebenso wie ich unter dem Aufmerksamkeitsdefizit 2.0 leidet, wird er begrüßen, bis hierher durch den Titel »Tausend Titten Tanzen Tango« gefesselt worden zu sein. Ich könnte jetzt dreist behauten, damit seien die endlosen Ablenkungen des Web-Traffics gemeint. Aber ehrlich gesagt: Anders geht es in bestimmten Fällen einfach nicht mehr ...

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Wilhelm Ruprecht Frieling

Jahrgang 1952, lebt vom Schreiben. Aufgewachsen im rabenschwarzen Münsterland pendelt er zwischen Berlin und Palma. Feuilletons und Reportagen für Börsenblatt des deutschen Buchhandels, [..]

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